«Geld ist Macht» – Patrizia Laeri will, dass viel mehr Geld in Frauenhände gelangt
Als erste Wirtschaftsmoderatorin des Schweizer Fernsehens musste sich die Flurlingerin Patrizia Laeri viele sexistische Sprüche anhören. Eine Frau in der Finanzbranche, das passt vielen nicht. Heute setzt sich die Ökonomin dafür ein, dass Frauen zu Finanzwissen kommen – und zu mehr Geld.
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«Wenn man sich die geopolitische Situation anschaut, wäre es doch mal an der Zeit, dass Frauen die Macht übernehmen.» Patrizia Laeri sitzt in einem Raum im ellexx-Büro im Zürcher Seefeld, hinter ihr hängt ein grosses Bild an der Wand, «Lücken schliessen» steht in englischer Sprache darauf. Frauen an die Macht – sie seien schliesslich viel weniger gewalttätig, das würde ein Blick in die Gefängnisse dieser Welt zeigen. Sie seien gemeinschaftlicher orientiert. Wohlhabende Frauen würden ausserdem viel mehr spenden. Nur gibt es eben viel weniger wohlhabende Frauen als wohlhabende Männer.
Die Ökonomin wird am Donnerstagabend gemeinsam mit anderen Frauen an einem Podiumsgespräch in der Rathauslaube teilnehmen. Anlass ist der Equal Pay Day, der in der Schweiz dieses Jahr am Freitag, 13. Februar, ist. An diesem Tag wird auf die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern aufmerksam gemacht. Er markiert den Zeitpunkt im Jahr, bis zu dem Frauen theoretisch unbezahlt arbeiten, weil sie niedrigere Löhne haben.
Frau Laeri, Sie beschäftigen sich mit finanzieller Gleichstellung. Warum?
Patrizia Laeri: Wenn wir nicht gleich viel Geld in den Händen von Frauen wie Männern haben, wird sich nichts ändern. Denn Geld ist Macht. Wer Geld hat, hat Einfluss, hat Mitspracherecht, kann Regeln diktieren. Darum ist es ganz einfach: Für die Gleichberechtigung brauchen wir mehr Geld in Frauenhand. Und ich will dafür sorgen, dass mehr Geld in Frauenhand gelangt.
Was sind die Zahlen dazu?
Laeri: Global gesehen sind Frauen 105 Billionen Franken ärmer als Männer. Das muss man sich einmal vorstellen! Nur etwa 32 Prozent des globalen Vermögens liegen in den Händen von Frauen. 63 Prozent von den extrem armen Menschen sind Frauen. Am WEF wurde vorgerechnet: Es wird noch 123 Jahre dauern bis zur wirtschaftlichen Gleichstellung. Das werden wir alle nicht mehr erleben. Dieser Prozess muss unbedingt beschleunigt werden.
Bevor sie darüber spricht, wie dieser Prozess beschleunigt werden kann, erzählt Laeri von ihren eigenen Erfahrungen mit Ungleichbehandlungen bei der Arbeit. 2007 war sie die erste weibliche Wirtschaftsmoderatorin des Schweizer Fernsehens. Sie habe häufig viel weniger Zeit bekommen als ihre männlichen Kollegen, um Sendungen fertigzustellen.
Laeri: Ich habe Lohndiskriminierung um Faktor 5 erlebt. Solche oder ähnliche Erfahrungen machen viele Frauen.
Sie haben vor einigen Jahren Ihren Lohn offengelegt. Das passte vielen nicht.
Laeri: Wenn man über Geld spricht, bekommt man auch viele negative Reaktionen, das ist leider so. Aber Lohntransparenz hilft allen. Vor allem dort, wo es keine Lohnbänder gibt, gibt es grosse, nicht nachvollziehbare Lohnungleichheiten. Momentan verdienen diejenigen am besten, die am besten verhandeln. Und das sind oft Männer. Man darf Menschen nicht zwingen zu verhandeln. Es darf nicht sein, dass diejenigen am meisten profitieren, die dominant und laut sind, aber nicht den besseren Job machen.
Geld ist ein grosses Tabuthema. Und viele haben auch die Gewohnheit nicht, darüber zu sprechen.
Laeri: Wir müssen dieses Tabu brechen. Frauen sollten über Geld sprechen – mit ihren Freundinnen, in ihrer Partnerschaft. Und mit den Kindern, auch mit Mädchen! Wer hat schon Eltern, die mit einem über die Börse oder Aktien sprechen? Und in der Schule lernt man es auch nicht. Die Finanzbildung ist so schlecht integriert in unserem Land.
«Wenn wir nicht gleich viel Geld in den Händen von Frauen wie in den Händen von Männern haben, wird sich nichts ändern. Denn Geld ist Macht. Wer Geld hat, hat Einfluss, hat Mitspracherecht, kann Regeln diktieren.»
