Im Silicon Valley von Ramsen – zu Besuch bei einem Unternehmer, der lieber auf Menschen als auf Maschinen setzt
In Ramsen führt Josef Zibung seit Jahrzehnten die Star AG, eines der weltweit grössten Übersetzungsunternehmen. Während die übrige Tech-Welt voll und ganz auf künstliche Intelligenz setzt, verschreibt sich der Patron Nüchternheit und Bodenhaftung.
Ein Weg, er ist schmal und staubig, führt entlang von Wiesen und Feldern. Bauernhöfe und Werkhallen ziehen vorbei, deutlich mehr Schafe und Ziegen als Menschen; irgendwo steht ein Insektenhotel für Wildbienen, auf einem Schild preist ein Coiffeur «Haarschneiden im Mondschein» an. Das Silicon-Valley von Ramsen liegt abgeschieden inmitten von Natur und Landidylle.
Angekommen beim Hauptsitz der Star AG, erblickt man ein mehrstöckiges Haus mit rötlich-braunen Fensterläden, Satteldach und Gauben (ein ehemaliges Töchterinstitut, wo Mädchen einst bügeln, kochen und waschen lernten). Nichts erinnert an ein Bürogebäude, geschweige denn an die Räumlichkeiten einer modernen IT-Firma. Vor dem Gebäude und umschlossen von einer Mauer breitet sich eine parkähnliche Wiese aus. Über einem Anbau ragt der Kirchturm der Kirche Wiesholz, die nicht etwa abseits steht, sondern mitten auf dem Firmengelände.
Die altehrwürdige Anmutung passt zur Star AG. Im Jahre 1984 von Josef Zibung in Stein am Rhein gegründet, hat auch sie ein reifes Alter erreicht, gerade verglichen mit anderen Firmen in dieser schnelllebigen Branche. Nach gut 40 Jahren zählt die auf Übersetzungsdienstleistungen spezialisierte Gruppe zu den grössten der Welt. Vor Ort beschäftigt sie etwa 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; eigentlich aber ist sie ziemlich gross. In über 40 Niederlassungen in zahlreichen Ländern kommen noch einmal rund 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinzu.
Starker Konkurrenzdruck
Aber – so möchte man vor dem Anwesen rufen – es gibt doch heutzutage KI! Für wenig oder gar kein Geld kann auch ChatGPT ein Handbuch lesen und sämtliche Informationen sekundenschnell von einer Sprache in eine andere übertragen. Ruht das Geschäftsmodell von Star also noch auf einem soliden Fundament? Oder könnte es sein, dass die Firma im klösterlichen Anwesen etwas aus der Zeit gefallen ist?
«Die Grossen, vor allem in Amerika, rennen alle in die gleiche Richtung.»
Gründer und Firmenchef Josef Zibung glaubt, diese Bedenken entkräften zu können. Der blitzgescheite Mann empfängt in einem Raum, der so ganz zum Anwesen der Firma passt und auch in einer Universität eine Falle machen würde. Das Sitzungszimmer ist eine Bibliothek. Massgefertigte Regalwände strecken sich bis zur Decke. Die Regale sind gefüllt mit Lexika und in Leder gefassten Literaturwerken. Zudem findet man eine Auswahl an Enzyklopädien, unter denen der «Brockhaus» noch zu den jüngsten gehört.
Zibung nimmt neben einer Staffelei mit einem gerahmten Kunstdruck Platz, neben ihm lässt sich Kristin Radlmayr, Mitglied der Geschäftsleitung, nieder – ohne dem Firmenpatron je ins Wort zu fallen oder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen. Dem gut gelaunten und höchst lebendigen Mann reicht das Stichwort «künstliche Intelligenz», um einen passionierten Monolog zu starten.
«Was ist der Unterschied zwischen Computerintelligenz und menschlicher Intelligenz? Diese Frage habe ich mir schon vor etwa 35 Jahren gestellt, als ich mit dem Flugzeug nach Neapel flog und in einer italienischen Zeitschrift den Titel ‹Digito, ergo sum› las.» Die Abwandlung des bekannten Descartes-Spruchs könnte man mit «ich digitalisiere, also bin ich» übersetzen. Schon damals habe der Computer den Menschen, zumindest in gewissen Bereichen, den Rang abgelaufen. Mit dem Aufkommen der neuen Sprachmodelle werde die Einzigartigkeit des Menschen nun erst recht infrage gestellt.
Die Spielwiese des Menschen
«Und doch», sagt er, «kann der Mensch nicht ersetzt werden.» Zwischen dem Vorhaben und der Umsetzung in der Computersprache gebe es ein grosses, weites Zwischenfeld, auf dem unsere Spezies wirken könne. «Ich glaube schon, dass man dafür noch ein wenig Hirnschmalz braucht», so Zibung lächelnd. Auf seinem Stuhl zurechtrutschend, kommt er auf sein eigenes Business zu sprechen. Wie man vermuten könnte, ist Zibung der KI und ihren teils erwiesenen, teils heraufbeschworenen Möglichkeiten nicht völlig verfallen. Auch wenn er nichts gegen die Technologie an sich habe, wie er immer wieder betont.
«Mein Credo lautet: Das Alte lieber nicht wegschmeissen.»
