Saunamarathon: Von leisem Zischen bis zu dröhnenden Bässen

Till Burgherr (tbu) | 
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Die Outfits waren ausgefallen am diesjährigen Saunamarathon. Die Teilnehmer sorgten für Farbe am eher tristen Samstag. Bild: Im Pool kann man das Altstadttreiben beobachten, wird aber auch beobachtet. Bild: Jeannette Vogel

Es sind nicht die Saunen, die zuerst auffallen, sondern die Bademäntel. Farbig ziehen sie durch die Altstadt von Schaffhausen, stehen an Bushaltestellen, sitzen im Zug nach Neuhausen. Die Stadt schaut zu – neugierig, amüsiert, manchmal irritiert. Zeit, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen.

Steil führt die Treppe hinunter. Kurz zuvor musste ich anstehen. Viele Besucher des Saunamarathons wollen in die Sauna aus schwerem Beton auf dem SIG-Areal Neuhausen. Ein Mann mit Saunahut, darauf steht «Playboy», fragt mich, ob das hier der Bunker sei. Ich nicke. Dann sagt er trocken: «Die Leute gehen nur rein und nicht raus.»

Wie der Bunker unter dem SIG-Areal entstand. Video: zVg

Unten wird gezählt. Umziehen. Warten. Endlich öffnet sich die Tür. Gedämpftes Licht, eine Atmosphäre wie aus einem alten Kommandoraum. Es könnte archaisch heiss sein hier unten. Doch die Sauna wird nicht recht warm. Neben mir sitzt wieder der Mann mit der Playboy-Mütze. Er heisst Joonas. Er komme aus Finnland, sagt er. Er ist gross und muskulös, wirkt wie aus einem James-Bond-Film entsprungen. «Vielleicht braucht es einfach mehr Wasser», meint er. Der Finne giesst vorsichtig Wasser aus einer Mineralflasche auf den Ofen. Das Zischen bleibt schwach, der Dampf dünn. Plötzlich ruft jemand: «Bitte kein Wasser draufgiessen.» Vermutlich wurde dasselbe schon zu oft getan. Darum ist der Ofen nicht heiss genug. Kurz darauf stehen wir wieder draussen.

Durch den früheren Notausgang des Bunkers treten wir ins Freie – und direkt vor uns liegt der Rheinfall. Ein schöner Kontrast nach so viel Beton. Wir sind etwas unterkühlt. Also weiter nach unten, wo Fässer stehen. Wieder anstehen.

 

Endlich sitzen wir im Holzfass. Joonas ist noch immer neben mir, auch er muss sich aufwärmen. Er ist kein offizieller Aufgiesser, aber nach dem lauwarmen Bunker nimmt er die Kelle erneut in die Hand. Diesmal zischt es richtig. Der Dampf schiesst hoch. Es wird heiss. Richtig heiss. Einige stehen sogar auf und verlassen die Sauna. Joonas erzählt von zwei Regeln aus Finnland: Wer aufgiesst, geht als Letzter hinaus. Und mit einem Grinsen sagt er, man furze nicht in der Sauna. Früher seien in Finnland sogar Kinder in der Sauna geboren worden, meint er. Ich bin skeptisch. Es sei ein hygienischer Ort wegen der Hitze. Mir wird es langsam auch zu heiss. Ich öffne die Türe, draussen lachen mich rund sechs Gesichter an, die reinwollen. Sie wissen nicht, was sie erwartet. Ich geniesse den Blick auf den Rheinfall. Ich trete hinaus, atme kalt.

Mit Schlarpen durch die Stadt

Im Ticket für 89 Franken sind die Zugfahrten inbegriffen, also ab nach Schaffhausen. Dort qualmt es in der Stadt. Es wird mit Holz eingeheizt. Man riecht den feinen Duft. Die Brunnen sind geheizt, es baden Menschen mit farbigen Hüten drin, manche tragen Schwimmbrillen, manche eine Sonnenbrille. So sitzen sie da, einfach zum Spass, das Wetter ist trüb. Jetzt bin ich selbst einer von denen im Bademantel, etwas schräg angeschaut von Passanten. Manche tragen Filzhüte, andere Wikingerhelme. Einige halten schon am Vormittag ein Bier in der Hand.

