Ein Kaltgetränk auf die ewige Weisheit

Robin Blanck Robin Blanck | 
Lesenswert
Noch keine Kommentare
Hydration Breaks sind eine Neuerfindung für diese WM und nicht überall beliebt. Im Hause Blanck kommen sie derweil gut an. Bild: Keystone

Der «hydration break» ist umstritten – in manchen Familien stösst er aber auf Zustimmung, wenn auch aus überraschenden Gründen.

Seit die WM begonnen hat, sorgt die Trinkpause, der «hydration break», für Diskussionen. Jürgen Klopp, so etwas wie der ballonseidegewordene Fussball-Yoda, findet die Unterbrechung völlig unnötig. Weitere berufene Stimmen haben die Pause ebenfalls kritisch eingestuft. Ich bin da noch etwas unsicher.

Um das zu verstehen, muss man wissen: Ich habe von Sport nicht über die Massen viel Ahnung, aber wenn ich von einer Sportart etwas verstehe, dann ist es Fussball. Das würden meine Trainer beim FC Thayngen (Junioren E bis B – herzlichen Dank für Geduld, Zuspruch und noch mehr Geduld, Hansjörg, Wolfgang, Franco, Haki und Walo!) zumindest nicht bestreiten, denn ich habe diesen Sport wirklich mit Haut und Haaren ausgeübt. Das heisst auch: In unserer Familie – Ehefrau (Volleyball), Söhne (sehr viel Handball mit etwas Fussball auf Primarstufe) – bin ich der Fussball-Experte. Mit dieser Selbstüberschätzung stehe ich nicht alleine da – ich teile diese verklärte Eigenwahrnehmung mit Geschlechtsgenossen im Alter zwischen drei und 100 Jahren. Aber in unserer Kernfamilie, ja, da stimmt das natürlich schon, bin ich Experte. Sage ich immer.

Das hat Folgen: Meine Familie darf jederzeit an meinen Fussball-Weisheiten teilhaben. Ich kann «das Spiel lesen», analysiere die Spielzüge simultan, weiss ja auch genau, wie man dem Gegner den Schneid abkauft. Tief in mir drin steckt irgendwo das gleiche Geheimwissen, wie es Mourinho, Nagelsmann, Deschamps oder Guardiola haben – es ist ein Gefühl für den Ball, kann ich nur sagen. Pelé hatte das auch, auch bei Ronaldo wäre ich nicht überrascht. Ich weiss, für Aussenstehende ist das schwer zu verstehen. Aber genau diese tiefe geistige Verbindung mit dem Sport hilft mir, immer gute Tipps parat zu haben («Wo bleibt der lange Ball?», «Kompakter stehen!», «Pressing, Herren, Pressing!»).

Aber Vorsicht, ich gehöre nun nicht zur Gruppe der Phrasendrescher: Ich rede nicht davon, dass man «gegen den Ball spielen» oder «Chancen kreieren» müsse – solche Plattitüden aus der Beni-Huggel-Plauschliga kommen mir nicht über die beschnauzten Lippen. Bei mir gibt es nur die echten Wahrheiten, die auf dem Platz liegen. Und ein Spiel, das 90 Minuten dauert. Was das alles mit dem «hydration break» zu tun hat? Wenn ich während dieser Trinkpausen kurz in die Küche gehe, um mir eine Hopfenkaltschale zu richten, atmet meine ganze Familie irgendwie auf – und wirkt nach meiner kurzen Absenz viel entspannter. Ich nehme an, dass das einfach die immense Vorfreude auf weitere, ewige Weisheiten ist. Oder wie es Otto Rehhagel einst gefasst hat: «Mal verliert man und mal gewinnen die Anderen.» Das hätte selbst ich nicht besser sagen können.

Ist dieser Artikel lesenswert?

Ja
Nein

Kommentare (0)

Neuen Kommentar schreiben

Diese Funktion steht nur Abonnenten und registrierten Benutzern zur Verfügung.

Registrieren