Schweizer Rocker lädt zur Beerdigung
Voraussichtlich morgen soll der erschossene Konstanzer Türsteher beigesetzt werden. Die Polizei bereitet sich auf einen grossen Andrang vor.
von Benjamin Brumm
Der «Menschenhasser» kommt. Aber wer kommt morgen noch? Björn E. aus Zürich ruft im sozialen Netzwerk Facebook im Namen der Familie von Ramazan Ö. zum Besuch der Beerdigung des Türstehers der Disco Grey in Konstanz auf. Der 50-jährige Türsteher wurde am frühen Sonntagmorgen durch den 34-jährigen kurdischen Iraker Rozaba S. mit einer vollautomatischen Waffe im Eingangsbereich der Disco erschossen. Die Beerdigung des türkischstämmigen zweifachen Familienvaters ist ab 13.45 Uhr auf dem Hauptfriedhof vorgesehen.
Barbara Behrensmeier, Abteilungsleiterin des Friedhofs, bestätigt den Termin der Beisetzung – allerdings mit einer Einschränkung: «Das Datum ist anvisiert, allerdings müssen wir auf das endgültige Okay durch den Bestatter warten.» Das kann erst geschehen, wenn die Staatsanwaltschaft den Leichnam von Ramazan Ö. nach der Obduktion freigegeben hat. Diese Entscheidung stand bis gestern Abend aus.
Björn E. ist ein führendes Schweizer Mitglied der Rockergruppierung Hells Angels. Auf seiner Kutte prangt das Wort Misanthrop, also Menschenhasser. Ramazan Ö. hat der Zürcher nicht gehasst. Im Gegenteil. Schon am Montag trauerte er in einem Beitrag auf Facebook um seinen verstorbenen Freund. Im Internet nennt sich der Rocker Affa. Das steht für die englische Parole der Hells Angels, «Angels forever, forever Angels». Björn E. und Ramazan Ö. kannten sich aus gemeinsamen Türsteherzeiten. Jetzt kündigt der Rocker auf Facebook an: «Die Familie beziehungsweise Kinder meines kaltblütig erschossenen Türsteherfreundes Ramazan aus Konstanz haben mich gebeten die Daten zur Beerdigung zu veröffentlichen.» Bis gestern Abend wurde sein Beitrag über 3000-mal geteilt und erhielt etwa 2500 positive Reaktionen, auch von vielen Konstanzern.
Björn E. fordert dazu auf, seinem Freund die letzte Ehre zu erweisen. «Kommt zur Beerdigung oder teilt den Beitrag», schreibt er auf Facebook. «Jeder von uns hätte an dem Abend in der Disco stehen können und nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn der Täter nicht von Ramazan aufgehalten worden wäre.» Der 50-jährige Türsteher habe sein Leben für andere Menschen gegeben, «und so liegt es nun an uns, ihm unseren tiefen Respekt zu zollen».
Führt der öffentlichkeitswirksame Aufruf zu einem Massenaufzug von Rockern in Konstanz? Auf Anfrage sagt E., dass seine Ankündigung in keinem Zusammenhang mit einer geplanten Aktion eines oder mehrerer Hells Angels während der Beerdigung stehe: «Er war ein Freund von mir und steht in keinem Bezug zum Hells-Angels-Motorradclub.» Die Polizei bereitet sich laut Sprecher Bernd Schmidt dennoch auf alle Möglichkeiten vor: «Wir haben die Beerdigung im Blick und wissen von der Freundschaft zwischen Ramazan Ö. und Björn E.
Schliesslich bittet ein ranghohes Schweizer Hells-Angels-Mitglied um «ein letztes Geleit». Ein Mitglied, dem allein bei Facebook über 33 000 Menschen folgen. Ramazan Ö. sei laut Polizeisprecher Schmidt «laut derzeitigem Wissensstand» selbst kein Mitglied der Hells Angels gewesen. Details eines möglichen Einsatzes nennt er aus polizeitaktischen Gründen nicht. Eine Auseinandersetzung mit verfeindeten Rockerclubs ist dagegen nicht zu erwarten, wie aus Ermittlerkreisen verlautet. Öffentliche Auftritte bei Trauerfeiern verliefen demnach in der Regel ohne Zwischenfälle oder gar Gewaltakten.
Mit dem Gesetz in Konflikt geraten
Björn E. selbst ist kein unbeschriebenes Blatt. In den vergangenen Jahren geriet er in der Schweiz mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Im August 2013 wurde er zu einer Geldstrafe von 27 000 Schweizer Franken wegen eines körperlichen Angriffs verurteilt. Hinzu kommt ein Verkehrsdelikt. Ein Verfahren wegen Gewalt und Bedrohung von Polizeibeamten wurde laut «Blick» im November 2013 eingestellt.
Der Konstanzer Hauptfriedhof bereitet sich für morgen auf viele Besucher vor. Für Ramazan Ö.s Arbeitskollegen und viele Besucher des «Grey» gilt er als Held. Laut Abteilungsleiterin Barbara Behrensmeier ist das «logistisch kein Problem». Die Aussegnungshalle sei für bis zu 150 Gäste ausgerichtet. «Ausserdem könnten wir die Trauerfeier mit Lautsprechern in den Aussenbereich übertragen.»