Ob Lesen, Denken und Streiten Spass macht? Und wie! Mirna Funk zeigt, wie es geht

Andreas Schiendorfer | 
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Vielbeschäftigte und streitbare Schriftstellerin, Kolumnistin und Podcasterin: Mirna Funk bei ihrer Lesung in der Eisenbibliothek. Bild: Michael Kessler

Mit der deutsch-israelischen Jüdin Mirna Funk las am Mittwochabend eine gleichermassen unterhaltsame wie unbequeme Autorin in der Eisenbibliothek – eine Grenzen sprengende, spannende Erzählzeit.

«Der Pony: eigentlich einen Tick zu kurz. Das restliche Haar: schulterlang. Riesige Augen. Eindringlicher Blick. Eine starke Frau. Wissend. Furchtlos. Vermutlich einem tiefen Schmerz geschuldet. Anders konnte sich Amira diese Art von Furchtlosigkeit nicht erklären. Eine solche Furchtlosigkeit entsteht nur in Menschen, die dem Grauen einmal tief in die Seele geschaut haben.» Mirna Funk unterbricht nach acht Minuten ihre Lesung, ein Mitarbeiter der Eisenbibliothek bringt ein Glas Weisswein, entlockt ihr einen leisen Schrei des Entzückens.

«Ich finde es wichtig, dass man auch als Autor Spass an seiner eigenen Lesung hat und den Abend genauso geniessen kann wie das Publikum.»

Mirna Funk

«Ich finde es wichtig, dass man auch als Autor Spass an seiner eigenen Lesung hat und den Abend genauso geniessen kann wie das Publikum», stellt Funk eingangs fest – und mit dem üblichen Wasser ist aus ihrer Sicht der Spassfaktor doch erheblich reduziert. Allerdings ist das wohl eher eine Frage des Prinzips, sie wird im Laufe des angeregten Abends am Glas nur nippen.

Die entscheidende Nuance an dieser Szene aber ist: Die Autorin hat ausdrücklich von Autor gesprochen …

«In Israel benützt man dieses Wort nicht: Für Chaos sagt man Balagan.»

Mirna Funk

Der Abend wird zum chaotisch-informativen und chaotisch-unterhaltsamen Ereignis, nicht zuletzt dank der von Franziska Eggimann, der Leiterin der Eisenbibliothek, zwischen den Lesepassagen geschickt gestellten Fragen. Nein, eigentlich ist es gar kein Chaos, obwohl dieser Begriff immer wieder fällt, aber die Einordnung all des Gehörten ist nicht ganz einfach und kann schon zu einer gewissen Verwirrung führen. Zu einem Tohuwabohu. Wer allerdings diesen hebräischen Ausdruck (für den chaotischen Zustand der Erde vor der Schöpfung) verwendet, um, bewusst oder unbewusst, auf seine höhere Schulbildung zurückzugreifen, entlarvt sich gleich selbst. «In Israel benützt man dieses Wort nicht», stellt Mirna Funk klar. «Für Chaos sagt man Balagan.»

Abschluss einer Trilogie

Der im Januar 2026 erschienene Roman «Balagan» ist der Abschluss einer Trilogie, lässt sich aber problemlos eigenständig lesen und entwickelt sich laut Funk-Eggimann im Laufe seiner 365 Seiten von einem Märchen – die mittellose Amira kommt über Nacht zu einem sagenhaften Reichtum – zu einem Thriller und zu einer Art Roadmovie.

«Balagan» befindet sich bereits 2021 auf der Zielgeraden, doch nach dem 7. Oktober 2023 muss der äussere Rahmen aktualisiert werden. Die Verzögerung geht auf zwei Sachbücher zurück. Auf diese wird in der Lesung zwar nicht näher eingegangen, trotzdem sind sie für ein Gesamtbild der Autorin nicht unwichtig: «Who Cares! Von der Freiheit, Frau zu sein» (2022), in feministischen Kreisen bestenfalls kontrovers aufgenommen, und «Von Juden lernen» (2024), auch dies eine Sichtweise, die nicht gerade dem Mainstream entspricht.

Munterer Austausch: Autorin Mirna Funk und Moderatorin Franziska Eggimann. Bild: Michael Kessler

Auch Kolumnen und Podcasts von Mirna Funk gibt es zuhauf. Franziska Eggimann schätzt ihre Kommentare in der NZZ zu aktuellen Fragen im Nahen Osten; für die deutsche Vogue schreibt sie über das jüdische Leben heute, und in der Frauenzeitschrift Cosmopolitan erscheint eine monatliche Sexkolumne.

2011 wird ihr Roman «Winternähe» von der Literaturkritik mit Begeisterung aufgenommen, darin verarbeitet sie unter anderem den Umstand, dass sie keine richtige Jüdin, weil Vater-Jüdin ist. Auch die Fortsetzung «Du und ich» (2021) wird zum Erfolg, bei «Balagan» sind die ersten Reaktionen verhaltener. Scheinbar bedient sich Funk zu vieler Klischees, wenn es etwa um den neuen Antisemitismus in Berlin geht oder sie die Spitzen der Woke-Bewegung bricht. Das muss man in der literarisch-neutralen Schweiz keineswegs so sehen. Balagan eben.

Deutsche Juden in der DDR

«Ich wollte die jüdische Erfahrung erzählen, in der DDR geboren und aufgewachsen zu sein», umschreibt Mirna Funk die Motivation ihrer Trilogie. «Das ist nahezu unbekannt.»

