Wie die Katastrophe von Tschernobyl über Schaffhausen einbrach
Die Explosion des Reaktors in Tschernobyl gilt bis heute als eine der schwersten menschengemachten Katastrophen aller Zeiten. Auch in der Region sorgte die Radioaktivität für Angst – und wahrscheinlich auch für viele Tote, wobei man das wohl nie sicher feststellen wird.
Als der Feuerwehrmann Wassili Ignatenko in der Nacht auf den 26. April 1986 am brennenden Reaktor von Tschernobyl eintrifft, ist der Himmel vom orangen Glühen des Feuers erleuchtet. Der erfahrene Zugführer zögert nicht. Als ehemaliger Rotarmist lebt er nach dem Motto: Befehle werden befolgt, nicht hinterfragt. Gemeinsam mit seinen Männern steigt er auf das Dach von Block 3, von wo aus sie den offenen Reaktor sehen können.
Überall liegen schwarze Brocken – hochradioaktiver Graphit. Doch die Feuerwehrleute wissen das nicht. Sie löschen, atmen Rauch ein und nehmen mit jedem Atemzug tödliche Strahlung auf. Kurz nach zwei Uhr morgens brechen die ersten zusammen, sind teils zu schwach, um sich auf den Beinen zu halten. Ignatenko ist einer davon. Er wird erst nach Prypjat, später nach Moskau ins Spital gebracht. Wenige Wochen später stirbt er mit nur 25 Jahren an den Folgen der Strahlenkrankheit.
Ignatenko ist nur eines von vielen Opfern der Katastrophe von Tschernobyl. Vor 40 Jahren erschütterte sie die Welt – und auch die Ostschweiz, als sich eine radioaktive Wolke über Europa ausbreitete. Wie schwer die Folgen wirklich waren, ist bis heute umstritten. Experten gehen aber davon aus, dass Hunderttausende Menschen an den Folgen litten oder starben.
Als die Wolke Schaffhausen traf
Ein Blick in die damaligen Ausgaben der SN zeigt, wie wenig zunächst bekannt war. Drei Tage nach dem Unglück erschien eine erste Meldung als kleine Notiz in der Zeitung. Erst als in Schweden erhöhte Radioaktivität gemessen wurde, wurde das Ausmass klar.
«Die Katastrophe von Tschernobyl war und ist von anderer Art als andere Katastrophen, das macht sie so unheimlich», sagte die frühere Nationalrätin Martina Munz. Sie erinnert sich gut an diese Zeit: «Ich war mit meinem dritten Kind schwanger. Mir wurde bewusst, welche grosse Verantwortung ich für dieses besonders empfindliche Wesen trage.»
Die radioaktive Wolke erreichte Anfang Mai die Schweiz. Besonders betroffen waren der Jura und die Ostschweiz. Am 2. Mai wurde etwa in Stein am Rhein an der Polizeistation eine Strahlung von 40 Mikroröntgen pro Stunde gemessen. Röntgen wurde damals noch verwendet, um die Belastung von ionisierender Strahlung zu bestimmen, heute verwendet man Sievert. Der Wert entsprach also 0,4 Mikrosievert. In der Ostschweiz wurden maximal 1 Mikrosievert (mSv) pro Stunde gemessen. Zum Vergleich: Bei einer Röntgenaufnahme im Krankenhaus wird etwa eine Strahlung von 0,1 mSv abgegeben.
Trotz teils deutlich erhöhter Belastung gaben sich die Behörden lange beruhigend: «Die Lage ist immer noch absolut ungefährlich.»
«Das Gefühl, mein Kind mit der eigenen Muttermilch vergiften zu können, das möchte ich nicht noch einmal erleben.»
Doch die Unsicherheit blieb. «Viele lokale, landwirtschaftliche Produkte waren kontaminiert», erinnert sich Munz. «Es war herausfordernd, die Familie möglichst gesund zu ernähren.» Besonders gross war die Angst bei stillenden Müttern. «Das Gefühl, mein Kind mit der eigenen Muttermilch vergiften zu können, das möchte ich nicht noch einmal erleben», so Munz.
«Die Wolke hat an der Grenze kehrtgemacht»
Zur Sicherheit empfahl der Bund Vorsichtsmassnahmen: Gemüse waschen, Zisternenwasser meiden. Doch viele hielten sich kaum daran. Auf dem Schaffhauser Wochenmarkt wurde weiter eingekauft wie gewohnt, wie ein Bericht in den SN zeigte, auch wenn eine gewisse Unsicherheit zu spüren war. Schweizweit litten aber viele Bauern unter Absatzproblemen, da ihre Produkte gemieden wurden und nicht abgesetzt werden konnten.
Unterschiedliche Reaktionen in Europa auf die Katastrophe sorgten zusätzlich für Verunsicherung. Während Deutschland strengere Regeln einführte, blieb man in der Schweiz vergleichsweise zurückhaltend. «Die Wolke hat an der Grenze kehrtgemacht», wurde damals spöttisch gesagt, wenn man in Deutschland auf die viel lockerere Schweiz schaute.
Eine solche Katastrophe konnte aber nicht passieren, ohne dass sie Reaktionen in der Bevölkerung hervorrief. In Schaffhausen wurden etwa Unterschriften gesammelt, Proteste organisiert und ein Ausstieg aus der Atomenergie gefordert. Selbst der damalige Baudirektor sprach sich für ein Moratorium beim Bau neuer Kernkraftwerke aus. Die Kernkraft blieb aber bis heute ein wichtiger Bestandteil der Schweizer Energieversorgung. In der Schweiz sind derzeit vier Kernreaktorblöcke an drei Standorten in Betrieb und sorgen für ein Drittel der Gesamtenergie.
Was man erst später erfahren hat
Direkte gesundheitliche Folgen waren zunächst schwer nachzuweisen – doch spätere Studien deuten auf Auswirkungen hin. So stieg die Säuglingssterblichkeit in der Schweiz ab 1987 um über zehn Prozent. Auch wurden mehr Fehlgeburten registriert. Experten schätzen zudem, dass es in der Schweiz mindestens mehrere Hundert zusätzliche Krebstote gegeben haben könnte und einen deutlichen Anstieg von Kindern mit Gendefekten wie Trisomie 21.
Weitere Untersuchungen, etwa des Bundesamtes für Gesundheit, zeigten einen Anstieg von Schilddrüsenerkrankungen, besonders in der Ostschweiz. Ursache dürfte radioaktives Jod gewesen sein, das sich in der Schilddrüse anreichert.
Wie stark die Menschen in den am stärksten betroffenen Regionen litten, erlebte Martina Munz später als Präsidentin des Vereins «Hoffnung für Kinder von Tschernobyl». «Der Gesundheitszustand der Kinder war schlecht. Ihr Immunsystem war geschwächt und sie durften sich oft nicht im Freien aufhalten.» Viele Kinder aus Belarus verbrachten deshalb Ferien in der Schweiz, auch im Klettgau.
Eine genaue Opferzahl wird es wohl nie geben. Studien der Ärzteorganisation International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) schätzen, dass die Tschernobyl-Katastrophe ungefähr 900'000 Tote durch Krebserkrankungen und Spätfolgen in Europa verursachte.
