Adipositas ist eine Krankheit, keine Schwäche: So wird Betroffenen in Schaffhausen geholfen

Ralph Denzel | 
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Wer einen BMI von über 30 hat, gilt als fettleibig. Dass es sich dabei um eine Krankheit handelt, wissen allerdings viele Menschen nicht. Dabei gäbe es Hilfe direkt vor Ort.

43 Prozent oder 3,9 Millionen. Das ist die Anzahl der Menschen in der Schweiz, deren Body-Mass-Index über 25 liegt und die somit als übergewichtig gelten. Zudem leiden 13 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer an Adipositas, also Fettleibigkeit.

Die Liste der Krankheiten, die Fettleibigkeit hervorrufen kann, ist umfangreich. Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein erhöhtes Krebsrisiko sind nur einige. Betroffene leiden oft aber nicht nur unter den gesundheitlichen Folgen ihrer Krankheit, sondern auch unter den Vorurteilen in der Gesellschaft.

Die Rolle der Gene

Auch in Schaffhausen hat man das Problem erkannt. Seit 2015 sind die Spitäler Schaffhausen Mitglied des «Adipositas Netzwerk», zusammen mit dem Kantonsspital Winterthur und dem GZO Spital Wetzikon (Gesundheitszentrum Zürcher Oberland). Wenn Betroffene sich an das Netzwerk wenden, werden sie wohl auch auf Beat Schmid treffen. Dieser ist Leiter Endokrinologie/Diabetologie am Kantonsspital.Gesundheitszentrum Zürcher Oberlandin 

«Ein grosser Teil des Gewichts wird einem in die Wiege gelegt.»

Beat Schmid, Leiter Endokrinologie/Diabetologie

Im Gespräch im Schaffhauser Fernsehen räumt er dabei erst mal mit einem Vorurteil auf: «Das Erste, was wichtig ist, ist, dass etwa 50 Prozent des Gewichts genetisch determiniert ist. Ein grosser Teil des Gewichts wird einem in die Wiege gelegt.» Natürlich kämen dann auch Zusatzfaktoren wie der Lebensstil, Medikamente oder mangelnde Bewegung dazu, aber letztlich sei die Veranlagung einer der Hauptgründe für Übergewicht.

Beat Schmid, Leiter Endokrinologie/Diabetologie am Kantonsspital. Bild: zVg

«Das Wissen fehlt aber vielen Menschen. So heisst es immer, es ist deine eigene Schuld, dass du nicht abnehmen kannst. Du müsstest einfach weniger essen», erzählt er aus seiner Praxis.

Was ist der Body Mass Index?

Body Mass Index ist eine Formel zur Klassifizierung des Körpergewichts. Dabei teilt man das eigene Körpergewicht durch die Grösse in Metern hoch 2.

Gewicht/(Körpergrösse)²=BMI

Das Ergebnis kann man dann in vier Kategorien einordnen: Liegt der Wert unter 18,5 hat man Untergewicht. Ideal ist ein BMI zwischen 18,5 und 24,9. Ab 25,0–29,9 spricht man von Übergewicht und ab einem Wert von 30 und höher befindet man sich schon im Bereich von Adipositas, also starkem Übergewicht.

Nur, auch damit ist es nicht unbedingt getan. Was wohl jeder schon mal gemerkt hat, der abnehmen wollte: «Sobald man mal übergewichtig ist, ist es sehr schwierig, abzunehmen, weil der Körper das neue Gewicht verteidigt», so Schmid. So schaltet der Körper erst mal in eine Art «Sparmodus», wenn man aktiv versucht, durch Diät Gewicht zu verlieren. Für wirklich adipöse Menschen ist eine Diät oft aber nur ein Baustein, wie der Experte sagt.

«Es ist einfach nicht möglich, viel abzunehmen», erklärt er. «Realistisch ist vielleicht, dass man mit einer Lebensstiloptimierung zwischen fünf und zehn Prozent des Gewichts reduzieren kann.»

Wenn nur eine Operation hilft

Weitere Bausteine können dann eine Verhaltenstherapie, aber auch eine Ernährungsberatung und Bewegungstherapie sein. Manchmal muss man aber auch zu chirurgischen Mitteln greifen, wie Adrian Dudli, Leitender Arzt der Viszeralchirurgie an den Spitälern Schaffhausen, erklärt. «Das kommt aber meistens erst bei einem erhöhten Übergewicht in Frage.» In Zahlen: bei einem BMI von 35.

