Zwangsarbeit, Krieg und Versöhnung: Die Theresienkapelle von Singen

Ralph Denzel | 
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Mitten im Industriegebiet von Singen steht ein unscheinbares kleines Gotteshaus – und erzählt eine der eindrücklichsten Geschichten der Stadt. Eine Geschichte von Zwangsarbeit, Gewalt und Schuld, aber auch von Menschlichkeit, Versöhnung und Neubeginn.

Im deutschen Singen gibt es eine Redensart: «Du bist kein echter Singemer, wenn du nicht mindestens einmal im Leben in der GF, in der Alu oder bei der Maggi gearbeitet hast.» Diese drei Industriefirmen, die Schaffhauser Georg Fischer AG, die Aluminiumwalzwerke Singen und Maggi, prägten die Stadt fast so sehr wie der Hohentwiel – im positiven wie auch im negativen Sinne.

Einerseits waren sie Garant für Wirtschaftswachstum und mit die wichtigsten Arbeitgeber in der Stadt, aber auch Orte, an denen während des Zweiten Weltkrieges unvorstellbares Leid geschah. Wie sollte man, als das Naziregime gefallen war, wieder zu einem guten Miteinander kommen? Ausgerechnet an einem Ort, an dem es so viel Leid gab, gibt es ein Beispiel, wie das gelingen konnte: die Theresienkapelle.

Menschen werden wie Vieh behandelt

Als der Zweiten Weltkrieg 1939 begann, kam es auch in Singen zu einer breit angelegten Mobilmachung. Viele Männer wurden an die Front geschickt und fehlten in der Folge in der Heimat als Arbeitskräfte. Vor allem für die drei Industriefirmen war das ein massives Problem.

Da immer mehr Männer an die Front mussten, griff man irgendwann auf «Ostarbeiter» zurück. «Man hat zuerst Frauen rekrutiert, weil die Männer zur Wehrmacht eingezogen waren», erklärt Carmen Scheide, 1. Vorsitzende des Fördervereins Theresienkapelle und Historikerin an der Uni Bern. «Das hat natürlich nicht gereicht. Und Frauen konnten auch für bestimmte schwere Arbeiten wie zum Beispiel in der Giesserei nicht eingesetzt werden.» Ab 1942 gab es dann aufgrund der besetzten Gebiete in Osteuropa die Massnahme, dass man Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter rekrutiert. «Die wurden regelrecht von der Strasse weggefangen», sagt Scheide.

Kriegsgefangene aus den Ostgebieten «ziehen» in das Lager ein. Bild: Stadtarchiv Singen

Dank dem Amateurhistoriker Wilhelm «Willi» Weibel, der in akribischer Kleinstarbeit unzählige Zeitzeugen dieser Zeit aufgespürt hatte, konnte man erfahren, wie brutal die Nazis dabei vorgingen. «Wir haben Beschreibungen, dass dann Personen zum Beispiel nach Stuttgart gekommen sind und dort auf so einer Art Marktplatz sich aufstellen mussten», erklärt Scheide. Wie Vieh wurden sie dann «weiterverteilt». Einer davon war Nicholas Lyszyk, damals 15 Jahre alt. Per Viehwagen ging es für ihn durch Osteuropa, bis er in Ulm ankam. Laut seiner Erinnerung wurden die Stärkeren an die Landwirtschaftsbetriebe verteilt, die «‹Kinder› blieben übrig, da die Bauern uns ‹Schwächlinge› nicht haben wollten».

Die Bedingungen in den Lagern waren katastrophal. Bild: Stadtarchiv Singen

Die Bedingungen in den Lagern, vor allem für die Personen aus dem Osten, waren katastrophal. Hunger, Gewalt und Entbehrung bestimmten vielerorts den Alltag der Gefangenen. Serafina Kusmiwna Skorobagatsch, ebenfalls Arbeitssklavin in Singen, war etwa mehrere Tage ohne Nahrung unterwegs. Als sie im Lager ankam, verbesserte sich das allerdings auch nicht: «Sie (Sowjetbürgerinnen und -bürger – Anm. d. Verf.) waren im Lager untergebracht und hatten dort schon alles gegessen, was sie gefunden hatten, sogar Gras.»

Blick auf eines der Lager in Singen. Im Hintergrund sieht man Teile der GF. Bild: Stadtarchiv Singen

Die Deportierten und Kriegsgefangenen wurden dann auf die Industriebetriebe in der Stadt verteilt. Vor allem die «grossen drei», Maggi, GF und Alu-Singen, galten als «kriegswichtig» und bekamen den Löwenanteil. Geführt wurden diese Firmen zu der Zeit von absolut linientreuen Nazis, manche mit besten Verbindungen zu Hitler.

Viel wert waren die Zwangsarbeiter nicht: «Ein Meister im Betrieb konnte sie ohne Grund erschlagen und es hatte keine Konsequenzen», so Scheide.

Die Franzosen nutzen die Lager weiter

Mit dem Einmarsch der Franzosen im April 1945 wurden auch die Lager umgewandelt. «Man hatte eine kurze Zwischenzeit, wo man Nazifunktionäre in diesem Lager in Singen auch inhaftiert hatte. Aber das ging nur relativ kurz und dann haben die Franzosen die deutschen Kriegsgefangenen, die sie von den Amerikanern übermittelt bekommen haben, auch in Südbaden-Innenlagern interniert.» Singen bot zu diesem Zeitpunkt bereits die Lagerkapazitäten, und zu Spitzenzeiten wurden dort bis zu 1000 Männer untergebracht.

