Emiddio Sansone feiert als erster Fussballtrainer im Rollstuhl Erfolge – «Ich will nicht der Einzige sein. Ich will mehr Inklusion»
Emiddio Sansone ist der erste Fussball-Cheftrainer im Rollstuhl – durch die Berichterstattung in den SN seien ihm einige Türen aufgegangen, sagt er. Nun will er, dass sich diese Türen auch für andere Menschen wie ihn weiter öffnen.
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Als Emiddio Sansone mit der S 9 unterwegs ist, ist da dieser Mann, der gerade die SN liest. Auf der Titelseite an diesem Mittwoch: ein Bild von Sansone mit der Unterschrift: «Mit dem Rollstuhl in der Coachingzone». Der Mann blättert in der Zeitung, irgendwann kommt er zum Regionalteil. «Ich dachte mir noch so, guck einfach weg, der erkennt dich nicht», sagt Sansone und lacht. Er sei eben schüchtern, auch wenn das schwer zu glauben sei. «Aber im selben Moment dachte ich: Klar erkennt der dich, du sitzt im Rollstuhl, du fällst auf!» Und tatsächlich. Der Mann blickt von der Zeitung auf zu Sansone, wieder auf die Zeitung und zurück zu Sansone: «‹Das sind ja Sie›, hat er gesagt. Und dann kam das erste Selfie in der Schweiz.» Es sollte nicht das letzte bleiben. «Dank euch sind einige Türen aufgegangen», sagt er.
Das erste Mal trafen wir Sansone 2024 auf einem vom Regen durchnässten Fussballfeld in Rafz. Damals hatte er seine Karriere als Fussballtrainer bei den C-Junioren des FC Rafzerfeld gestartet – trotz Glasknochenkrankheit, trotz Rollstuhl. Er ist der erste und auch heute noch einzige Rollstuhl-Cheftrainer der Schweiz. Seine Geschichte sorgte für viel Aufregung: Nachdem der Artikel in den SN erschienen war, klopften auch Tele Top und SRF bei Sansone an. «Ich war sprachlos ob der Aufmerksamkeit. Aber es hat mich auch angetrieben, mich weiter für Inklusion einzusetzen und für mich selbst herauszufinden, wie weit ich noch gehen kann.» An seinem Motto «nur Stufen halten mich auf» hat sich nichts geändert.
«Ich war sprachlos ob der Aufmerksamkeit. Aber es hat mich auch angetrieben, mich weiter für Inklusion einzusetzen und für mich selbst herauszufinden, wie weit ich noch gehen kann.»
Auch wenn ihn nicht mal wirklich alle Stufen aufhalten: Heute treffen wir den 46-Jährigen nicht auf dem Fussballfeld, sondern auf der SN-Redaktion. Um in den Konferenzraum zu gelangen, gilt es, eine kleine Stufe zu überwinden – für Sansone kein Problem, schon ist er mitsamt Rollstuhl oben und bereit, mehr zu erzählen.
Jeden Morgen mit einem Lächeln zur Arbeit
Gerade kommt er von der Arbeit im Decathlon im Herblingermarkt. Seit ein paar Monaten ist er dort als Personal Shopper tätig und organisiert interne und externe Veranstaltungen. Zudem hat er sich dafür eingesetzt, dass es in der Filiale eine Selbstbedienungskasse für Rollstuhlfahrende gibt. «Ich bin richtig schlimm im Verkauf», sagt er und lächelt verschmitzt. «Ich kann den Menschen die Sterne vom Himmel holen. Mein grösster Kassenzettel war bisher 1127 Franken.» Zu der Stelle gekommen ist Sansone über «mitschaffe.ch», die Personalagentur für Menschen mit Handicap. «Ich stehe jeden Morgen gerne auf und kann kaum abwarten, zur Arbeit zu gehen», sagt er.