Im Buch «Close the Gaps», das Sie mitgeschrieben haben, geht es unter anderem auch darum, wie man das Thema Geld in der Erziehung mitdenken kann.
Laeri: Man muss früh anfangen! Oft ist es so, dass die Gelderziehung von der Mutter zur Tochter und vom Vater zum Sohn geht. Mütter gehen das Thema eher haushälterisch an, sind sparsam, haben die Kosten im Griff. So wurde auch ich erzogen. Auch diese Art Gelderziehung ist wichtig, aber genauso sollte man über Rendite und Risiken sprechen, über Vermögensaufbau, übers Anlegen, übers Unternehmerische, Fremdkapital, die Börse. Geld als Mittel, um Träume zu verwirklichen, das kommt eher vonseiten der Väter an die Söhne. An den Mädchen gehen diese schönen Geldthemen häufig vorbei.
Und die Buben sind dafür zum Teil eher zu risikofreudig?
Laeri: Sie kommen oft früh in Kreise, in denen man übers Trading, also über Finanzhandel, spricht. Das ist die andere Seite der Medaille: Ich würde Männer manchmal gern vor dem Day-Trading, also dem kurzfristigen Handeln an der Börse innerhalb eines Tages, retten. Die Zahlen sind klar: 85 Prozent der Day-Trader erleiden mittelfristig Verluste. Aber die Broker locken mit psychologischen Tricks, mit dem Spielerischen, mit Konfettiregen. Das Risikoverhalten überbordet dort. Gut wäre eine Mischung aus dem Verhalten der Geschlechter.
Sie haben zwei Söhne im Teenageralter. Wie ist es bei den beiden?
Laeri: Mit der Gelderziehung hab ich es womöglich ein wenig übertrieben (lacht). Aber es ist gut, wenn man mit 12 oder 13 Jahren schon lernt, sich das Geld einzuteilen. Ende des Monats essen meine Söhne nicht mehr in der Kantine, sondern kochen zu Hause und nehmen das Essen in die Schule mit. Ich habe sie vorgewarnt, sie sollen Geld auf die Seite legen für eine Winterjacke, weil diese oft etwas teurer ist. Das haben sie natürlich nicht geschafft. Also gingen sie diesen Winter ohne Winterjacke durch die Kälte. Es ist besser, wenn sie es jetzt lernen.
Patrizia Laeri ist in Flurlingen aufgewachsen. Bis sie 22 Jahre alt war, lebte sie in der Region. Es sei ein feministischer Entscheid gewesen, Wirtschaft zu studieren, ein Fach, das als «Männerfach» bezeichnet wird. Verhaltensökonomische Muster interessieren sie schon lange. Sie mochte es, diese als Wirtschaftsjournalistin einem breiten Publikum zu erklären. Aber das gab anfangs viele entrüstete Briefe, einen regelrechten Aufschrei. «Was will mir diese Barbie von Börsenkursen erzählen?» – solche sexistischen Sprüche musste sie sich oft anhören, hat sich zum Teil auch rechtlich dagegen gewehrt.
«Ich finde, man darf Menschen nicht zwingen, über den Lohn zu verhandeln. Es darf nicht sein, dass nur diejenigen profitieren, die dominant und laut sind, aber nicht den besseren Job machen.»
Kommen wir zurück zum Thema wirtschaftliche Gleichstellung. Sie sagten, es sei noch ein langer Weg, und wir müssten diesen Prozess beschleunigen. Wie?
Laeri: Mein Wunsch ist, dass jede Frau zur Investorin wird, nur so kann sie ihre finanziellen Lücken im gegenwärtigen System schliessen. Bei den Mädchen fangen die Lücken beim Taschengeld an und enden bei der Pension. Übrigens sind Frauen, wenn sie denn investieren, im Schnitt die erfolgreicheren Investorinnen.
Vor fünf Jahren habe nur jede fünfte Frau investiert, heute seien wir immerhin fast bei jeder dritten Frau. Das mache ihr Hoffnung. Was sie besorgt, ist hingegen, dass Frauen wenig Top-Positionen besetzen. Die Finanzbranche sei dermassen männerdominiert – bei 235 Banken im Land gebe es nur 1 Prozent Bankchefinnen.
Laeri: Frauen werden in der Finanzbranche nicht so freudig aufgenommen.
Warum nicht?
Laeri: Geld ist Zugang zu Kontrolle und Macht. Wer Geld hat, kann sich aus toxischen Beziehungen lösen. Kann seinen eigenen Weg gehen, selbstbestimmt leben, entzieht sich der Abhängigkeit. 56 Prozent der Frauen in der Schweiz können sich finanziell nicht selbst über Wasser halten. Und wir sind eines der reichsten Länder der Welt. Die wirtschaftliche Abhängigkeit hält die Frauen klein. Sie können keine Firmen gründen, wenn sie kein Kapital haben, ihre Ideen nicht umsetzen. Nur 1 Prozent des Wagniskapitals geht im Start-up-Bereich an Frauen. Das ist ein heftiges Systemproblem.
