Zurück an den Ursprung – ohne Souvenirshop, dafür mit Achtsamkeit
Ausgerechnet an der Wiege eines der bedeutendsten Flüsse Europas fehlt alles, was Touristen sonst erwarten: Es gibt weder Souvenirshop noch Instagram-Fotospot – und nicht einmal die eine Quelle, die viele Besucher erwarten. Dafür trifft man freiwillige Hüttenwarte – und Niederländer, die vom Rhein gar nicht genug bekommen können.
Ein länglicher Felsblock liegt über dem schmalen Ausfluss am Ende des Lai da Tuma. Wer ihn überschreitet, ahnt kaum, dass er gewissermassen auf der ersten Brücke über dem Rhein steht. Ein archaischer Vorläufer also der Tavanasa-Brücke in der Surselva, des Eisenbahnviadukts bei Schaffhausen, der Dreiländerbrücke in Basel oder der berühmten Hohenzollernbrücke in Köln … das Hirn schlägt an diesem Ort unweigerlich pathetische Pirouetten. Denn exakt von dieser Stelle aus legt der grosse europäische Fluss 1233 Kilometer durch sechs Länder zurück, bis er in die Nordsee mündet.

Zwanzig Meter weiter stürzt der eben erst geborene Fluss zum ersten Mal über Felsen hinab.
Wild, aber nicht einsam
Neun Monate im Jahr verirrt sich kaum eine Menschenseele hier hinauf. Schnee und Eis bestimmen die Landschaft. Jetzt aber leuchtet der etwa 300 Meter lange Tomasee tiefblau zwischen schroffen Felsabhängen. Die Auen sind saftig grün, kleine Alpenblumen blühen.
Es gibt hier bei der Tgina dil rein (Wiege des Rheins) auf 2344 m ü. M. keinen Kiosk, keinen «Grand Tour of Switzerland»-Fotospot, ja nicht einmal eine Sitzbank. Hierher gelangt man weder per Reisecar noch per Seilbahn, sondern nur zu Fuss, in gut zwei Stunden teils steil hinauf vom Oberalppass her.
Allein ist man unterwegs zur Rheinquelle trotzdem nicht. Alle paar Minuten kommen einem beim Aufstieg kleine Wandergruppen oder Einzelpersonen entgegen. Sie alle zieht derselbe Ort an: der Tomasee, benannt nach dem Piz Tuma, an dessen Fuss er in einer Mulde liegt.
Sagen ranken sich um diesen Ort. Das Pazolamännchen zwickt Edelweissdieben sofort in die Finger, die Nixe Mariuschla wacht darüber, dass die Rheinquelle niemals versiegt. Den beiden begegnen wir an diesem Tag zwar nicht. Menschliche Gesellschaft findet sich dafür weitere rund 200 Meter weiter oben in der Badushütte – quasi der ersten Herberge am obersten Lauf des Rheins.
Die Saison auf der Badushütte ist erst wenige Tage alt. Olaf Stähli steht hier seit zwanzig Jahren jeweils in der ersten Woche als Hüttenwart im Einsatz, unterstützt von seinem langjährigen Freund Sandro Barbon. Der Psychologe aus Zürich und der Heizungstechniker aus dem Zürcher Oberland kennen sich seit Jugendtagen und engagieren sich gemeinsam in der SAC-Gruppe Manegg.
Eine schlichte Herberge
«Es ist für mich einer der schönsten Orte der Welt, seit meiner Jugend», sagt Olaf. Besonders freue ihn «das Leuchten in den Augen» der vielen Besucher aus Holland und Deutschland. Viele seien überrascht, «weil verschiedene Bäche in den Tomasee münden und es eben nicht dieses eine Loch im Berg gibt, wo man sagt: Das ist der Rhein».
Die freiwilligen Hüttenwartteams wechseln wöchentlich. «Nach einer Woche bist du schon müde», sagt Sandro. An schönen Wochenenden bewirten sie hier bis zu 300 Tagesgäste und die Übernachtungsgäste im Matratzenlager mit 18 Schlafplätzen.
