55 Jahre Mahlzeitendienst von Pro Senectute: «Ein ‹Schwätzli› ist manchmal mehr wert als das Essen»
Monika Züst ist mehr als eine Lieferantin. Die Einsatzleiterin des Mahlzeitendienstes von der Stadt Schaffhausen und Neuhausen bringt nicht nur Menüs, sondern nimmt sich auch Zeit für ein «Schwätzli».
Pro Einsatz verteilt eine Fahrerin zwischen 20 und 25 Mahlzeiten. Dabei nehme man sich auch Zeit für die Kundinnen und Kunden. «Wir sind häufig der einzige Kontakt im Alltag», sagt Monika Züst, Einsatzleiterin und Fahrerin des Mahlzeitendienstes.
Die viel diskutierte Vereinsamung älterer Menschen spüre man deutlich. «Ein ‹Schwätzli› ist manchmal mehr wert als das Essen.» So werde ermöglicht, dass Seniorinnen und Senioren länger zu Hause leben können. «Wir sind kein Pizzakurier – wir schauen, wie es den Menschen geht.» Wenn jemand die Tür nicht öffnet, gehe man der Sache nach. «Wir haben Notfallkontakte, und manchmal besitzen wir auch einen Wohnungsschlüssel.» Mit der Spitex dürfe man sie aber nicht verwechseln, betont Züst. «Wir ergänzen sie.»
«Ich geniesse diese Menschlichkeit.»
Es ist zehn Uhr morgens. In der Küche des Alterszentrums Breite herrscht reger Betrieb. Hier wird nicht nur für die Bewohnerinnen und Bewohner gekocht, sondern auch für den Mahlzeitendienst von Pro Senectute des Kantons Schaffhausen. An diesem Montag stehen eine Kohlrabensuppe, ein mexikanischer Salat, Brätkügeli mit Rahmsauce sowie Kartoffelstock mit Saisongemüse auf dem Speiseplan. Zum Dessert gibt es Stracciatella-Crème.
Dies ist eines von vier Menüs. Als Alternativen werden ein vegetarisches Gericht, ein Menü mit Schonkost und ein sogenannter Wochenhit angeboten. Die Küche stellt den Menüplan jeweils zusammen. Einsatzleiterin Monika Züst erledigt die Routenplanung und nimmt die Wünsche ihrer Kundinnen und Kunden auf dem Bestelltalon entgegen. Geplant wird jeweils eine Woche im Voraus. «Manche bestellen ihre Menüs auch per WhatsApp», sagt Züst.
Die Mehrheit der Kundinnen und Kunden sind über 65 Jahre alt. Der Mahlzeitendienst wird aber auch von Menschen mit Beeinträchtigung in Anspruch genommen. Zusätzlich werden rekonvaleszente Personen, also Menschen in der Genesungsphase nach einer Krankheit, und Frauen im Wochenbett bedient. «Wir halten bei unseren Besuchen gelegentlich auch ein Baby auf dem Arm», sagt Züst mit einem Lächeln im Gesicht.
Von der Küche auf die Strasse
Inzwischen werden die 73 Mahlzeiten in Isolierboxen verpackt und in die Autos der Fahrerinnen gehievt. Jährlich verteilt der Mahlzeitendienst des Kantons Schaffhausen rund 42’000 Menüs. Das Team von Monika Züst ist für die Stadt Schaffhausen und Neuhausen zuständig. Zwei bis vier Fahrerinnen sind täglich im Einsatz – 365 Tage im Jahr. Insgesamt teilen sich 13 Mitarbeiterinnen die Fahrten, alle in Teilzeit. «Wir würden uns auch einen Mann im Team wünschen», sagt die Einsatzleiterin.
Sie selbst schätze den direkten Kontakt zu den Menschen – darum habe sie vor neun Jahren ihre Tätigkeit am Postschalter gegen diese Arbeit eingetauscht. «Ich bin ein Bewegungsmensch und gehe gerne auf Tour», sagt sie. Bewegt werden die Menüboxen nämlich nicht nur mit dem Auto, sondern oft auch zu Fuss – Hindernisse inklusive. «Ich benutze kaum den Lift», sagt die 54-Jährige. Viele Wohnungen seien ohnehin nicht damit ausgestattet.
«Mein Mann sagt, ich könne mittlerweile besser parkieren als er.»
Die Fahrzeuge fahren in verschiedene Richtungen davon. Monika Züst kennt die Adressen ihrer Kundinnen und Kunden auswendig. Seit einigen Jahren stellt sie die Routen jedoch immer wieder neu zusammen – das habe sich bewährt, falls einmal jemand krankheitshalber fehle. «Bei uns kann jede Mitarbeiterin alles», sagt sie. Man lerne rasch, das Fahrzeug auch durch enge Gassen zu steuern. «Mein Mann sagt, ich könne mittlerweile besser parkieren als er.» Pünktlichkeit werde grossgeschrieben, doch Verzögerungen liessen sich nicht immer vermeiden. «Ich erinnere mich an einen extrem verschneiten Morgen – da kamen wir kaum durch die Gassen.» Dann sei es bei allen Fahrerinnen zu Verzögerungen gekommen. «Da lief der Draht heiss, wegen der Verspätungen, und ich sagte nur: ‹Schauen Sie mal aus dem Fenster.›»
Die Kundin, die schon am längsten dabei ist
Das Auto stoppt präzise im Parkfeld. Kurz darauf stehen wir vor einem Wohnblock. «Susanne Polier wohnt im zehnten Stock», erklärt Züst. Ausnahmsweise nehmen wir den Lift.
Mit einem herzhaften Lächeln öffnet die 83-jährige Bewohnerin die Tür. Wenige Augenblicke später stehen wir in der Küche. Der Platz ist knapp, die Aussicht fantastisch. «Manchmal sehe ich das Auto heranfahren, wenn ich aus dem Fenster schaue, und dann weiss ich, es kommt mein Essen», sagt Polier.
Vor 23 Jahren hat sie zum ersten Mal eine Mahlzeit bestellt. «Frau Polier ist unsere Kundin, die schon am längsten dabei ist», sagt Züst. Nach einem Spitalaufenthalt habe sie den Dienst erstmals in Anspruch genommen, erzählt Polier. «Danach wollte ich nicht mehr darauf verzichten.»
Das Essen habe sich in all den Jahren kaum verändert – ihre Küchengeräte hingegen schon. Früher habe sie einen Ofen gehabt, um die Mahlzeit zu wärmen, später sei eine Induktionsplatte dazugekommen. «Da dauerte es manchmal 40 Minuten, bis das Essen warm war.» Heute dauere es mit der Mikrowelle noch fünf.
Je älter sie werde, desto wichtiger sei der Dienst für sie. «Man muss kein Gemüse mehr putzen und schnipseln.» Manchmal gehe sie aber immer noch selber einkaufen. Am liebsten habe sie «Ghacktes mit Hörnli». «Ich bin ein Fleischtiger», sagt sie und lacht.
Kurz darauf stehen wir wieder auf dem Flur vor der Wohnung. «Es sind solche Begegnungen, die meine Arbeit so wertvoll machen», sagt Züst auf dem Weg nach unten. «Ich geniesse diese Menschlichkeit.»