Echte Krokodile, Soldaten als Sicherheitskräfte und «Blut und Morde»: So war der Martinimarkt früher
Der Martinimarkt gehört seit Jahrhunderten fest in den Schaffhauser Kalender, aber hat sich über die Jahre massiv verändert. Wie sehr, zeigt ein Blick in die Vergangenheit.
Es ist wieder mal eng in der Schaffhauser Altstadt. Dick eingepackte Menschen schlendern über die Pflastersteine, während über ihren Köpfen schon die Weihnachtsbeleuchtung auf den 28. November wartet, wenn sie wieder eingeschaltet wird. In der Luft liegt eine Mischung aus Tee-, Zuckerwatte- und Gebrannte-Mandeln-Düften, mancherorts lässt der rezente Racletteduft Käsefreunden das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Der Martinimarkt zieht jedes Jahr Tausende in die Schaffhauser Altstadt. Für viele ist es eine lieb gewonnene Vorweihnachtstradition geworden, die man ebenso pflegt wie einige Wochen später das Christbaumschmücken.
Der Markt hat eine sehr lange Tradition und sich über die Jahrhunderte, die er existiert, mehr als einmal verändert.
Vom Bauernmarkt zum Jahrmarkt
Traditionell finden Martinimärkte am 11. November statt, also am Gedenktag an St. Martin. Wichtig wurde der Tag vor allem im Mittelalter. Zu einer Zeit, in der 90 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebte, war dies ein «Zahltag», im mehrfachem Sinne. «Martini war der wichtigste Tag des Schaffhauser Wirtschaftsjahres», schrieb Markus Furrer in seinem Aufsatz «Schaffhausen – Metropole des Seeweins» im 91. Band der «Schaffhauser Beiträge zur Geschichte». «Wechsel wurden fällig, Schuldzinsen waren zu bezahlen, Zahlungsversprechen mussten eingelöst werden, Zehnten waren abzuliefern, die Zünfte hielten ihren ‹Bott› (Zunftversammlung – Anm. d. Red.) ab und ein Markt wurde abgehalten, auf dem man sich mit Wintervorräten eindecken konnte.»
Wo und wann genau der erste Martinimarkt in Schaffhausen stattfand, ist nicht klar. Es ist gut möglich, dass es aber im Korn- und Kaufhaus auf dem Herrenacker war. In der Stadtrechnung tauchten ab 1402 immer wieder Einnahmeposten für «benk» oder «stett» auf. Weitere Marktstände «under dem Kouffhuse» oder «under dem Rathuse» kamen laut Quellen im Stadtarchiv später hinzu.
Der erste Martinimarkt dürfte aber deutlich vor 1402 stattgefunden haben, hatte Schaffhausen doch bereits 1098 das «Marktrecht» erhalten, ohne welches kein Markt erlaubt gewesen wäre.
Die Märkte damals unterschieden sich stellenweise dann doch deutlich von dem, was wir heute kennen. Noch bis ins 20. Jahrhundert war der Martinimarkt vor allem ein Ort, an dem man sich mit Dingen «eindeckte», die man brauchte. Ein SN-Redaktor erinnerte sich in einem Artikel im Jahr 1961: «Wenn Grossvater auf den Markt ging, bangte die Familie. Ob der Stoff auch recht dauerhaft und die Schuhe wohl gross genug seien, die er in seinem verschnürten Paket heimschultere […]. Den Mädchen hingegen brannte die Wahl der Farbe und des Musters auf dem Herzen, und die Buben fürchteten sich vor allzu kratzenden Leibchen.»
Seuchen verhinderten den Markt mehrmals
Im November findet der Martinimarkt statt – meistens zumindest. In seltenen Fällen fiel er aber auch komplett aus. Unvergessen ist wohl das Jahr 2020, als der Traditionsanlass wegen der grassierenden Corona-Pandemie nicht stattfinden konnte.
Zum Zeitpunkt der Absage im August 2020 waren die Covid-Inzidenzen zwar recht niedrig, trotzdem entschied sich der Schaffhauser Stadtrat gegen eine Durchführung. Für Martinimarkt-Fans ein Stich ins Herz, für Marktbetreiber eine wirtschaftliche Katastrophe: Peter Hutter, der Sekretär des Schweizerischen Marktverbandes, sagte damals gegenüber den SN, dass er gerade mal drei Prozent seines regulären Umsatzes habe. Der Martinimarkt war für ihn, wie auch für viele andere Händler, eine wichtige Einnahmequelle.