Es wirkt, als habe Sansone im Verkauf seine Berufung gefunden. Seine zweite Berufung. Denn Fussball ist noch immer eine Herzensangelegenheit. Und auch da soll es noch steil nach oben gehen – wenn auch nicht mehr mit dem FC Rafzerfeld. Sansone lebt in Singen und pendelt nun nach Schaffhausen für die Arbeit, Rafz ist nochmals ein Stückchen entfernt. «Immer so lange Zug zu fahren, war mir zu stressig, deshalb habe ich etwas gesucht, das näher ist.» Fündig wurde Sansone bei der Spielvi.
«Die Jungs in Rafz sind mir so ans Herz gewachsen, ich wollte nicht, dass sie mich plötzlich als Gegner haben. Das hätte mir zu sehr wehgetan.» Deshalb ist er auch bei den C-Juniorinnen der Spielvi gelandet. Eine Begegnung mit der Ex-Mannschaft ist also unmöglich – zudem reizte Sansone Frauenfussball.
«Sie haben noch etwas Angst wegen meiner Krankheit. Sie beschützen mich und wenn ein Ball mich trifft, haben sie ein schlechtes Gewissen.»
«Bei den Männern wird immer taktisch gespielt. Wenn man 1:0 vorne ist, will man das Resultat halten. Aber bei den Frauen – wenn die 1:0 führen, greifen sie trotzdem voll an. Ich bin begeistert von meinen Mädels.» Auch wenn sie noch etwas zurückhaltend seien. «Sie haben noch etwas Angst wegen meiner Krankheit. Sie beschützen mich und wenn ein Ball mich trifft, haben sie ein schlechtes Gewissen.» Kein Wunder, immerhin hat Sansone mit Typ III die schwerste Form der Glasknochenkrankheit, trifft ihn ein Ball zu hart, könnte er sich etwas brechen. «Es ist Neuland für sie, das ist auch verständlich. Aber wenn ein Ball kommt, spiele ich halt mit», sagt er.
Trainer in Timbuktu – oder bei der SSC Neapel
Nachdem der SN-Artikel veröffentlicht worden war, wandte sich Sansone auch an den Schweizerischen Fussballverband (SFV), um sich weiterzubilden. Einer seiner Dozenten: Urs Wolfensberger, Ex-FCS-Trainer. «Das ist eine Maschine, der hat so viel Power», so Sansone. «Er hat mir gezeigt, dass ich nicht der Einzige bin, der auch nach 30 Jahren Fussball noch so liebt wie am ersten Tag.» Nachdem Sansone alle Prüfungen für das C-Basic-Diplom beim SFV bestanden hat, will er als Nächstes die Uefa-C-Lizenz erwerben. «Die ist international anerkannt. Ich könnte dann also auch in Timbuktu Trainer werden. Dann geht es richtig los.»
Und vielleicht landet er ja irgendwann bei der SSC Neapel, seinem Traumclub. Schon als Baby nahm sein Vater ihn mit zu Spielen der Mannschaft. Nur Trainer auf Profistufe will Sansone nicht werden – auch wenn er mittlerweile ein grosses Netzwerk hat und auch viele Trainer kennt. «Durch den Beitrag in den SN wurden auch die auf mich aufmerksam. Ihr wart der ausschlaggebende Punkt.» Doch was Sansone noch viel wichtiger ist: «Ich will nicht der einzige Rolli-Trainer sein. Ich will die Motivation für andere sein. Für mehr Inklusion.»
«Wenn man über die Bsetzisteine fährt, wird man durchgeschüttelt. Oder wenn man es nett ausdrücken will, sagt man dazu, man erhält eine Hirnmassage.»
Und das nicht nur auf den Sport bezogen. «Die von der Stadt können mich gerne mal ansprechen, ich bin bereit, bei Themen rund um Barrierefreiheit zu helfen.» Mittlerweile haben wir die Redaktion verlassen und bewegen uns Richtung Bahnhof. Sansone wählt die Bahn an Bsetzisteinen, die abgeschliffen wurde. «Ich schaue, dass ich den Weg nehme, wenn immer möglich», sagt er.
