Wie verhalte ich mich, wenn ich ein Vögeli auf der Strasse finde, das nicht fliegen kann?
Die Brutzeit hat begonnen, kleine Vögel können aus ihren Nestern fallen oder verlassen das Nest, bevor sie fliegen können. Manchmal brauchen sie Hilfe, aber in vielen Fällen sollte man die Vögelchen in Ruhe lassen. Warum?
Dieser Artikel erschien erstmals im April 2024. Die Verhaltenstipps gelten weiterhin. Wir schenken Ihnen diesen Artikel. Lust auf mehr? Dann holen Sie sich einen uneingeschränkten Zugang zu erstklassigen Artikeln auf shn.ch mit dem Digital Abo.
Am Strassenrand, gleich neben einem grossen Gebüsch, sitzt ein Vögelchen. Ein Auto fährt vorbei, und trotzdem: Es fliegt nicht davon. Eine Frau hebt es auf, sie denkt, es sei verletzt – das könnte «Kindsentführung» sein, sagt Helen Homberger von der Vogel- und Wildtierpflege Schaffhausen. Kürzlich hat auch die Schweizerische Vogelwarte eine Medienmitteilung verschickt, der Titel: «Hände weg von Jungvögeln». Der Hintergrund ist, dass die Jungvögel, die ausserhalb des Nests sind, nicht immer zwingend Hilfe vom Menschen benötigen.
Die Brutzeit hat begonnen, vor allem Jungamseln gibt es im Moment viele. Brutzeit heisst auch, dass die Vögel ab und an aus ihren Nestern fallen. «Das kann passieren, wenn das Nest exponiert ist, zum Beispiel in einer Hecke, die frisch geschnitten ist», so Homberger. Gewisse Vögel, zum Beispiel Spatzen oder Hausrotschwänze, suchen Nischen an Häusern, unter Dächern oder in Rolladenkästen. Solche Nischen können unsicher sein. Doch nicht immer fallen die Piepmatze aus den Nestern. Viele Vogelarten verlassen das Nest, bevor sie fliegen können – sie gehen fliegen üben, so Homberger.
Entdeckt man also einen Jungvogel, solle man ihn zunächst einmal in Ruhe lassen und sich drei Fragen stellen, sagt sie.
1. Hat das Vogelbaby Federn?
«Wenn das Vogelbaby noch keine Federn hat, ist es ein Notfall», sagt Homberger. Wenn man Glück hat, entdeckt man das Nest, aus dem es herausgefallen ist und könne das Vögeli zurücksetzen. «Man kann es mit blossen Händen anfassen, das schadet nicht.» Die Eltern verstossen das Vögelchen nicht, denn die Tiere erkennen sich nicht am Geruch, sondern an der Stimme. Sieht man das Nest nicht, müsse das Tier dringend gewärmt werden. «Ein Jungvogel ohne oder mit nur wenigen Federn kühlt sehr schnell aus.»
«Wir können die Jungvögel in der Pflegestation zwar aufziehen, aber nicht so wie ihre Eltern.»
Helen Homberger, Vogel- und Wildtierpflege Schaffhausen
Im Nest wird er von den Geschwistern und Eltern gewärmt, da er seine Temperatur selbst noch nicht halten kann. Ohne diese Wärme ist seine Energie schnell aufgebraucht und es kann laut Homberger bald zu spät sein, um ihn zu retten. «Das Dringendste ist in diesem Moment nicht das Futter, auch wenn der Schnabel weit geöffnet ist.» Sie empfiehlt, das Vogelbaby in einer solchen Situation auf eine Wärmeflasche oder ein Kirschkernkissen zu betten und dann möglichst bald in die Pflegestation zu bringen.
2. Ist der Jungvogel verletzt?
«Nicht selten entdecken Räuber – meist Katzen – Nester und bringen Jung- oder auch erwachsene Vögel nach Hause.» In solchen Fällen müsse das Tier in jedem Fall tierärztlich untersucht oder in die Pflegestation gebracht werden. «Katzen haben scharfe Krallen und spitzige Zähne, das gibt oft Stich- oder Quetschwunden, die man als Laie auf den ersten Blick nicht unbedingt sieht.»

3. Hüpft das Vögelchen herum?
Sobald der Jungvogel rundherum Federn hat und sich zwar aufrecht halten, aber offensichtlich noch nicht fliegen kann – das heisst, auf dem Boden oder Ast herumhüpft und nicht mehr flach auf dem Boden sitzt – hat er das Nest verlassen. «Diese Vögel sind das Pendant zu den Kindergartenkindern: Sie sind zwar allein unterwegs, aber die Eltern sind in der Nähe und haben ihre Kinder im Blick», sagt Homberger. Diese sind oft auf Futtersuche, betreuen ihre Jungvögel aber weiterhin.
Sind die Vögel also gefiedert, unverletzt und können hüpfen, solle man sie in Ruhe lassen. «Die Vogelkinder müssen viel von ihren Eltern lernen: wie man sich versteckt, wo man Futter sucht. Wir können die Vögel in der Pflegestation zwar aufziehen, aber nicht auf dieselbe Art wie die Eltern.» Hüpft ein Vögelchen mitten auf der Strasse oder wähnt man es in sonstiger Gefahr, könne man es aufheben und ein paar Schritte weiter in ein Gebüsch setzen, damit es die Eltern noch finden.

Homberger ist froh, wenn die Leute bei einem Vogelfund immer zuerst anrufen, bevor sie handeln. Es komme durchaus vor, dass die Tierpflegerinnen raten, die Vögel an den Fundort zurückzubringen oder zu beobachten, ob die Vogeleltern auftauchen. Im Moment sind es noch eine Handvoll Anrufe pro Tag, die Homberger entgegennimmt. Ab Mitte Mai sind es jeweils schon 20 bis 30 Anrufe pro Tag.
Die Vogel- und Wildtierpflege Schaffhausen ist unter 077 414 78 24 erreichbar.