Die verbürgten Gründe, warum der Markt nicht stattfand, hatten dabei meistens mit Seuchen zu tun. So etwa 1918, als die Spanische Grippe wütete: «Wie wir erfahren, findet der Viehmarkt statt wie bisher, hingegen wird der Warenmarkt und der übrige Markttrubel wegen der Grippe für dieses Jahr eingestellt», heisst es im November 1918 in den SN. 1920 und 1965 wurde der Markt wegen einer grassierenden Maul- und Klauenseuche ebenfalls nicht abgehalten. Da zu diesem Zeitpunkt die meisten Marktbetreiber aus der Landwirtschaft kamen, war dieser Schritt notwendig, um eine Verbreitung zu verhindern.
Achtung, Langfinger! Damals wie heute
Gelegenheit macht Diebe, sagt der Volksmund gerne. Das wusste man auch schon im Mittelalter beim Martinimarkt. Dort, wo viele Menschen auf einem Haufen waren und Geld ausgeben wollten, waren immer auch zweifelhafte Elemente anzutreffen. Um solche fernzuhalten oder mindestens in die Schranken weisen zu können, ordnete der Rat bereits im Mittelalter regelmässig eine besonders scharfe Bewachung an.
So wurden etwa die Torwachen verstärkt, und eine spezielle Marktpolizei patrouillierte. Ob das alles ausreichte, ist derweil nicht sicher. Überliefert ist aber, dass der Rat 1726 zu besonders harten Massnahmen griff: Dort bot man gleich zwei Kompanien auf, die für die Sicherheit auf den Schaffhauser Märkten zuständig sein sollten.
Auch heute sollte man die Augen offen halten, wenn man auf den Martinimarkt geht. Zwei Kompanien werden zwar nicht mehr eingesetzt, aber laut der Schaffhauser Polizei werden auch dieses Jahr wieder Patrouillen unterwegs sein, sowohl in Uniform als auch in Zivil. «Diebe mischen sich gerne und unauffällig unter die Menge. Wir sind zwar vor Ort, doch der beste Schutz sind die eigene Aufmerksamkeit und ein paar Vorsichtsmassnahmen, wie Taschen geschlossen und nah am Körper zu tragen», rät Katarina Carnevale, Mediensprecherin der Schaffhauser Polizei.
Schon immer mehr als nur ein Markt
Der Martinimarkt war und ist aber seit jeher mehr als nur ein Kruscht-Markt. Für viele ist das «Drumherum» entscheidend und ein Grund, sich in die Schaffhauser Altstadt aufzumachen. Das gilt nicht nur heute, sondern galt auch schon vor Hunderten von Jahren. Damals wie heute versuchte man, die Leute daher auch mit Attraktionen abseits von Ständen auf den Markt zu locken. So traten im Mittelalter etwa Seiltänzer und Marionettenspieler auf und zogen die Schaulustigen an. Eher kurios, aber ebenso anziehend waren auch die fahrenden Heilkünstler, wie Steinschneider, Zahnbrecher und Okulisten, die ebenfalls ihre Dienste anboten.
1888 berichteten die SN vom damaligen Martinimarkt, der heute so auch nicht mehr aufführbar gewesen wäre: Hinter dem Schwabentor hatten Schausteller echte Seelöwen und lebendige Krokodile ausgestellt, die sie der staunenden Schaffhauser Bevölkerung darboten. Ein «Höllenspektakel» sei das gewesen, so der Redaktor im Bericht, bei dem er allerdings auch Mitleid mit den Tieren hatte, waren diese doch in viel zu kleinen Aquarien.
Zudem konnte man mehrere Karusselle und «Kuriositätenkabinette» besuchen, unter anderem mit einem «sprechenden Kopf», den unser damaliger Kollege besonders faszinierend fand.
Regelmässig traten Theatergruppen auf, die die Besucherinnen und Besucher ebenfalls unterhielten. 1889 wurde etwa ein chinesisches Theater aufgeführt, in dem eine Seeschlacht zwischen chinesischen und japanischen Kriegsschiffen dargestellt wurde, direkt daneben ein Drama, bei dem es überaus blutig zuging. Eine Frau erstach laut seiner Schilderung auf der Bühne erst ihren Ehemann mit einem Bajonett, ehe sie ein Gewehr gegen sich selbst richtete.
Eintrittspreis für das Spektakel: 20 Rappen.