Kleines Kind – grosser Messias

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Anna Peterer, Mein Mitbewohner, 180 × 180 cm, Öl auf Baumwolle. Bild: zVg

Von Bernadette Peterer

Hoffen wider alle Hoffnung – ja, das ist Weihnachten! Gerade so, wie es das gleichnamige Lied singt. Hoffnung, dass die Welt heller wird, dass die Einsamkeit vergeht, dass Leben aufblüht, wo es bedroht ist, dass Licht und Liebe stärker sind als Dunkelheit und Resignation. Hoffnung, die von einem kleinen Kind in der Krippe ausgeht. Ein kleines Kind – ein grosser Messias!

Die Lieder der Advents- und Weihnachtszeit besingen diese Hoffnung und Sehnsucht nach Heil und Erlösung. Oft mit Worten alttestamentlicher Propheten, wie jenen des Propheten Jesaja, der ruft: «Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit spriessen.» (Jes 45,8)

Welche Vision, wenn göttlicher Regen auf kriegsversehrte Länder regnen würde! Frieden und Heil hervorsprossen würde! Menschen im Sudan und in Nigeria in Weihnachtsjubel ausbrechen und sich um den gedeckten Familientisch versammeln könnten. Brüder und Schwestern in der Ukraine von der Front heimkehren und mit ihren Familien das Geheimnis der Geburt des Erlösers feiern könnten. In Flüchtlingslagern die Habseligkeiten gepackt würden, um heimzukehren und dort das Licht von Weihnachten zu entzünden.

Die Welt braucht Zuwendung

Ergreift sie nicht auch eine Sehnsucht? Nach Heil, nach tiefem Frieden, nach Erlösung von aller Machtbegierde und allem Eigennutz? Damit Gemeinschaft werde und Wohlbefinden für alle Geschöpfe Gottes. Für Menschen aller Herkunft, Kreaturen aller Art, Heil über das ganze Universum hinaus. Gesungen lautet dieses Sehnen: «O Heiland reiss, die Himmel auf; herab, herab, vom Himmel lauf. Reiss ab vom Himmel Tor und Tür, reiss ab, wo Schloss und Riegel für.»

Ja, schreien wir diese Hoffnung und dieses Sehnen hinaus in die Welt! Hinauf zum Himmel, hoch zum Firmament, hinein in Gottes Versprechen «ich bin da». Stellen Sie sich vor, die Welt, oder nur wir hier rund um Schaffhausen, wären vereint in diesem Verlangen. Würde da nicht eine riesige Kraft entstehen? Und der Boden bereitet werden, um empfänglich zu sein, für das, was dem Frieden dient, der Gemeinschaft, der Liebe? Empfänglich zu sein für Heil und Erlösung. Bereit für den Heiland, den Erlöser.

Ja, hier hinein, in dieses Sehnen, wird der Heiland geboren, der Messias, der Retter. Auch heute noch. Das Kind in der Krippe, bedürftig und verlangend nach Liebe, wurde damals in Bethlehem geboren und will täglich neu in unser Herz geboren werden. Es bringt uns dazu, sorgfältig zu werden, demütig und achtsam. Es lässt uns verstehen, dass die Welt bedürftig ist, Zuwendung braucht, einen Schub Hoffnung.

In seinem Buch «Alles trägt den einen Namen» schreibt der amerikanische Franziskanerpater und Autor Richard Rohr: «Gott wird, was er liebt.» Dieser Satz lässt mich nicht mehr los, bohrt sich in mein Herz und lässt mich mein Dasein und uns als Menschheitsgemeinschaft völlig neu verstehen. Dieser weihnachtliche Gedanken, Gott wird, was er liebt, treibt mich mit Staunen und unglaublicher Dankbarkeit zur Krippe. Denn da, verletzlich, bedürftig, nach Liebe verlangend zeigt sich Gott als einer von uns. Von uns, von seiner Welt, die gleichsam bedürftig, verletzlich, nach Liebe verlangend ist.

Wie kann ich da verabscheuen oder von mir weisen, was mich umgibt? Ruft es mich nicht vielmehr dazu auf, mit meinem ganzen Wesen im Dienst dieses Gottes zu stehen, der hier und heute geboren werden will? Insbesondere dort, wo Mensch und Schöpfung bedürftig, verletzlich und nach Liebe verlangend sind. Und es ermutigt mich, meine eigene Bedürftigkeit und Unvollkommenheit nicht zu scheuen, sondern als einen Ort zu sehen, in den der Christus hineingeboren werden will.

In dieser Weise sind mir Worte des deutschen Mystikers Angelus Silesius lieb geworden. Er schreibt: «Wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärst auf ewiglich verloren.» Gottes Menschwerdung ist nicht in erster Linie ein geschichtliches Ereignis, sondern ein Geschehen, das auch heute noch Wirklichkeit werden will. In uns und mit uns und durch uns. Gott wird Mensch, Gott wird, was er liebt, auch heute noch. Weihnachten erzählt davon.

Gott ist da, seit jeher

Gott wird Mensch, Gott wird, was er liebt. Und dies bedürftig, nach Liebe verlangend. Diese spektakuläre Botschaft stülpt unser ganzes menschliches Klassifizierungssystem um. Nicht auf uns zuerst kommt es an, nicht wir sind die Wirklichkeitsreferenz, nicht wir machen Welt. Wir sind Teil dieser Welt, wir sind Welt, wir sind Gottes Schöpfung und schöpfen damit nicht aus uns allein.

Gott ist da, seit jeher. «Der immer schon uns nahe war, stellt sich als Mensch den Menschen dar», wie es das Kirchenlied besingt. Er ist eingeboren in die Welt, eingeboren in dich und mich. Jesus ist das ultimative Versprechen an uns Menschen, dass Gott uns nicht verlässt. Dass wir hineingenommen sind in seine Wirklichkeit, die Erlösung ist und Heil.

Doch Licht kann in uns leuchten

Die Welt lässt sich damit nicht austauschen. Und die innere Zerrissenheit ob so vielem Leid, das wir nicht lindern können, treibt uns weiter um. Doch das Licht, das uns mit Weihnachten geschenkt ist, kann in uns leuchten. Kann uns antreiben, zu Geburtshelferinnen und Geburtshelfern der Hoffnung zu werden. Die dranbleiben, Mut machen, tätig werden, die glauben und lieben. Die Gottes Frohe Botschaft in die Welt hinausposaunen: Wir sind nicht allein. Gott ist uns nah. Gott wird, was er liebt. Gott wird Mensch.

Öffnen wir uns dieser weihnachtlichen Haltung. Sie wird ausstrahlen. Hoffnung schenken. Über alle Grenzen hinweg. Wie es das Lied besingt:

 

Gott aus Gott und Licht aus Licht,

Feuer, das aus Feuer bricht,

Ewigkeit noch nie erkannt,

Himmel, der zur Erde fand.

 

Kind, das in der Krippe liegt,

König, der sich selbst besiegt,

Wind, der durch die Herzen weht,

Leben, das aus Gott entsteht.

 

Himmel, der die Erde liebt,

Liebe, die dem Feind vergibt,

Feuer, das für alle brennt,

Gott, der keine Grenzen kennt.

 

Frohe Weihnachten!

Bernadette Peterer ist kath. Pfarreiseelsorgerin im Pastoralraum Schaffhausen-Reiat

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