«De Ligny war ein schon eine Art Glücksfall für die Soldaten.»

Carmen Scheide, Historikerin

Das Glück für die Männer, die in diesen Lagern waren, hatte einen Namen: Jean le Pan de Ligny, Capitaine des Gefangenenlagers. Dieser war einerseits gläubiger Katholik, aber, was wohl viel wichtiger war, setzte sich für Versöhnung ein. Das, nachdem Frankreich und Deutschland über fast 100 Jahre eine tiefe Feindschaft hegten. «De Ligny war ein schon eine Art Glücksfall für die Soldaten», ist Scheide überzeugt.

Eine Kapelle als Zeichen der Versöhnung

De Ligny regte dann auch an, dass man eine Kapelle bauen sollte. Diese Idee stiess bei den Lagerinsassen auf grosses Interesse, vor allem, da einige sehr fähige Handwerker und begabte Künstler unter den Soldaten waren.

Der französische Lagerkommandant Jean le Pan de Ligny. Bild: Förderverein Theresienkapelle

De Ligny ging dabei sehr pragmatisch vor. Was gebraucht wurde, wurde besorgt, egal, worum es sich handelte. Manchmal vielleicht sogar zu pragmatisch: «Später hat es zu Verwerfungen geführt, weil weder das Erzbistum in Freiburg gefragt worden war, die jetzt plötzlich eine Kapelle hatten, zumal auf einem Industriegelände. Auch die Besitztumsverhältnisse, wer kümmert sich darum, waren recht schwierig.» Das Gelände gehörte schliesslich der Georg Fischer AG, die später wenig mit der Kapelle zu tun haben, sie sogar abreissen lassen wollten.

Nach einem Jahr Bauzeit stand die Kapelle und wurde am 9. November 1947 eingeweiht. Ein Tag, der in der deutschen Geschichte mit einigen Flecken behaftet war. An diesem Tag 1923 versuchte Hitler zu putschen, 1938 brannten die Synagogen in der Reichspogromnacht. Ob das ein Zufall war, weiss man nicht. Scheide: «In der deutsch-französischen Geschichte sicherlich auch nicht nur willkürlich.»

1948 wurde das Lager aufgelöst und auch die Kapelle geriet in Vergessenheit. Mehr noch: Immer wieder kam es zu Vandalenakten gegenüber dem Bauwerk. Auch fühlte sich niemand wirklich verantwortlich für den Bau. «Niemand war so richtig glücklich mit ihr.»

Italienische Gastarbeiter 1960 in der Theresienkapelle. Bild: Förderverein Theresienkapelle

Das änderte sich in den 60er-Jahren, als wieder Gastarbeiter nach Singen kamen, aber dieses Mal freiwillig: Italienische Gastarbeiter renovierten das stark in Mitleidenschaft gezogene Gotteshaus und fanden dort ihre spirituelle Heimat. 1983 wurde sie vom Land Baden-Württemberg offiziell als «Kulturdenkmal» aufgenommen, 1990 wurden das Bauwerk und das Grundstück von GF an die Stadt Singen geschenkt.

«Die Theresienkapelle ist von überregionaler Bedeutung, weil sie diese vielen Bezüge in die Ukraine, in die Sowjetunion, zu den Italienern, zu den Franzosen in hohem Masse erzählt», fasst Scheide zusammen. «Das Problem an der Kapelle ist, viele kennen sie nicht.»

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Kommentare (1)

[email protected] Mo 26.01.2026 - 09:41

"Das änderte sich in den 60er-Jahren, als wieder Gastarbeiter nach Singen kamen, aber dieses Mal freiwillig".
Einer dieser "Gastarbeiter" war mein Vater. 1962 kam er nach Singen, aber ganz freiwillig war das nicht. Die Armut im Süden Italiens trieb viele junge Männer in Italiens Norden oder noch weiter, in die Schweiz, nach Deutschland. Männer, die in ihrem bisherigen Leben kaum ihr Dorf verlassen hatten, stiegen in Züge, fuhren tagelang in eine unbekannte Zukunft. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, was sie gefühlt haben, wie ihre Mütter gelitten haben - und doch mussten sie ihre Söhne ziehen lassen. Telefon gab es nicht, ab und zu mal ein Brief. Wie viele Gebete schrien sie gen Himmel.
In der GF war die Arbeit schwer, viele Männer opferten nicht nur ihre Kraft, sondern auch ihre Gesundheit - und doch: Die GF gab ihnen eine Zukunft, die Möglichkeit, in der Heimat der Familie zu helfen, sich etwas aufzubauen. Und viele gingen zurück, so auch mein Vater, aber bei ebensovielen zerriss die Familie, wieder Trennung, Kinder, die in Deutschland blieben, Enkel, die ihre Grosseltern kaum kannten. Die Geschichte endet nicht mit den Jahren als "Gastarbeiter", die Folgen haben Einfluss auf die nachgekommenen Generationen. Es ist traurig, wenn ein Land seinen Jungen keine Zukunft bieten kann, und wieder reist der Grossteil einer Generation aus ... die wenigsten freiwillig... Grazia Barbera

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