Wie Alexander S. die Folter überlebte

Damiana Mariani | 
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Alexander S. wird inzwischen psychologisch betreut, um die Folgen seiner Kriegsgefangenschaft zu verarbeiten. Im Bild mit seiner Frau vor seinem Haus. Bild: zVg/Moritz Stamm

Alexander S. ist 55, als er von den Russen gefangen genommen wird. Nach drei Jahren, drei Monaten und dreizehn Tagen kommt er frei. Dies ist seine Geschichte.

In der Nacht, nachdem er die Geschichte gehört hatte, lag Moritz Stamm wach. Er fühlte sich schwer, verstört, angewidert und tieftraurig. «Es hat mich gewürgt», sagt er.

Es war vergangene Weihnachten, als er seinen einstigen Drescherfahrer zu Hause in der Zentralukraine besuchte. Alexander S.* war gerade aus dem Spital entlassen worden, wo er am Arm operiert worden war. Er sass auf einem Küchenstuhl im Wohnzimmer. Bleich, abgemagert, mit diesem gebrochenen Blick. Es schmerzte Stamm, seinen Freund so zu sehen. Und noch mehr schmerzte es ihn, dessen Worte zu hören. Die einfachen Worte eines einfachen Mannes, der fast sein Leben lang als Drescher gearbeitet hat, draussen auf den weitläufigen Feldern – bis ihn der Krieg rief.

Nun wird Alexander psychologisch betreut. Um wieder zu lernen, Mensch zu sein, nach all dem Unmenschlichen, das man ihm angetan hat. Um die Sorgen, die Ängste, all die Gespenster und Dämonen zu vertreiben. Wird es möglich sein? Stamm fragt sich das.

Umzingelt mit zu wenig Munition

Alexander meldet sich am 26. Februar 2022, zwei Tage nach dem Überfall der Russen, freiwillig zur Armee, vor allem, um junge Männer zu schützen. So tun es viele Ältere. Lieber gehen wir, sagen sie, als dass junge Familienväter an die Front müssen. Alexander ist 55 und wird zunächst mit der Bewachung von Armeematerial betraut. Dabei fühlt er sich nicht wirklich nützlich.

Lange jedoch bleibt er nicht in dem geschützten Rahmen. Nach zwei Monaten wird er nach Rubischne verlegt, eine Stadt in der Oblast Luhansk, die inzwischen unter russischer Kontrolle steht. Gemeinsam mit zehn anderen Männern hält er eine Stellung auf einem weiten Feld, umgeben von Wald, aus dem russische Soldaten und Kadyrow-Kämpfer feuern, Einheiten unter der Kontrolle von Ramsan Kadyrow, dem Machthaber Tschetscheniens.

Es sind viele. Die Ukrainer sind umzingelt. Nach drei Tagen leben von elf Männern nur noch drei und zwei davon sind verletzt. Alexander hat eine Kugel am Arm getroffen. Das Wasser ist aufgebraucht, und die Munition wird knapp. Auf neue warten die Männer vergeblich. Um 19 Uhr müssen Alexander und seine Kameraden kapitulieren.

Moritz Stamm

Moritz Stamm ist in Thayngen auf einem Bauernhof aufgewachsen. 2004 wanderte er in die Ukraine aus, wo er noch heute einen landwirtschaftlichen Betrieb führt und mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt. Alexander S., dessen Geschichte uns Moritz Stamm erzählt hat, arbeitete acht Jahre auf Stamms Betrieb.

Einen Moment noch überlegt Alexander, ob er sich mit einer der letzten Kugeln in den Kopf schiessen soll. Aber da ist auch der Gedanke an seine Familie. Und so kann er nicht anders: Er streckt die Hände in die Luft.

Gedemütigt und misshandelt

Die Kadyrow-Kämpfer treten aus dem Wald und nehmen die Männer in ihre Gewalt. Sie stülpen ihnen einen Sack über den Kopf und transportieren sie in einem Geländewagen ab. Höchstwahrscheinlich in ein Filtrationslager in besetztem Gebiet, wo ukrainische Soldaten und Zivilisten vorübergehend festgehalten werden, ehe sie nach Russland oder in eine grössere Haftanstalt verlegt werden.

Unter Folter werden sie verhört: Wo sich ukrainische Soldaten aufhalten, wo Helfende sind, wie es mit Artillerie-Nachschub aussieht, wollen die maskierten Männer wissen.

Konventionen des Völkerrechts gelten hier nicht. Der Kontakt zur Aussenwelt bleibt Alexander verwehrt. Seine Mahlzeiten sind strengstens rationiert, es gibt wenig Wasser, etwas Brot oder Suppe. Es ist ihm verboten, Ukrainisch zu sprechen. Er wird gedemütigt und jeden Tag geschlagen. Immer am Körper, nie im Gesicht. Dieses muss für allfällige Foto- oder Videoaufnahmen unversehrt bleiben.

An einem Tag drückt ein Kadyrow-Soldat seinen Kopf in eine Badewanne, die nach Urin stinkt und mit Blutkrusten verklebt ist. Er zückt ein Messer und möchte Alexander die Kehle aufschlitzen, als ein Ranghöherer sich dazwischen mischt. Alexander wird am Leben gelassen. Wofür, warum, er weiss es nicht.

Die Hoffnung bleibt

Wochen später kommt er in Luhansk in Untersuchungshaft, wo ihn Separatisten weiter foltern. Sein Arm ist gebrochen, die Wunde fault. Eine ebenfalls festgehaltene ukrainische Krankenschwester verarztet ihn – auf Geheiss so wenig wie möglich, aber so gut wie nötig.

