«Ächt jetzt?!»: Vater und Tochter Blunschi machen aus ihren Diskussionen einen Podcast für Jung und Alt
Viele Familien kennen den Konflikt um Bildschirmzeit, Sprachgebrauch oder gute Noten. In «Ächt jetzt?!» diskutieren ein ehemaliger Radiomoderator und seine 14-jährige Tochter über Themen, in denen die Meinungen der Generationen weit auseinandergehen. Ihr erklärtes Ziel: dass zu Hause wieder mehr miteinander gesprochen wird.
Flurlingen ist an einem Mittwochnachmittag ein ruhiges Dorf. Wer draussen unterwegs ist, kennt man – und Alex Blunschi kennt sie alle. «Darum geht Lorine mit mir auch nicht gerne in die Schaffhauser Altstadt», sagt er. «Ich bin einmal mit ihm zum Zahnarzt und für eine Strecke, die sonst ein paar Minuten dauert, brauchten wir eine halbe Stunde. Er musste noch mit allen sprechen», sagt seine Tochter. Er lacht. Aus diesen Reibungen haben Vater und Tochter ein gemeinsames Projekt gemacht: einen generationenverbindenden Podcast.
Er ist 45, sie ist gerade 14 geworden. Er kann Gedanken so formen, dass ein Publikum folgen kann. Sie kann kontern – und zwar mit ordentlich Jugendslang (Digga, Bro, chill …). Wenn bei ihm das Abwägen und die Regie mitschwingen, klingt das so: «Ich glaube, die Idee – das darf man sagen – war meine, oder?»
Dass er so spricht, ist kein Zufall: Er hat jahrelange Radio-Erfahrung. Als er noch bei SRF arbeitete, bekam er den Auftrag, SRF Virus für die Generation Z umzubauen. Seitdem beschäftigt er sich intensiv mit Generationenfragen. Dabei stellte er fest: «Alle sprechen immer von der Generation Z und meinen die Lernenden … Das sind heute nicht mehr die Lernenden. Die betroffenen Jahrgänge sind heute Abteilungsleiterinnen und Bereichsleiter.» Für ihn ist klar: Wer heute eine Lehrstelle sucht und gemeinhin als «Jugend» gilt, gehört zur Generation Alpha.
Ein Gespräch auf Augenhöhe
«Ich habe ja so eine zu Hause», sagt er und meint seine Tochter. Lorine steckt als Obenstufenschülerin mitten in der Berufswahl. Dabei habe er bemerkt, wie viel «so krass anders» ist als bei ihrer etwas älteren Schwester und vor allem bei seiner Generation. Ein Beispiel ist Google. «Das braucht sie nicht mehr.» Heute gibt es «Chatti», also ChatGPT.
«Hä, stimmt jetzt au nöd!», entgegnet Lorine. «Ich brauche Google schon noch, wenn ich am PC bin, einfach nicht so oft.» Sie geht neben ihm her – das Gespräch unterscheidet sich kaum vom Podcastformat. Auf eine Frage des Journalisten setzt er an, sie hört zu, bremst, widerspricht und er lacht, bevor er weitererzählt.
Er will sie nicht als Interviewpartnerin, sondern als gleichwertiges Gegenüber. «Sie kann austeilen – und das möchte ich auch», sagt er. Trotzdem ist die Konstellation eine Herausforderung. Er steht seit Jahren beruflich hinter dem Mikrofon, spricht fürs Publikum. Sie ist 14 und macht das zum ersten Mal. Bei einer Aufnahme fanden sie das Gleichgewicht nicht auf Anhieb, erzählt er. «Beide waren sofort gleicher Meinung.» Problem erkannt, daraus gelernt, und die Folge wird nun einfach nochmals aufgezeichnet.
Sechs Folgen, ein Ziel
Vorerst sechs Folgen gibt es von «Ächt jetzt?!». In der ersten Folge, die am heutigen Mittwoch veröffentlicht wird, geht es ums Thema Berufswahl und um die Frage, wie sich Jugendliche im heutigen Dschungel der Möglichkeiten orientieren. Weitere Themen sind Künstliche Intelligenz – zum Beispiel die bereits angesprochene Verwendung von Chatti, «Meine beste Freundin: mein Smartphone», die Jugendsprache, schlechte Noten und «Teenager: Kind sein war viel einfacher».
Als Vater Blunschi erklärt, dass das Smartphone ein Thema sei, das die beiden entzweit, entgegnet Lorine etwas aufgebracht: «Digga, du tust so, als ob mir mein Handy wichtiger sei als meine Kolleginnen!» Er hält dagegen: «Ja, aber drei Stunden Bildschirmzeit am Tag sind für dich normal, oder?» Aus solchem Stoff sind die Gespräche bei «Ächt jetzt?!».
Mit dem Podcast wollen die beiden unterhalten, aber auch Diskussionen auslösen. «Mein grösstes Ziel ist, dass andere zu Hause ein Gespräch starten über eines der besprochenen Themen – und dabei Verständnis für die Position der anderen Generation entwickeln», sagt er.
Journalist Blunschi will es nicht beim Schlagabtausch belassen. «Ich will Fleisch am Knochen, Kontext», sagt er. Lorine selber hört am liebsten Laber-Podcasts, in denen meistens zwei Leute über irgendwelche (halbwegs aktuelle) Themen sprechen und ihre Meinungen austauschen. Den Podcast mit ihrem Vater ordnet sie anders ein: kein Laber-Podcast, aber auch kein trockener News-Podcast.
Nervosität vor der ersten Folge
Podcasts gefallen Lorine, weil man nebenbei noch etwas anderes machen kann. Informationen holt sie sich kaum über Geschriebenes, erst recht nicht über Gedrucktes. Darum lag ein Podcast auf der Hand. Zumal sie sich als eher schüchtern beschreibt und gar nicht gross in die Öffentlichkeit möchte. «Ich bin schon etwas nervös», sagt sie vor der Veröffentlichung der ersten Folge. Und doch ist schon klar: Es war eine grosse Erfahrung für sie: «Es ist etwas ganz Neues für mich – das Aufnehmen war zwar streng, hat aber viel Spass gemacht.»
Der Vater ergänzt: «Ich bin sehr glücklich, dass Lorine die Erfahrung machen kann, an so einem Projekt mit Profis eines Medienunternehmens mitzuarbeiten. So eine Erfahrung gibt es in der Schule nicht.»
Ob die beiden weitermachen nach den ersten sechs Folgen? Wir werden sehen.
Jetzt die erste Folge hören:
Ab heute alle 14 Tage erscheint «Ächt jetzt?!» auf Spotify, Apple Podcast und auf shn.ch. Der Podcast entstand in Zusammenarbeit mit den «Schaffhauser Nachrichten» und Radio Munot. Um keine Folge zu verpassen, jetzt den Kanal auf der Lieblings-Podcastplattform kostenlos abonnieren. Und um die Arbeit der «Schaffhauser Nachrichten» zu unterstützen, am besten gleich ein Abo abschliessen unter www.shn.ch/abo