Nach Renn-Apps entwickelte Ilir Nuhiu ein Zeitmanagement-Tool mit eingeplanten Pausen

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Ilir Nuhiu kommt beim Zigarrenrauchen im Vereinslokal Tempus zur Ruhe. Bild: Roger Hofstetter

Ein erfolgreicher Jungunternehmer fährt sein hoch getaktetes Arbeitsleben herunter. Sein selbst kreiertes Zeitmanagement-Tool hilft ihm, durch Gelassenheit effizienter zu werden.

Von Daniela Palumbo

Draussen drängelt sich der Stossverkehr durch die Mühlenstrasse, während drinnen die Rauchkringel der letzten Zigarre in der Luft liegen. Ilir Nuhiu lehnt entspannt und elegant in einem der Ledersessel in seinem Vereinslokal namens Tempus. Hölzerne Zigarrenschachteln aus Übersee zieren die Wände. Das schwere Mobiliar, die Bar und der lässige Look des App-Entwicklers lassen die 1960er-Jahre aufleben, als die Männer sich zu stundenlangen Gesprächen ins Fumoir zurückzogen.

«Eine Zigarre kann man nicht wie eine Zigarette schnell rauchen.»

Ilir Nuhiu, Geschäftsführer IRTECH

Im Klub der Zigarrenliebhaber findet der 33-Jährige Ruhe. «Ich bin beruflich engagiert, das Tempo ist hoch. Hier ist der Ort, um dem bewusst entgegenzuwirken.» Nuhiu hat die Bremse gezogen und den Umgang mit seinen Ressourcen neu definiert. In seinem Alltag plant er nun Pausen mit ein. Sein selbst entwickeltes Reservationssystem blockiert die für die Erholung nötigen Zeitspannen von drei bis vier Stunden zwischen den Terminen.

Renn-Apps für Grosskunden

Nuhius Karriere startete fulminant. Mit seiner Firma IRTECH hatte er sich 2013 mit nur zwanzig Jahren selbständig gemacht. Den ersten grossen Auftrag erhielt er, noch während er seine Bachelorarbeit in Computer Science verfasste. Er war der Einzige, der sich auf die Bedingung des Unternehmens Red Bull einliess, eine App für den virtuellen Laufevent «Wings for Life World Run» in vier Monaten zu entwickeln. «Das war jugendlicher Leichtsinn und extrem herausfordernd», sagt Nuhiu.

Auf Onlineplattformen suchte er nach IT-Fachleuten. Zu fünft gaben sie Vollgas, um die App zu entwickeln, dank der 350’000 Leute zeitgleich auf der ganzen Welt losrennen konnten. «Es gab viele versteckte Anforderungen», sagt Nuhiu. Wie konnte man zum Beispiel Betrüger daran hindern, statt zu Fuss mit Velo oder Auto an den Start zu gehen? Sensoren halfen ihnen dabei, auffällige Muster zu erkennen: Ein Sensor reagiert auf die frische Luft, im Auto bläst hingegen kein Wind. IRTECH konnte die App zeitgerecht und erfolgreich abliefern. Diese Version wurde vier Jahre später von Red Bull weiterentwickelt.

Software für die Hosentasche

Das Interesse für Software entdeckte Nuhiu früh. Er war schon als Kind ein Ingenieur. Einmal klaute er sogar von einer Baustelle Teile, um einen Motor mit Dampfkessel zu bauen. «Es funktionierte nicht.» Mit elf Jahren fand er in der Bibliothek ein Buch «Programmieren für Kids». Er war fasziniert und entwickelte ein Computerspiel für seinen Lehrer. Dieser gab ihm später den Auftrag, eine App für die Bildung von Fahrgemeinschaften zu programmieren. (siehe SN 1.6.2018).

Die Lehre als Informatik- und Applikationsentwickler absolvierte er in Zürich. Der ambitionierte Nuhiu hatte Glück, im Betrieb waren fähige Softwareentwickler. «Ich spürte zum ersten Mal, was es heisst, Dinge zu automatisieren.» Das entfachte in ihm die Begeisterung für die «Automatisierung wiederkehrender Prozesse». Dann kam erneut ein «Faszinationssprung». Plötzlich gab es Software für die Hosentasche, für den Alltag. «Das hat mich geflasht.»

Geplant hatte er das Unternehmertum nicht. Nach der BMS in Schaffhausen fragte ihn ein Kollege, ob er eine App für die Anmeldung von Fotografiekursen entwickeln könne. Dafür brauchte er schnell einen Firmennamen. Aus den Anfangs- und Endbuchstaben seines Vornamens bildete er das Wort IRTECH und gründete ohne Masterplan eine Firma, die bis heute existiert. «Ich brauche das Hineinknien ohne Anleitungen, nicht zu wissen, wohin die Reise führt», sagt der Informatikingenieur.

Sieben Leute sind heute im Mandatsverhältnis in Teilzeit bei IRTECH angestellt. Sie leben in den USA, Portugal, im Kosovo und in Jamaika. «Radikal asynchron» bezeichnet Nuhiu diesen Ansatz, der aus kurzen Kommunikationswegen und flexibler Arbeitszeit besteht. Sein Büro am Berbiceweg in Neuhausen hat er mittlerweile aufgelöst. Er selbst will in Schaffhausen bleiben: «Ich bin hier zu sehr verwurzelt», sagt er, «um anderswo hinzugehen.»

