Dort, wo der Rhein noch ein Bach ist, hat Richard Arnold sein Zuhause gefunden

Damiana Mariani | 
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1667 Meter über Meer nimmt der Rhein seinen ersten Lauf, leise zieht er am Bündner Bergdorf Tschamut vorbei. Doch die Ruhe täuscht. Auch wenn Richard Arnold sich in ihr gefunden hat.

Tschamut ist das erste Dorf am Vorderrhein. Es hat keinen Dorfladen, keine Dorfbeiz, noch nicht mal eine eigene Post. Fünf bis sechs Menschen leben hier in einer Handvoll Häuser. Selbst das Wolfsrudel in der Nähe ist üppiger bestückt. Hier oben, 1667 Meter über Meer, eingebettet zwischen weichen Berggipfeln, lernt man, bei sich zu sein. So richtig. Ablenkung gibt es keine – oder nur wenig davon. Richard Arnold ist das recht. Er betreibt einen Biohof mit rund 35 Hektaren Land, hegt und pflegt 25 Geissen und 200 Jakobsschafe.

Wenn er sie ruft, wie eben jetzt, strömen sie von allen Seiten herbei. Ihre Glocken läuten. Arnold verteilt Brot und wird von den hungrigen Tieren beinahe umgerannt. Mitten im Getümmel kämpft sein Appenzeller Sennenhund knurrend um ein Stück Brot. «Er ist sonst nicht so», sagt Arnold und stopft sich sein herausgerutschtes Baumwollshirt in die Hose. «Wenn es nicht ums Essen geht, ist er lieb mit ihnen, putzt ihnen mit der Zunge die Ohren und schaut, dass die Herde zusammenbleibt.»

«Tiere behandeln dich so, wie du sie behandelst», sagt Richard Arnold.

Vor Wölfen schützen könnte Pan die Geissen und Schafe allerdings nicht. Darum ist der Zaun, der die Tiere umgibt, rund einen Meter hoch und elektrifiziert. Manchmal bespritzt Arnold das Gehege zusätzlich mit Weihwasser.

Wirklich alt werden die Tiere auf dem Hof trotzdem nicht. Wenn ihre Zeit gekommen ist, bringt Arnold sie zum Metzger. «Aber erst, wenn sie eine Weile gelebt haben», sagt er. «Osterlamm und Ostergitzi gibt es bei mir nicht.» Beim Metzger muss Arnold Abschied nehmen. Einfach ist das nicht, ist es nie. Aber so funktioniere der Kreislauf. «Ich streichle sie und sage ihnen, dass sie wiederkommen können.» Arnold glaubt an Wiedergeburt. Wie er an den Schutz von Weihwasser glaubt. Und an Karma.

Ruhe und Gefahr

Im Grunde ist Richard Arnold kein Bündner, er ist in Bürglen, Kanton Uri, mit den Sagen um Wilhelm Tell aufgewachsen, als elftes von zwölf Kindern, 50 Autominuten von Tschamut entfernt. Das hört man an seinem Dialekt, der kräftiger, rauer und abgehackter ist als das Rätoromanische, das hier gesprochen wird. Seine Vorfahren aber haben hier gelebt, den Bauernhof betrieben, in dem Arnold seit fünf, sechs Jahren lebt. Gerne lebt und nicht wieder weg will.

Er stellt den leeren Futternapf auf den Boden und setzt sich auf ein Stück Holz vor das Gehege. Pan drängt sich dicht an ihn, Schatten suchend, gräbt er ein Loch in die Erde, in das er seine Schnauze legt. Arnold krault ihm den Hals. Er hat kräftige Arbeiterhände mit hervorstehenden Adern, gebräunt von Sonne und Dreck. Rau wie die Natur hier oben rau sein kann. Ganz besonders im Winter.

Von seiner Quelle, dem Tomasee, fliesst der Rhein runter nach Tschamut.

Nun aber ist Sommer, und im Sommer ist es warm in Tschamut, heute sind es knapp 30 Grad. Das Gras sticht, ist ausgetrocknet, hart. Was macht diesen Ort für dich besonders, möchte ich von ihm wissen? Arnold lächelt. Dann steigen wir in sein Auto. Fahren aber nur wenige Meter weit, runter, dahin, wo der Rhein an Tschamut vorbeifliesst. «Das Wasser», sagt Arnold. «Mit ihm fühl ich mich verbunden.»

Der junge Rhein ist hier noch ein schmaler Bergfluss. In engen Windungen schlängelt er sich runter ins Dorf. Helle Kiesel, vom Wasser glattgeschliffen, schimmern auf seinem Grund. Im Sonnenlicht glitzert der Rhein wie flüssiges Glas. «Man sagt, der Fluss nimmt die Sorgen mit», sagt Arnold. «Das glaube ich auch.»

«Man sagt, der Fluss nimmt die Sorgen mit. Das glaube ich auch.»

Richard Arnold, Bauer in Tschamut

Am schönsten aber sei der Rhein ein Stück weiter unten, sagt Arnold, nur, dass wir da nicht hinkönnen, zu gefährlich sei es. Doch er weiss eine Stelle, von der man gut hinabschauen kann. Aber was heisst hinabschauen. Wer zu dicht an der Böschung steht, riskiert, viele Meter tief den steilen Hang hinunterzustürzen. Eine Absperrung gibt es hier nicht, nur Schwindel. Als wollte der Rhein einen zu sich ziehen.

Arnold zeigt auf eine Stelle, an der der Rhein breiter wird. «Dort hab ich mal fast ein Schaf verloren», sagt er und erzählt eine Geschichte von einem Schaf, das davongelaufen und in den Rhein gefallen ist. Er hat es im Rhein treiben sehen, ist hinuntergerannt und konnte es gerade noch rechtzeitig aus dem Wasser ziehen. Da atmete es bereits nicht mehr, also hat er es beatmet, auf die Brust gedrückt und wieder zum Leben gebracht. Am Ende trug er das Schaf wie einen Sack Mehl vor sich her die steile Böschung hinauf.

«Man darf den Rhein nicht unterschätzen.»

Einsamkeit und Verbundenheit

Wir fahren zurück zum Hof. Bauschige Wolken haben sich am Himmel gebildet. Es geht ein frischer Wind. Nur die Glocken der Geissen und Schafe klingen. Arnold schätzt diese Ruhe, wie er das einfache Leben schätzt. «Hier oben hört man sich denken. Bleibt unbeeinflusst von den Gedanken anderer. Hier bin ich für mich und kann sein, wer ich bin.»

Manch einer würde sagen, dass es nicht menschenwürdig sei, so zu leben. Aber ihm fehlt nichts. «Ich habe einen Specksteinofen. Im Winter feuere ich ihn immerzu. Das Feuer darf nicht ausgehen, sonst wird es bitterkalt.»

Im Winter wird der Rhein noch klarer, und an den Ufern sammeln sich Eis und Schnee. Wegen der Strömung friert er aber nicht zu. Es ist dann noch ruhiger hier im Dorf. Der Pass bleibt bis zu sechs Monate geschlossen, dann braucht Arnold mindestens zwei Stunden hinunter ins Uri und ist noch abgeschotteter als jetzt. Besuch kommt dann fast keiner mehr. Seine Freunde fragen ihn manchmal, wann er wieder zurückkomme ins Uri. Dann sagt er: Nein. Nie.

«Ich habe hier oben meinen Frieden gefunden.»

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