Wo soll man also ansetzen?
Laeri: Man muss die Lücken zuerst ausfindig machen und sich dann im Thema Finanzen weiterbilden. Wir bei ellexx haben Budgettools, damit jede Frau innerhalb von wenigen Minuten herausfinden kann, wie viel sie monatlich investieren kann. Der erste Schritt ist die Übersicht, die Kontrolle über die eigenen Finanzen. Und dann kommt das Lückenschliessen. Man braucht kein grosses Einkommen, um zu investieren. Die beste Freundin der Investorin ist aber die Zeit – je früher man anfängt, desto besser. Eltern können auch für ihre Kinder investieren, statt ihnen Geschenke im Überfluss zu kaufen.
Was sagen Sie nun aber einer Frau, die es über Jahre oder Jahrzehnte verpasst hat zu investieren?
Laeri: Eine Frau wird durchschnittlich 85 Jahre alt. Selbst bei der Pension hat sie also noch 20 Jahre Zeit, zu investieren. Zu viele überlassen diese Themen ihrem Mann, obwohl die Hälfte der Ehen scheitert.
«Eltern können auch für ihre Kinder investieren, statt ihnen Geschenke im Überfluss zu kaufen.»
Sie sprechen die Altersarmut an, die in der Schweiz vor allem weiblich ist.
Laeri: Die ganze Wirtschaft fusst auf der unbezahlten Arbeit von Frauen. Wenn diese in Zukunft niemand mehr leistet, wird die Wirtschaft nicht mehr funktionieren. Die Frauen sind immer weniger bereit, das alles auf sich abwälzen zu lassen. Heutzutage ist Mutterwerden im Übrigen das grösste finanzielle Risiko überhaupt in der Schweiz. Kinder zu haben ist teuer, man arbeitet als Mutter oft Teilzeit, Betreuungsinfrastruktur fehlt, der Rentenschaden ist vorprogrammiert.
Die Zahl der Frauen, die Mutter werden, nimmt ab.
Laeri: Die Geburtenraten sind katastrophal. Wenn man den Männern sagen würde, du kannst entweder ein Kind haben und altersarm werden oder kein Kind haben, würden sich sicherlich auch viele gegen ein Kind entscheiden.
Man solle sich schlaumachen übers Investieren, am besten bei einer unabhängigen Beratungsstelle, nicht zwingend bei Banken, die ihre eigenen Anlageprodukte verkaufen wollen, sagt Laeri. Oft würden einem aktiv gemanagte Fonds «angedreht», die viel teurer seien als passive. Und jede Gebühr fresse schliesslich die Rendite weg.
Gibt es Fallen, in die Frauen oft tappen?
Laeri: Menschen freuen sich weniger über Gewinn, als sie sich über Verlust ärgern. Bei Frauen ist das noch ausgeprägter, sie sind vorsichtiger. Tendenziell haben Frauen einen zu tiefen Aktienanteil, auch wenn sie lange Anlagehorizonte haben. Manche machen auch den Fehler, das Geld in der 3. Säule nicht zu investieren.
«Typisch ist, dass Frauen, bevor sie investieren, drei Kurse besuchen und zehn Bücher lesen. Männer investieren oft schon, wenn sie noch fast nichts darüber wissen.»
Was sagen Sie Frauen, die das Thema Investieren kompliziert finden?
Laeri: Typisch ist, dass Frauen, bevor sie investieren, drei Kurse besuchen und zehn Bücher lesen. Männer investieren oft schon, wenn sie noch fast nichts darüber wissen. Auch im Selbstvertrauen gibt es eine Lücke. Es ist schade, wenn sich Frauen das Investieren nicht zutrauen. Aber es ist auch verständlich, dass man sich über die Folgen Gedanken macht. Es ist sinnvoll, auf verschiedene Arten zu investieren und das Risiko zu verteilen, wenn man es kann: in eine kleine Immobilie, Anleihen, in Gold, in Aktien.
Laeri sagt, sie wünsche sich, dass jede Frau ihre Finanzen selbst in die Hand nimmt, damit sie sich ihre Träume erfüllen, eigenständig und selbstbestimmt durchs Leben gehen kann. Sie ist überzeugt: Je mehr Geld in Frauenhand ist, desto mehr entscheidende Positionen werden Frauen innehaben.
Veranstaltungshinweis: Im Rahmen des Equal Pay Day 2026 organisiert der BPW Club Schaffhausen am Donnerstag, 12. Februar, in der Rathauslaube Schaffhausen ein öffentliches Podium zum Thema «Fair Play, Fair Pay – auch im Sport». Susy Schär moderiert, mitdiskutieren werden Mélanie Pauli, Patricia Widmer, Sandra Plaza, Elena Šandera und Patrizia Laeri. Der Netzwerkapéro beginnt um 18 Uhr, das Podium um 18.45 Uhr. Der Eintritt ist frei.