So aufgestellt, entwickelte Nuhiu immer auf Zeitdruck ortsbasierte Apps für Sportevents wie den Town Marathon in Südafrika, den Zürich Marathon sowie Rennveranstaltungen für Mitarbeitende. Ski-Tracking-Apps folgten. Diese Apps fanden durch die Verschmelzung von Sport und Digitalität zu Zeiten der Coronapandemie viel Anklang, mittlerweile schwindet das Interesse. «Die Leute gehen jetzt wieder mehr ins Physische.»

Heute bietet er vor allem die Beratung und die Prozessoptimierung von Firmenabläufen durch GPS an. Eine Firma kann zum Beispiel ihre Mitarbeitenden im Aussendienst tracken, um ihren Einsatz zu optimieren. Interessanterweise fand er keine Kunden über Social Media, sondern indem er seine Zielgruppe definierte. Er entdeckte, dass diese vor allem BING als Suchmaschine einsetzte. «Dort schaltete ich Werbung und generierte phasenweise viel Business.»

Erholungsphasen durch Tracking

Nicht genug. Als passionierter Kickboxer gründete er mit Kollegen ein Gym, das sogar Schweizer Meister hervorbrachte. Nachts legte er als DJ Platten auf, organisierte Partys. Im «Paradies» ist er Skipper bei Rundfahrten der Schiffsbetriebe. «Das Tempo war abartig. Sechstagewochen komplett durchgetaktet mit Trainings und sozialen Verpflichtungen.»

Der Verschleiss machte sich körperlich bemerkbar und zwang ihn zum Umdenken. Mit 28 Jahren legte er eine Auszeit ein. Aus zwei Monaten wurden sieben. Er verbrachte viel Zeit in seinem Konsolenboot auf dem Rhein und warf seinen Lebensplan der Frühpensionierung über Bord. Dieses Tempo würde ihn schneller ins Grab als auf sein Konsolenboot bringen.

Auf seinem Konsolenboot auf dem Rhein sinniert der App-Entwickler über neue Ideen. Bild: zVg

Die Digitalisierung half ihm, beim Tracken des Kickbox-Trainings das Mass für die Erholung zu messen, so dass er weniger Verletzungen hatte. Seither schaltet er 30 Stunden Pause nach einem Training ein. Er integrierte Erholungsphasen in seinen Alltag, stellte persönliche Regeln auf und plante Termine mit seinem Buchungssystem nicht mehr zu nah aufeinander. Pausen sind fix eingebucht.

Ausgerechnet in jenem Hinterhof, in dem er die ersten Lebensjahre als Flüchtlingskind aus dem Kosovo verbrachte, hat er das Lokal für den Verein Tempus gefunden. Seine Leidenschaft für Zigarren zwingt ihn zusätzlich, das Tempo zu verlangsamen. «Eine Zigarre kann man nicht wie eine Zigarette schnell rauchen. Sie wird von Hand gerollt und geht durch viele Hände. Man schuldet es den Leuten, dass du dir Zeit nimmst für dieses schöne Erlebnis.»

Digitale Warnung vor Kursschiffen

Im Lokal oder auf dem Wasser in seinem Boot tüftelt er an neuen Ideen. Zum Beispiel «ein System, das rechtzeitig vor sich nähernden Kursschiffen warnt, wenn man gerade döst und so gefährliche Situationen verhindert». Es ist ein Projekt, das er weiterverfolgen wird. Für sein Kickbox-Gym entwirft er gerade ein Zahlungsüberprüfungstool, weil die Mitgliederzahl das Excel-Level übersteigt. Das könnte auch für kleinere Unternehmen interessant sein.

Nuhiu ist seit zwei, drei Jahren permanent auf der Suche nach eigenen Produkten. «Das alte Business-to-Business-Modell wird wegfallen.» Seine Strategie: Endkunden direkt erreichen und schnell Prototypen von neuen Produkten entwerfen, um erste Marktberührungen zu ermöglichen.

Noch dazu unterrichtet der Schaffhauser Informatik an der Berufsschule in Zürich und Winterthur, wo er wieder auf seine alten Lehrer traf. KI hat innerhalb der letzten fünf Jahre den IT-Markt verändert und erledigt nun die repetitiven Arbeiten, die früher von den jungen IT-Entwicklern erledigt wurden, um sich die Sporen abzuverdienen. Er beobachtet, wie schwierig es ist, für die Abgänger den Berufseinstieg zu finden. Nicht nur darum begegnet er der KI skeptisch: «Es ist ein Werkzeug mit vielen neuen Möglichkeiten, aber nichts Fundamentales. Bei komplexen Themen stösst sie an ihre Grenzen.»

Ilir Nuhiu im Vereinslokal Tempus, Donnerstag, 21.05.2026, Schaffhausen (Roger Hofstetter/Schaffhauser Nachrichten)
Ilir Nuhiu in seinem Vereinslokal Tempus. Bild: Roger Hofstetter

Auch bei Apps seien die Möglichkeiten enorm, aber der Zeitaufwand oft zu hoch und die Preisgabe persönlicher Daten fragwürdig. «Vor zehn Jahren dachte ich, die Digitalisierung ist die Basis von allem. Aber der Alltag lässt sich nicht komplett digitalisieren. Das Digitale ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Es braucht eine Balance.»

Sein Lohn ist Zeit. Nuhiu hat zusammen mit Partnern ein weiteres lukratives Projekt an der Angel. Finanzkräftige Investoren sind bereits an Bord. Doch eilig scheint der junge Mann es nicht zu haben. «Ich muss mich bei denen wieder mal melden», sagt er so gelassen wie nach einem langsamen Zug an der Zigarre.

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