Und in der Tat: Unser Wissen über die Juden in Deutschland ist marginal. «In Westdeutschland gab es nach dem Zweiten Weltkrieg keine deutschen Juden mehr. Die noch rund 20 000 Juden stammten aus Polen oder der Ukraine, haben in den Konzentrationslagern überlebt oder sind sonst irgendwie hier gestrandet», so die mittlerweile 45-jährige Schriftstellerin. «In der DDR hingegen lebten 5000 deutsche Juden. Sie sind nach dem Kriegsende aus dem Exil hierhergezogen, um als Kommunisten aktiv am Aufbau eines sozialistischen Staats mitzuwirken. Sie haben darin keinen Widerspruch gesehen, allerdings war das rituelle Ausleben des Judentums nicht möglich.»

In Balagan kommt tatsächlich der Jude Max Altman aus Israel nach Ostberlin, wo er nach dem Mauerbau nicht mehr wegkommt, zumal er eine Berliner Nicht-Jüdin heiratet. Noch rechtzeitig macht er sich in Südfrankreich auf die Suche nach der wertvollen Kunstsammlung der Familie, die er aber, wie er ein Leben lang beteuert, nicht findet; ausser seiner Enkelin Amira glaubt ihm niemand.

Gerechtigkeit und Selbstjustiz

Das Thema Raubkunst wird für einmal auf völlig andere Weise dargestellt. Und auch hierzu liefert Funk Zahlen. 600 000 Kunstwerke sind den Juden gestohlen worden, 100 000 davon sind noch immer verschwunden. «Da gibt es doch diese Sammlung, da gibt es dieses Bild – ein wiederkehrendes Motiv in der deutsch-jüdischen Geschichte. Auch in meiner Familie», so Mirna Funk. «Meine Ururgrosseltern Lola und David Leder waren in Chemnitz Sammler und Mäzene, Lola war wohl eine Geliebte des Malers Max Liebermann. Auch bei uns gab es diese Gerüchte um die verschollene Sammlung. Aber ich denke, dass sie einfach in der Not alle Bilder verkauft haben. Doch als Prämisse für meinen Roman passt es sehr gut.» Und dass dies Stoff für innerfamiliären Streit und auch für thrillerartige Provenienz-Unklarheiten bietet, versteht sich von selbst.

«Wir leben in einer Zeit der rebellischen Selbstjustiz, die mancherorts von vielen Teilen der Bevölkerung unterstützt wird.»

Mirna Funk

In der kurzen Diskussion nennt Mirna Funk eine weitere wichtige Komponente bei «Balagan»: Gerechtigkeit und Selbstjustiz. «Ich lehne Selbstjustiz total ab, fand aber diese Frage trotzdem sehr spannend. Wir leben in einer Zeit der rebellischen Selbstjustiz, die mancherorts von vielen Teilen der Bevölkerung unterstützt wird.»

Das Werkzeug der Protagonisten

Schliesslich bleibt das ausgiebig diskutierte Verhältnis der Autorin zu ihrer Hauptfigur und ihren Protagonisten. Obwohl Amira zahlreiche Facetten von Mirna Funk aufweist, wehrt sich die Schriftstellerin entschieden gegen eine Gleichsetzung. «Wie viele Personen soll ich eigentlich noch sein», fragt sie scheinbar entrüstet. «Ich habe drei Romane geschrieben und die Hauptfiguren Lola, Nike und Amira sind doch sehr unterschiedlich.»

«O Gott, für wen schreibe ich? Ich denke, ehrlich gesagt, über mein Publikum überhaupt nicht nach.»

Mirna Funk

Für wen sie eigentlich schreibe, will Franziska Eggimann wissen – und erhält eine überraschende Antwort: «O Gott, für wen schreibe ich? Ich denke, ehrlich gesagt, über mein Publikum überhaupt nicht nach. Ich denke eigentlich nur an meine Protagonisten und daran, dass ich diese Geschichte für sie erzählen muss. Ich verstehe mich als ihr Werkzeug. Während des Schreibens ist es so, dass ich als Mirna Funk völlig verschwinde. Das ist das Einzige, was mir am Schreiben Spass macht, dass ich für eine Weile gar nicht mehr existiere, dass diese Figuren nämlich in mich hineinschlüpfen und mir sagen, was ich zu schreiben habe, eine Art von method writing gewissermassen.»

Schwer, sich ein klares Bild zu machen

Am Anfang steht allerdings doch die Autorin und erstellt ein umfassendes Dossier über jede Person und die ganze Handlung. Dafür belässt sie dann den Protagonisten im Laufe des Schreibens die Möglichkeit, andere Entscheidungen zu treffen, wenn sie sich nur entlang der vorgegebenen Dramaturgie bewegen.

Nach dem Signieren des letzten Buches verschwindet die Autorin relativ schnell aus dem Paradies in Richtung Hotel in Flughafennähe. Am anderen Morgen geht es für sie via Athen zurück nach Tel Aviv. Die viel beschäftigte Vielfliegerin. Mirna Funk verhindert damit aber auch, dass sich jemand ein klares Bild von ihr machen kann. Es gibt im Laufe des Abends nämlich auch Momente, wo sie nicht als starke Frau erscheint, sondern als zerbrechliches Wesen. Das macht sie, bei allen unbequemen Meinungen, sympathisch.

Mirna Funk: Balagan. dtv, München 2026, 368 Seiten, 37.90 Franken.

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