Das Problem: Die Bahn ist nicht durchgängig. Will er zur Unterführung beim Löwengässchen – «die ist besser, weil es da einen Lift gibt» – muss er durch die Vorstadt. Und da gibt es keine abgeschliffenen Steine. «Wenn man über den normalen Weg fährt, wird man durchgeschüttelt. Oder wenn man es nett ausdrücken will, sagt man dazu, man erhält eine Hirnmassage. Aber wenn man als Rollifahrer Rom überstanden hat, übersteht man auch das», sagt Sansone. Er lacht zwar, aber solche Dinge ärgern ihn.
«Es kommt ja auch niemand auf die Idee, Kisten mit Wasser in die Herrentoilette zu stellen. Da würde es dann heissen, geht nicht, das ist eine Stolperfalle.»
Er bewegt sich oft auf Sportanlagen, die meisten seien mittlerweile barrierefrei. «Das Problem ist aber bei den Toiletten. Die sind oft zugestellt mit Kisten, Harassen oder sie werden als Toilettenpapierlager verwendet.» Dann komme es auch ab und zu zu Diskussionen mit den Verantwortlichen. «Ich muss denen dann sagen, dass die Toilette frei sein muss, und manche reagieren dann mit bösen Blicken. Aber ich setze mich jeweils durch. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, Kisten mit Wasser in die Herrentoilette zu stellen. Da würde es dann heissen, geht nicht, das ist eine Stolperfalle.»
Busfahren in Schaffhausen? «Megageil»
Das sei jeweils schade, aber es gebe auch Dinge, die sich positiv entwickelt haben. «Was megageil ist hier, ist Busfahren. Ich liebe das hier in Schaffhausen.» Die Busfahrerinnen und Busfahrer seien stets aufmerksam und hilfsbereit. Auch am Bahnhof habe er keine Schwierigkeiten, sagt er, als er den Lift ruft, um zu Gleis 6 zu kommen. Oben angelangt, muss er nur noch eine etwas steile Rampe hochfahren. Für ihn, der jeden Tag mehrere Kilometer rollt, um fit zu bleiben, kein Problem. «Ich brauche einfach genügend Schwung.»
Ein Zug steht schon da. «Ich muss jetzt schauen, dass ich in der Mitte einsteige», erklärt er. Dort sei Platz für den Rollstuhl. Und er zeigt uns gleich, weshalb er nicht zuvorderst einsteigen kann: Zwischen dem Wagen des Turbos und dem Gleis hat es einen Spalt von ungefähr 20 Zentimetern. «Sie müssen hinten einsteigen», sagt ein Mitarbeiter, der gerade aus dem Zug steigt. «Ich weiss, ich weiss», antwortet Sansone mit einem Lächeln im Gesicht. «Aber ich nehme eh den nächsten.»
«Wenn ich vor ein paar Jahren den Zug nehmen wollte, musste ich das 48 Stunden vorher melden – und im schlimmsten Fall wurde ich trotzdem stehengelassen.»
Während wir auf den richtigen Zug warten, erzählt er von früher. «Wenn ich vor ein paar Jahren den Zug nehmen wollte, musste ich das 48 Stunden vorher melden – und im schlimmsten Fall wurde ich trotzdem stehengelassen.» Meist, ohne den Grund zu kennen. Spontan zu verreisen, sei nicht möglich gewesen. Ein Schnitt in die eigene Unabhängigkeit. Doch auch heute klappt noch nicht alles einwandfrei. Letzthin sei er spätabends unterwegs gewesen und wollte umsteigen. Doch er kam nicht in den Zug, und das anwesende Personal habe nicht helfen wollen. «Ich habe zum Glück ein grosses Netzwerk und konnte jemanden organisieren, der mich abholt und nach Hause fährt.»
Zug fahre er aber trotzdem gern. Als Nächstes steht eine Reise nach Salerno an. Es ist ihm ein grosses Anliegen, dass Menschen wie er ein möglichst unabhängiges Leben führen können und nicht durch solch vermeidbare Dinge zurückgehalten würden. «Dafür werde ich mich weiter einsetzen.»