Ärzte führen eine Magenbypass-Operation an einem Adipositaspatienten durch. Symbolbild: Keystone

Auch dort begegnen den Betroffenen und den Ärzten aber oft wieder Vorurteile: «Du hast jetzt ja den leichten Weg gewählt», höre man öfter, so Dudli. Aber er widerspricht da vehement: «Es ist kein einfacher Weg.» Einerseits hätten die Leute, für die eine Operation in Frage komme, oft schon vorher eine lange Leidensgeschichte gehabt. «Und auch nachher wird die Therapie nie einfach. Sie müssen dann ganz viel umsetzen, ganz viel mitmachen.»

Adrian Dudli, Leitender Arzt der Viszeralchirurgie. Bild: zVg

In Schaffhausen werden etwa von Dudli zwei Arten von Operationen durchgeführt: der Magenbypass und die Schlauchmagen-Operation.

Beim Magenbypass wird der Magen unterhalb der Speiseröhre in zwei Teile geteilt. So entsteht ein kleiner oberer Teil, der sogenannte «Pouch», der vom restlichen Magen abgetrennt wird. Der Dünndarm wird im oberen Bereich ebenfalls durchtrennt und mit dem «Pouch» verbunden. Der Dünndarm, der von dem verbleibenden grösseren Teil des Magens kommt und die Verdauungssäfte enthält, wird mit dem am Pouch angesetzten Dünndarm so vernäht, dass 1,5 Meter Dünndarm umgangen werden und somit auf dieser Strecke keine Verdauung stattfindet. Die Folge: Man kann weniger Essen, es werden weniger Nährstoffe aufgenommen und man ist schneller satt. 

«Im Schnitt nimmt man im ersten Jahr zwischen 70 bis 80 Prozent von dem, was zu viel ist, ab.»

Adrian Dudli, Leitender Arzt der Viszeralchirurgie

Bei der Schlauchmagen-Operation werden rund drei Viertel des Magens entfernt. So wird ein Schlauch gebildet, der ein kleineres Fassungsvermögen hat. Auch hier gibt es später ein geringeres Hungergefühl.

«Beide Operationen sind bei der Gewichtsreduktion sehr erfolgreich», so Dudli. «Im Schnitt nimmt man im ersten Jahr zwischen 70 bis 80 Prozent von dem, was zu viel ist, ab.»

Abnehmspritzen und ihre Grenzen

Wer sich nicht für eine Operation entscheidet, hat seit einigen Jahren noch eine weitere Möglichkeit, auch wenn diese durchaus nicht nur Vorteile bietet: Abnehmspritzen.

43 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer sind übergewichtig, 13 Prozent leiden an Adipositas, also krankhaftem Übergewicht. Bild: Keystone

 Allerdings können diese auch nur bis zu einem gewissen Teil helfen, wie Beat Schmid sagt. «Man muss sich bewusst sein, man nimmt auch innerhalb von einem Jahr, je nach Präparat, 5 bis 20 Prozent vom Körpergewicht ab.» Was erst mal nach viel klingt. Es gibt aber ein Problem: Danach geht es nicht mehr weiter, die Spritze braucht man aber weiterhin. «Sobald Sie die Spritzen absetzen, geht das Gewicht wieder hoch», sagt Schmid.

«Es geht bei Adipositas nicht um fehlenden Willen, abzunehmen.»

Beat Schmid, Leiter Endokrinologie/Diabetologie

Allerdings sei es am Ende egal, für welche Methode man sich entscheidet, wichtig sei, dass man den Mut aufbringt, sich behandeln zu lassen. «Es ist sicher eine grosse Überwindung», so Dudli. «Man muss sich mehr exponieren, geht zu jemand Fremdem und äussert, dass man ein Problem hat mit Übergewicht. Das ist meistens schon der schwerste Schritt.»

Wer es so weit schafft, erlebt dann meistens etwas Positives: «Es ist eine grosse Erleichterung, wenn Betroffene jemandem gegenübersitzen, der Verständnis dafür hat», sagt Schmid.

«Es geht bei Adipositas nicht um fehlenden Willen, abzunehmen», so Schmid. Es gehe um Scham. «Diese Scham verhindert, dass man Hilfe sucht. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man da rauskommt.» Letztlich gehe es dann ja auch nicht darum, «einfach schlanker» zu sein, damit man besser aussehe. «Es geht effektiv auch um Gesundheit.»

Anlaufstellen für Hilfe

Das Adipositaszentrum der Spitäler Schaffhausen:

Kantonsspital
Adipositaszentrum
Geissbergstrasse 81
8208 Schaffhausen

Telefonisch ist das Zentrum unter der Rufnummer +41 52 634 27 07 zu erreichen. Die E-Mail-Adresse lautet: [email protected].

Hier finden Sie die nächsten Veranstaltungen des Zentrums.

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