Handfeste Vergleiche statt Siegel: Qualitätskontrolle in der Telemedizin

Sadie Smith | 
Lesenswert
Noch keine Kommentare

Am 15. Dezember 2022 stellte die Stiftung Health On the Net in Genf ihren Dienst für ihre Zertifizierung ein. Über 20 Jahre hing ihr HONcode-Zertifikat auf Medizingesundheitswebseiten, von WebMD bis Drugs.com. Es war das älteste und weltweit am meisten verbreitete Logo seiner Art. Es zeigte, dass ein Redaktionsteam gewisse Regeln befolgte, zum Beispiel, wie man recherchierte oder wie eine Webseite finanziell unterstützt wurde. Ob die Artikel jedoch der Wahrheit entsprachen, sagte das Siegel nicht.

Der Grund dafür, dass es das Siegel nicht mehr gibt, ist unspektakulär. Die Stiftung teilte mit, sie könne den Dienst nicht mehr betreiben. Seit 2015 kostete die Geräteprogrammgenehmigung Geld, gestaffelt nach dem Volumen der jeweiligen Webseite, und am Ende habe sich das nicht mehr gerechnet. Wie viele Seiten das Siegel letzten Endes trugen, ist nicht mehr genau nachvollziehbar, die Zahlen gehen auseinander.

Seitdem müssen die Menschen selbst ein Urteil fällen. Wenn sie bei Rückenschmerzen oder einem unbekannten Leiden recherchieren, müssen sie erst einmal erkennen, was seriöse Anbieter sind und was nicht. Das geht auch ohne Zertifikat und mit wenig Aufwand: Meist genügt ein Blick ins Impressum, manchmal auch nur auf das Datum eines Artikels.

Wer ein leichtes Kopfweh in die Suchmaske tippt, landet erfahrungsgemäss schneller bei einer beängstigenden Diagnose als bei der harmlosen, die meistens zutrifft.

Zugleich wächst das Angebot. Der Markt für digitale Gesundheitsdienste in der Schweiz wächst laut der Prognose von Statista jährlich um 10,52 Prozent und soll bis 2029 einen Wert von 1,886 Milliarden Euro erreichen. Das bedeutet nicht nur, dass es mehr Apps und Portale geben wird, sondern auch, dass es immer schwieriger wird, auf einen Blick zu erkennen, welche gut und welche zweifelhaft sind.

Sogar der Bund rührt in dem Thema mit. Die nationale Initiative DigiSanté, die im Januar 2025 gestartet ist, bringt viele Projekte rund um den Datenaustausch im Gesundheitswesen und die Zugänglichkeit des Gesundheitswesens unter einen Hut.

Wer hinter einer Seite steht und wer sie bezahlt

Das Deutsche Netzwerk Gesundheitskompetenz, ein Zusammenschluss von Fachgesellschaften und Verbraucherschützern, hat seine Kriterien für gute Gesundheitsportale 2024 aktualisiert. Die Liste klingt unspektakulär.

  • Ein vollständiges Impressum mit Namen und Qualifikation der Autoren.
  • Quellen aus der Fachliteratur, mit Datum, in vernünftigen Abständen aktualisiert.
  • Werbung, die klar vom redaktionellen Text getrennt ist. Seiten, die vor allem ein Produkt verkaufen wollen, fallen durch.
  • Sachliche Sprache statt grosser Versprechen, dazu der Hinweis, im Ernstfall zum Arzt zu gehen.

Einen Punkt übersieht man leicht. Gute Gesundheitsseiten schreiben dazu, was gesichert ist und was nicht. Wo eine Seite jede Frage mit voller Sicherheit beantwortet, lohnt sich Misstrauen. Die Verbraucherzentrale warnt seit Längerem, dass Gütesiegel im Kern nur die Transparenz prüfen und nicht, ob der Inhalt stimmt. In einzelnen Portalen werde sogar mit erfundenen Autorenprofilen gearbeitet.

Ob ein Layout professionell aussieht, sagt wenig über die Inhalte. Ein seriöses Portal wie Apomeds Gesundheitsplattform, das seine Leitlinien offenlegt, ist etwas anderes als ein Ratgeber, der nebenbei ein Nahrungsergänzungsmittel bewirbt. Auch in sozialen Medien mischen sich Erfahrungsberichte und Verkaufsabsicht, und selbst Foren von Selbsthilfegruppen sind nicht immer neutral, weil sie zuweilen von Anbietern mitfinanziert werden. Nach dem Ende des Siegels haben einige grosse Portale eigene Angaben nachgereicht. Drugs.com etwa erklärt, man halte weiterhin Standards ein, die der früheren Zertifizierung entsprächen, was eine unabhängige Kontrolle allerdings nicht ersetzt.

Hausärzte liegen im Vertrauen weit vor der Suchmaschine

Im STADA Health Report 2025, einer Befragung von über 27'000 Menschen in 22 Ländern aus dem Februar und März 2025, stehen Hausärzte mit 69 Prozent an der Spitze der vertrauenswürdigsten Anlaufstellen in Gesundheitsfragen, gefolgt von den Apothekern. Künstliche Intelligenz kommt auf 15 Prozent, noch hinter der Suchmaschine, und Online-Influencer landen am unteren Ende der Skala.

In der Schweiz ist die Skepsis grösser als anderswo. Die Hälfte der Befragten hierzulande lehnt eine medizinische Beratung durch eine KI ab, mehr als im europäischen Schnitt. Der Swiss eHealth-Barometer 2025 hält fest, entscheidend für die Akzeptanz solcher Angebote seien der Datenschutz und das Vertrauen in die Quelle.

Die Offenheit nimmt trotzdem zu. Ständige Verfügbarkeit und gesparte Zeit nennen viele als Gründe, sich eine KI-Auskunft wenigstens vorstellen zu können.

In der Praxis taugt eine Antwort aus dem Chatbot oder der Suchmaschine als erster Anhaltspunkt. Auch eine KI nennt inzwischen oft Quellen. Ob diese existieren und etwas taugen, muss man selbst nachsehen.

Was Bundesamt und Krebsliga online bereitstellen

Öffentliche und gemeinnützige Anbieter unterliegen meist strengeren Vorgaben und hängen weniger an Verkaufszahlen. In der Schweiz gibt es davon einige. Das Bundesamt für Gesundheit veröffentlicht Material zu Impfungen, Infektionskrankheiten und Prävention. Die Schweizerische Herzstiftung informiert über Herz und Kreislauf.

Die Krebsliga Schweiz betreibt eine Online-Sprechstunde, in der Fachpersonen mit Namen antworten, und seit Ende 2022 eine Peer-Plattform für den Austausch zwischen Betroffenen und Angehörigen. Dazu kommen die kantonalen Krebsligen mit kostenloser Beratung vor Ort. Wer auf eine zweifelhafte Behauptung stösst, hat dort eine Adresse zum Nachfragen.

Diese Angebote erfüllen die meisten der genannten Kriterien von selbst. Sie sagen, wer dahintersteht, und sie datieren ihre Inhalte. Verkaufen wollen sie ohnehin nichts.

Das HONcode-Logo selbst führt heute ins Leere. Die Internetadressen der Genfer Stiftung sind seit 2024 inaktiv. Wer darauf klickt, sieht eine Fehlermeldung.

Ist dieser Artikel lesenswert?

Ja
Nein

Kommentare (0)

Diese Diskussion wurde geschlossen.