Eines Tages besucht ein russisches Fernsehteam die Anstalt, um die Zustände vor Ort wiederzugeben. Die Gefangenen bekommen Fleisch und Brot. Ihre Verletzungen werden unter Stoff verhüllt. Das Video verbreitet sich im Internet. Dort sehen es auch Stamm und Alexanders Frau, und wissen: Alexander lebt. Doch er sieht nicht gut aus.

Nach Luhansk wird Alexander in ein Haftlager nach Suchodilsk verlegt, im östlichen Donezbecken. Seit dem Sommer 2014 wird die Stadt von Separatisten besetzt und mittlerweile von Russland beansprucht. Alexander bekommt nur einmal am Tag zu trinken. Die Stunden verbringt er gehend an der prallen Sonne, während aus Lautsprechern Beschimpfungen dröhnen: Die Ukrainer seien Faschisten, die Europäer Schwule, der Westen nichts wert. Hoch lebe Russland.

Manchmal werden ukrainische Gefangene im Austausch gegen russische Kriegsgefangene freigelassen. Für diesen Fall lernen die Gefangenen Telefonnummern der Verwandten von Mitgefangenen auswendig. Sollten sie freikommen, versprechen sie sich, werden sie die Familien kontaktieren. Auch Alexander prägt sich eine Nummer ein. Und er macht sich Mut, sagt sich: Bald ist es so weit. Bald werde ich freigelassen. Der Tag wird kommen.

Aber der Tag kommt nicht.

Im sibirischen Straflager

Nahezu zwei Jahre zieht sich die Folter in Suchodilsk fort. Im April 2024 wird Alexander in ein sibirisches Straflager gebracht. Die Zustände dort sind noch schlimmer. Zu essen gibt es kaum: Zwei Scheiben Brot am Tag, nicht mehr. Alexander leidet an ständigem Hunger. Jeden Morgen um 6 Uhr muss er aufstehen und bis 22 Uhr in der Zelle auf und ab gehen, setzen darf er sich nicht. Seine Füsse sind geschwollen. Alle sieben Tage darf er seine Unterwäsche in kaltem Wasser waschen, muss sie aber auch in der Kälte nass tragen. Einmal täglich wird er verhört, jeden Abend mit Schlagstöcken niedergeschlagen. Manche der Wärter schlagen härter zu als andere, manche quälen mehr. Sie sagen: Die Russen seien schon bis in den Westen vorgedrungen, der Krieg längst gewonnen.

Illegale Haft- und Straflager

Menschenrechtsberichte zeigen, dass im Donbass zahlreiche illegale Haft- und Straflager existieren, in denen ukrainische Kriegsgefangene (sogenannte POWs, prisoner of war) und Zivilisten festgehalten und gefoltert werden. Und in denen jedes Prinzip des Völkerrechts verletzt wird. Ehemalige Gefangene aus Filtrations- und Haftlagern berichten von Schlägen mit Holz- und Metallhämmern, Elektroschocks, Wasserfolter, Scheinhinrichtungen und der Ermutigung zum Suizid. Wie viele ukrainische Frauen, Männer und Kinder derzeit in russischer Gewalt sind, ist schwer zu ermitteln. Ukrainische Schätzungen gehen von mehr als 16'000 ukrainischen Zivilisten und rund 8000 ukrainischen POWs aus.

Alexander weiss nicht, was er glauben soll. Immer wieder sterben Mitgefangene unter der Folter, immer wieder nehmen sie sich das Leben. Alexander versucht, in seinem Kopf alles auszuschalten, um irgendwie durchzustehen.

Zu diesem Zeitpunkt wird er von vielen längst für tot geglaubt.

Auf der anderen Seite

Doch Alexander überlebt. Und nach drei Jahren, drei Monaten und 13 Tagen wird er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigelassen. Die Wärter schiessen ein Foto von ihm und hämmern ihm ein, was er zu sagen hat, sollte er nach seinen Verletzungen gefragt werden. Er müsse die Gräueltaten aus der Haft verheimlichen, ansonsten werde man ihn finden – und zurückholen.

Dann wird er mit einem Sack über dem Kopf in ein Flugzeug gesetzt. Als er dieses wieder verlässt, befindet er sich auf einem weissrussischen Militärstützpunkt. Er wird in einen Bus gebracht und später in einem Wald ausgesetzt. Dort, auf der anderen Seite, warten die Ukrainer.

Jetzt weiss Alexander, dass er es geschafft hat. Er bekommt ein Handy, ruft seine Frau an. Dann die Familie des Mitgefangenen, dessen Nummer er auswendig gelernt hat.

Am 24. August erreicht Alexander sein Heimatdorf in der Zentralukraine. Er ist geschwächt, wiegt bei einer Körpergrösse von 1,77 Meter nur noch 48 Kilo. Weinend schliesst er seine Familie in den Arm, drückt seine Enkelkinder an seine knochige Brust. Er empfindet Dankbarkeit und Demut. Seine Liebsten wieder so nahe bei sich zu haben, erfüllt ihn mit Glück.

Doch das Glück ist getrübt. Alexander merkt: Ankommen ist nicht so einfach. In Gedanken ist er noch oft in Gefangenschaft, bei den anderen Männern, die, während er nun zu Hause ist, weiter gefoltert werden.

Nach seiner Freilassung erfuhr Alexander, was mit den beiden überlebenden Soldaten passiert ist, mit denen er in Rubischne gekämpft und kapituliert hat. Einer von ihnen kam nach drei Monaten aus der Kriegsgefangenschaft frei. Der andere befindet sich in einem russischen Gefängnis. Man wirft ihm vor, er habe eine Zivilistin mit einer Handgranate getötet. Sein Urteil lautet: 15 Jahre Straflager.

*Nachname der Redaktion bekannt.

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