«Er trinkt es wie Wasser» – wenn der Alkohol die Beziehung auf die Probe stellt

Till Burgherr (tbu) | 
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Wenn Alkohol in grossen Mengen fliesst, gehen Ehen in die Brüche. Bild: Selwyn Hoffmann

Angehörige von Alkoholabhängigen tragen die Sucht oft jahrelang mit – zwischen Hoffnung, Kontrolle und Erschöpfung. Eine Selbsthilfegruppe in Schaffhausen gibt ihnen Raum.

Der Tee dampft, der Duft von Minze zieht durch den Raum. Gemütlich sitzt man zusammen, greift zur Tasse, als wäre es ein ganz normaler Abend. Männer sind, bis auf den Autor, nicht anwesend – obwohl sie willkommen wären, falls betroffen.

Auf einer Flipchart ist ein Herz gemalt, daneben steht «Willkommen». Darunter einige Punkte, die den Ablauf des Abends skizzieren. An der Wand kleben Postkarten: «Auf gute Gespräche.» – «Auf die Träume.» Sie stammen aus einer «Dry January»-Kampagne, ein stiller Hinweis darauf, worum es hier geht.

An der Neustadt 17 in Schaffhausen treffen sich an diesem Abend vier Frauen, deren Männer trinken. Zu viel. Zu oft. Zu lange. Manche sind mittlerweile trocken, doch die Probleme hallen nach, innere Verletzungen müssen aufgearbeitet werden.

Für Angehörige von Alkoholsüchtigen

Eine Gruppe in Schaffhausen gibt Angehörigen von Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit Raum, sich auszutauschen. Die Angehörigengruppe trifft sich einmal im Monat. Geleitet wird die Gruppe von Sozialarbeiterin Nadja Stocker. Neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind willkommen. Um eine Anmeldung wird gebeten.

Zusätzlich gibt es beim Blauen Kreuz auch Angebote und Gruppen für Süchtige. Die Angebote sind kostenlos.

Blaues Kreuz Schaffhausen-Thurgau

Neustadt 17

8200 Schaffhausen

Telefon: 052 624 78 88

«Der Alkohol hat unseren Alltag dominiert», sagt Alina*. Sie sitzt aufrecht, spricht engagiert, laut und deutlich. Und doch liegt in ihrer Stimme etwas Zerbrechliches. Wenn sie erzählt, steigen die Erinnerungen spürbar auf. Die Frauen neben ihr nicken zustimmend. Niemand hier muss erklären, wie es ist, nachts wach zu liegen und auf den Schlüssel im Schloss zu warten.

Rund 250'000 Menschen sind in der Schweiz alkoholabhängig. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen: Etwa 7 Prozent der erwachsenen Männer gelten laut WHO als abhängig, das sind über 200'000 Personen. Bei den Frauen liegt der Anteil mit rund 1,4 Prozent deutlich tiefer, was etwa 40'000 Betroffenen entspricht. Doch von der Sucht betroffen sind weit mehr Menschen, als diese Statistik zeigt: Partnerinnen und Partner, Kinder, ganze Familien leiden mit.

Einmal im Monat treffen sich Angehörige beim Blauen Kreuz Schaffhausen. Begleitet wird die Gruppe von der Sozialarbeiterin und Suchtberaterin Nadja Stocker.

Wenn Zweifel wachsen

Weil eine neue Teilnehmerin dabei ist, beginnt Alina ihre Geschichte von vorn. «Er hat alles abgestritten», sagt sie. Der Alkohol sei immer präsent gewesen – und doch nie Thema. Sie habe oft versucht, es anzusprechen, es dann aber nicht getan. Sie habe an sich gezweifelt. Ob sie übertreibe. Ob sie sich alles nur einbilde.

Irgendwann begann sie, Indizien zu sammeln. Sie kontrollierte Jackentaschen, suchte nach Quittungen von Kneipen, führte zeitweise sogar Buch über seinen Konsum. «Man wird misstrauisch», sagt sie. Gleichzeitig hoffe man immer noch, dass man falschliegt.

Vor zwei Jahren trennte sich Alina von ihrem Mann – auch zum Schutz der Kinder. Ihr Mann sei inzwischen trocken, der zweite Entzug liege hinter ihm. Zurück in die Beziehung will sie nicht.

Hoffnung und Erschöpfung

Miriam* sitzt neben ihr. Auch ihr Mann trank jahrelang. Mehrere Klinikaufenthalte folgten. Heute sei er abstinent, sie beide noch ein Paar. «Man denkt immer, man sei die Einzige», sagt sie. Erst in der Gruppe habe sie gemerkt, wie viele Menschen ähnliche Geschichten wie die ihre erlebt haben. Aufgehört habe ihr Mann erst, als seine Leberwerte alarmierend waren. «Eine Flasche Wodka am Tag» habe er weggekippt, sagt sie ruhig. Um sich zu schützen, hat sie nach Auswegen gesucht. «Ich gehe viel in die Natur. Das gibt mir Kraft.»