«Das Thema ist in jedermanns Munde. Einen so grossen Hype hatten wir schon lange nicht mehr, aber irgendwann muss dieser auch bezahlt werden.» Zurückhaltend gesagt, sei in den Märkten, die täglich neue Höchstwerte erstürmten, viel Optimismus bereits eingepreist worden – siehe zum Beispiel die astronomische Bewertung des Entwicklers von Grafikprozessoren und Chipsätzen Nvidia. «Mich nimmt Wunder, welche Anwendungen all diese Investitionen, all diese Infrastruktur und all diese Energie einmal rechtfertigen sollen. Ich frage mich, was nüchtern betrachtet der Business-Case dafür ist.»
Sein eigenes Geschäftsmodell wolle er jedenfalls nicht Hals über Kopf umkrempeln. Die Star AG wurde bekannt und erfolgreich mit ihrer Translation-Memory-Technologie. Einfach erklärt: Übersetzungen, die geschrieben und überprüft wurden, werden abgespeichert und können für ähnliche Übersetzungen wiederverwendet werden. «Wir sind der Überzeugung, dass das bleiben wird.» Es handle sich um ein Fundament, auf das man bauen könne, da alle Übersetzungsdaten von Menschen erstellt und mit der Lupe auf mögliche Fehler hin überprüft worden seien.
Zweigeteilte Datenwelt
Zibung: «Es gibt eine sichere Datenwelt und es gibt eine weniger sichere Datenwelt. Warum soll man sichere Daten aufgeben und einer möglicherweise fehleranfälligen KI überlassen? Mein Credo lautet: Das Alte lieber nicht wegschmeissen.» KI eigne sich dafür, die Lücken zu schliessen, tauge für Übersetzungen in Bereichen, wo noch keine gesicherten Daten vorhanden sind.
«Wäre es nicht besser, saubere Daten zu kreieren und dafür Sorge zu tragen, dass es gar nicht erst zu einer ‹Sauordnung› kommt?»
Fast genüsslich zählt Zibung Fälle auf, in denen die neue Technologie versagte, «einen fertigen Mumpitz mit fälschlichen Quellenangaben produzierte». Ein ehemaliger Kunde sei für Übersetzungen auf eine reine KI-Lösung umgestiegen, «der Aufwand, der danach für Korrekturen notwendig wurde, war immens». Oder er spricht von einer Werbesendung für Kunden, die man versuchsweise mit ChatGPT habe schreiben lassen. «Das klang auf den ersten Blick alles hervorragend und einwandfrei. Erst am Schluss ist uns aufgefallen, dass der Text eine Formulierung mit einem impliziten Vorwurf enthielt – die bei den Kunden überhaupt nicht gut angekommen wäre.» Seither lasse man im Umgang mit ChatGPT grosse Vorsicht walten.
Aber ist es nicht so, dass Modelle wie ChatGPT zwar Fehler begehen, aber dank immer grösser werdender Rechenpower und raffinierterer Algorithmen eine immer bessere Genauigkeit erreichen, scheinbar ungeachtet der teilweise zweifelhaften Datengrundlage, auf der sie beruhen? Zibung entgegnet sofort: «Heute müssen intelligente Computer die unstrukturierten Daten, die wir im Netz hinterlassen haben, wieder aufräumen. Aber niemand hat Lust, aufzuräumen. Wäre es nicht besser, saubere Daten zu kreieren und dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst zu einer ‹Sauordnung› kommt?»
Gegen den Strom
Dabei verschweigt Zibung nicht, dass er mit seiner Überzeugung in der heutigen IT-Landschaft ziemlich quer steht. «Apple, Microsoft et cetera schauen die Welt ganz anders an. Die Big Player, vor allem in Amerika, rennen alle in die gleiche Richtung.» Auch in seinem Unternehmen gebe es Junge, die «vorwärts machen wollten» und darauf pochten, künstliche Intelligenz stärker in die Abläufe zu integrieren. Und natürlich fragten vor allem Kunden immer wieder nach der KI-Strategie von Star. Trotz alledem: «Ich bin eher vorsichtig bei diesem Thema. Wir wollen eine sichere Technologie – ohne auf KI zu verzichten, wenn sich deren Einsatz wirklich anbietet und wirtschaftlich nachhaltigen Erfolg bringt.»
Der Mann, der schnell von einem Thema zu einem anderen wechselt, vergleicht die KI mit den gerade trendigen Elektroautos. «So sehr sie gerade bejubelt werden, auch Elektroautos haben Nachteile.» Er selber fahre lieber mit Diesel. Dass sich dieser einmal entzündet habe und sein Auto ein Raub der Flammen wurde, habe ihm diese Vorliebe nicht austreiben können.
Zibungs Privathaus ist über einen gläsernen Anbau direkt mit dem Hauptsitz verbunden. Vielleicht ein Bild dafür, wie sehr auch er an seiner Firma hängt. Das Aufhören falle ihm nicht leicht, sagt der 68-Jährige. «Auch nach 40 Jahren steht unser Unternehmen vor interessanten Herausforderungen, denen ich mich stellen möchte.» Und so finden die Sitzungen weiterhin im Bibliothekszimmer statt, umgeben von edlen Lexika und altehrwürdigen Enzyklopädien.