Was ist der Saunamarathon?

Der Saunamarathon Schaffhausen ist ein Event, bei dem sich die Altstadt von Schaffhausen und erstmals auch das Gebiet von Neuhausen am Rheinfall in eine Art urbane Wellnesslandschaft verwandelten.

Über rund acht Stunden besuchten die Teilnehmenden möglichst viele der Standorte mit insgesamt rund 50 Sauna-Installationen und etwa 25 Bade- und Poolangeboten, verteilt zwischen Rheinufer, Altstadt und bis zum Rheinfall.

Laut Veranstalter haben rund 2000 Personen teilgenommen. Organisiert wurde der Anlass zum dritten Mal von einem gemeinnützigen Verein mit ehrenamtlichem Organisationskomitee.

Weiter unten in der Rhybadi wird eingeheizt, Aufguss, Schlager. «Reisst die Hütte ab» dröhnt aus den Lautsprechern. Es wirkt etwas wie eine Abfertigung. Man schwitzt schnell, steht wieder draussen, taucht kurz in den Rhein. Fünf Grad. Die Füsse frieren sofort, auch am Kopf wird es eisig. Gute Schuhe, vielleicht eine Mütze – plötzlich merkt man, warum diese Ausrüstung empfohlen wird.

Der Weg zum Lindli zieht sich, man friert zwischen den Stationen. Dort angekommen, ist es ruhiger. Ich treffe auf Anna aus Winterthur. Sie kommt aus dem kalten Rhein.

Anna Baitella aus Winterthur kühlt sich nach der Sauna im eiskalten Rhein ab. Bild: Janette Vogel

Jetzt sitzt sie im Pool mit einem Storch auf dem Kopf. Der komme nicht aus dem Rhein, es sei ein Hut von einem Weihnachtsmarkt, wie sie sagt. «Es ist eine ideale Art, um Schaffhausen kennenzulernen», sagt sie. Das sei ihre Motivation, hier zu sein.

Wieder heisst es anstehen. Drinnen in der Sauna steht Roger. Er beginnt mit dem Aufguss, es zischt, er wedelt mit Ästen. Er sagt, er sei kein Schamane, nur ein Verrückter. Wir seien alle verrückt hier. Nur so könne man in einer verrückten Welt bestehen. Wenn in der Ukraine ein Grossvater sterbe, sei es auch unser Grossvater. «Wir sind alle eins», sagt er. Ich brauche einen kühlen Kopf und tauche ihn in den Rhein.

Die Frage nach dem Sinn

Nach dem Ballermann und dem Aufgiesser am Lindli, der mich eins machte mit fremden Leuten, frage auch ich mich nach dem Sinn – dem Sinn des Marathons. Wieder ist es kalt, ich frage mich, warum die Leute hier sind – warum man das eigentlich selbst mitmacht? Ein bisschen masochistisch wirkt es schon, freiwillig bei 90 Grad zu sitzen und danach in fünf Grad kaltes Wasser zu steigen. Aber vielleicht ist es weniger Selbstkasteiung als das Bedürfnis, sich in einer kontrollierten Extremsituation lebendig zu fühlen. Die Saunen ähneln sich, die Hitze ist vergleichbar. Manche wollen runterfahren. Manche Party machen. Manche vielleicht ein Date finden. Es gibt Gruppen von Freunden, Paare, Einzelne. Einige kommen von weit her, aus England zum Beispiel. Es ist neben Deutsch die häufigste gesprochene Sprache, die ich hier aufschnappe.

Der Saunamarathon zeigt beides: die bierlaute Ausgelassenheit und die leisen, fast meditativen Momente. Mit Bunker, Brunnen und Rheinfall entsteht ein Tag, der heiss beginnt, kalt endet – und dazwischen ziemlich crazy ist.

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