An der Neustadt 17 in Schaffhausen unterstützt das Blaue Kreuz nicht nur Suchtbetroffene, sondern auch deren Angehörige. Bild: Till Burgherr

Was Alina und Miriam bereits hinter sich haben, erlebt Fabienne* hautnah. Sie steckt mitten in der Krise. «Er macht keinen Entzug», sagt sie. «Und er wird wohl auch keinen machen.» Sie funktioniere, fügt sie hinzu, «aber innerlich bin ich oft am Boden». Sie sei total erschöpft. Gemeinsam hatten sie einen Ausflug mit dem Büssli geplant, einfach loszufahren, eine Reise ins Ausland. Doch sein starker Alkohol- und Zigarettenkonsum lässt Fabienne zögern. Sie möchte sorgenlos reisen, doch davon sind sie weit entfernt. Vor Kurzem legte sie ihm die Adresse einer Beratungsstelle hin. Ob er hingeht? Sie glaubt nicht daran.

Beziehung unter Stress

Leila* ist zum ersten Mal hier. Sie findet sofort Anschluss und spricht offen in der Gruppe ohne Hemmungen. «Unser fünfjähriges Jubiläum steht bevor», sagt sie. Von der Sucht habe sie anfangs nichts geahnt. Sein Antrag sei klassisch gewesen, es folgte die Hochzeit. Eines Tages sei er um vier Uhr nachmittags torkelnd nach Hause gekommen. Immerhin mit Blumen in der Hand, erzählt sie. «Er tat mir leid – und ich war wütend zugleich.» Es sei bereits sein zweiter Absturz gewesen, weitere sollten folgen.

Wenn der Alkohol fliesse, gebe es kein Mass mehr. «Er trinkt den Alkohol wie Wasser», sagt sie. Auch sein Wesen habe sich in den letzten zwei Jahren verändert. «Er ist kälter und aggressiver geworden.» Einmal habe er sie mit dem Bein getreten. «Er lag im Rausch im Bett, ich konnte ihn nicht in Ruhe lassen», sagt sie. Es sei ihre Schuld gewesen, sie hätte ihn einfach schlafen lassen sollen. «Es ist nicht deine Schuld», wendet eine Teilnehmerin ein. Auch bei der Sozialarbeiterin Stocker läuten die Alarmglocken. Im Anschluss wird sie Leila eine Adresse mitgeben, wo sie mit weiteren Fachpersonen sprechen kann.

Angehörige berichten von der regelrechten Sogwirkung, die der Alkohol auf ihre Männer ausübt. Bild: Zeno Geisseler

Ausgehen sei für sie mit Stress verbunden, sagt Leila. Auf die Wochenenden freue sie sich längst nicht mehr. Manchmal verzichte sie bewusst auf ein Glas Wein beim Essen, in der Hoffnung, er werde es ihr gleichtun. «Er bestellt sich dann einfach ein Bier.» Und bei einem bleibe es nicht.

«Das kenne ich», sagt Alina. Auch in ihrer Beziehung sei es nicht mehr möglich gewesen, entspannt einen Abend zu geniessen. «Mein Mann hat zehn Dosen Bier am Tag getrunken», sagt sie. Irgendwann habe sie gefragt: «Sind unsere Kinder und ich es dir nicht wert, dass du aufhörst?» Unterdessen lebt Alina in einer neuen Beziehung – eine Fernbeziehung. Sie geht es langsam an, trotzdem sei es schwierig, vom Alten Abstand zu nehmen. «Ich habe Angst, alte Muster in die neue Beziehung hineinzutragen.» Sie will ihn nicht kontrollieren.

Die Frauen diskutieren, wann aus Konsum Sucht wird. Einig sind sie sich darin, dass es spätestens dann so weit ist, wenn das Leben der Angehörigen davon bestimmt wird.

Eigene Grenzen verteidigen

Sozialarbeiterin Nadja Stocker lenkt das Gespräch auf Selbstfürsorge. Grenzen setzen. Nicht kontrollieren. Nicht retten wollen. «Man darf Raum einnehmen», sagt Alina. «Man muss sein Gärtchen verteidigen», ergänzt Miriam. Nicht zu helfen, sei oft das Schwierigste. Aber auch das Notwendigste, um sich selbst zu schützen. Es sind solche Dinge, welche die Angehörigen von alkoholabhängigen Menschen in der Gruppe besprechen und angehen. Die meisten treffen sich hier schon seit einem Jahr, die Zeit schaffe Vertrauen. «Ich bin froh, dass ich hier Raum habe, an mir zu arbeiten», sagt Alina abschliessend.

*Namen von der Redaktion geändert.

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