Wer den mühsamen Aufstieg auf sich nimmt, wird reich belohnt. «Das geht auch uns selber jedes Mal wieder so», sagt Sandro. In der Wildheit und Einfachheit liegt eine besondere Erhabenheit. Die Hütte spiegelt dies wider: kein Warmwasser, kein Geschirrspüler, gekocht wird auf dem Holzofen. «Wir sind eigentlich den ganzen Tag am Geschirr abwaschen», sagt Sandro lachend. «Bis vor wenigen Jahren hatten wir nicht einmal einen Waschraum für die Gäste, nur den Brunnen vor der Hütte», erinnert sich Olaf. «Aber die Leute schätzen das, dass es überhaupt nicht touristisch ist hier bei uns.»
Auf 2502 Metern ist die Luft spürbar dünner. Nach fast 700 überwundenen Höhenmetern geht man gerne früh zu Bett. Draussen am fernen Abhang plätschert der Rein da Tuma (siehe Box) in den Tomasee. Und wer im Morgengrauen aus dem kleinen Fenster auf den von der Sonne beschienenen Piz Badus blickt, versteht, weshalb manche immer wieder hierher zurückkehren.
Murmeltiere sonnen sich den Bauch
Die sechsjährige Nayomi, Pflegetochter von Olafs Partnerin, ist längst unterwegs. Weiter unten bei einem kleinen Weiher hat sie Frösche entdeckt. «Die sind gross, grösser als meine Hand.» Ihre eigentlichen Lieblinge aber sind die Murmeltiere, die ihren Bau etwa 30 Meter neben der Hütte haben. «Manchmal kommen sie in der Nacht auf die Terrasse, du musst deine Wanderschuhe im Fall unbedingt drinnen versorgen», hatte Nayomi am Vorabend gewarnt.
Jeanne und Frans Willem aus Holland nehmen sich diesen Rat zu Herzen. Sie kennen die Rheinquelle wie kaum andere. «Wir kommen jedes Jahr mindestens zweimal hierher», sagt Jeanne. «Der Ort hat eine solche Bedeutung für uns, dass wir ihn auch beruflich zu einem Orientierungspunkt gemacht haben», ergänzt Frans Willem.
Das Paar aus Bussum NL bietet mit seiner Firma «Feed The Source» Coaching und Seminare entlang des Rheins an. In Basel, in der Rheinschlucht und hier oben führen sie, wie sie es nennen, «Pilgerreisen» durch. «Gerade in Südholland gibt es fast niemanden, der keine Beziehung zum Rhein hat, der in seinen drei Armen Waal, Lek und IJssel weiterfliesst», erklärt Frans Willem. Jeanne fasst den Leitgedanken so: «Während du als Pilger dem Wasser folgst, gewinnst du Abstand vom Alltag, findest zurück zu deiner eigenen Quelle und gelangst zu neuen Einsichten, Entscheidungen und Handlungsimpulsen.»
Auf der Suche nach Zigarettenstummeln
«Wir waren schon mit einem Patron hier oben, der vor der Entscheidung stand, die Firma, die schon sein Vater geführt hatte, zu verkaufen. Oder mit dem Managementteam eines Unternehmens, das grosse Transformationsprozesse durchlief», erzählt Jeanne. Bis zu sechs Tage dauern diese Touren, drei davon auf der Badushütte. «Es geht darum, den Weg zu seiner eigenen Kraftquelle zu finden.» Dazu gehören Teambuilding und Achtsamkeitsübungen – und auch ein Bad im kaum zehn Grad kalten Tomasee.
Vor einigen Jahren organisierten sie auf eigene Faust einen Clean-up-Day rund um den See und entlang der Wanderwege. Sie sammelten Zigarettenstummel, Plastik und Picknickreste – oder besser gesagt: Sie suchten danach. «Gefunden haben wir so gut wie nichts», sagt Jeanne. «Das hat uns überrascht. Aber vielleicht spricht das für die Menschen, dass sie die Würde, die dieser Ort ausstrahlt, respektieren.»
Vielleicht beginnt die Geschichte des Rheins tatsächlich auch mit diesem Respekt vor der Natur. Hier ist man nicht Tourist, sondern staunender Wanderer. Der Strom, der später Industriegebiete, Millionenstädte und Häfen verbindet, der begradigte, gestaute, benutzte und oft geschändete Fluss, der Sehnsuchts- und Identitätsspender, der uns Naturerholung bietet und vielen Menschen ein Auskommen ermöglicht, der gleiche Fluss, der wegen Quaggamuscheln, toten Fischen und chemischen Abwässern die Schlagzeilen füllt – hier zwingt er die Besucher zu besonderer Achtsamkeit. Aber wahrscheinlich ist das auch bloss eine pathetische Hirnpirouette.