Der Damhirschnachwuchs darf weiterleben – das ist nicht immer so
Die jungen Damhirsche sind gesund, munter und tollen im Munotgraben über die Wiese. Aber ihre Zeit dort ist gezählt: Früher oder später müssen sie ausziehen. Das ist aber die bessere Alternative: Regelmässig müssen die Jungtiere geschossen werden.
Noch tollen sie herum, erkunden ihr neues Zuhause am Fusse des Munots, oben schauen Besucher dem Treiben zu. Jedes Jahr erfreut der Damhirschnachwuchs nicht nur die Munotwächterin oder den Munotwächter, sondern auch unzählige Passanten, Touristen und Tierfreunde, die dem Treiben im Graben zuschauen und miterleben können, wie sich die possierlichen Tierchen von staksigen Hirschkälbern zu stattlichen Damhirschen entwickeln.
Was aber wohl die wenigstens wissen: Die jetzt noch so süssen Jung-Damhirsche haben Glück gehabt, dass sie ihr drittes Lebensjahr überhaupt erleben dürfen. Fünf Männchen haben die Damhirschkühe in den letzten Wochen auf die Welt gebracht – und das Geschlecht der Jungen ist auch der Grund, warum ihr Leben in absehbarer Zeit mit einem Bolzenschussgerät hätte enden können.
Das Problem mit den vielen Männchen
Damhirsche sind bereits mit ungefähr zweieinhalb Jahren geschlechtsreif, und dann gehen die Probleme los, zumindest bei den Männchen. Von Oktober bis November beginnt die «Brunftzeit», und für die «Herren» gibt es nur den Wunsch, möglichst viele Weibchen zu begatten. Während dieser Zeit kämpfen die Hirsche um Territorien und Weibchen, was mit Brunftschreien, dem Schlagen von Brunftkuhlen und Rivalenkämpfen einhergeht.
In der freien Natur könnten die Tiere einander ausweichen, im Munotgraben ist es derweil wie in einem Käfig: Blieben die fünf Jungtiere im Gehege, könnten die sechs Männchen aufeinander losgehen, sich teils schwer verletzen, nur um im Nachgang teils mit ihren Müttern Nachwuchs zu zeugen, und so eine kranke Kolonie zu bilden.
Erschiessen als «Ultima Ratio»
Alles in allem bedeutet das, wenn die Population zu gross ist, müssen Damhirsche aus der Kolonie im Graben entfernt werden. Wie? Da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder werden sie getötet, oder, wenn sie Glück haben, können sie woanders unterkommen. «Die oberste Priorität von uns sind Umsiedlungen», sagt Florian Brack, Leiter von Grün Schaffhausen, der auch für die Hirsche verantwortlich ist. «Was uns in Vergangenheit auch schon gelungen ist, und auch dieses Jahr konnten wir eine Umsiedlung organisieren und die Tiere gehen an einen regionalen Damhirschzüchter.»
«Uns wurde mitgeteilt, dass sie zu gegebener Zeit ein neues Zuhause bei einem regionalen Hirschzüchter finden sollen.»
Das freut auch Andi Hinz, Hirschwärter und Ehemann der Munotwächterin Sabine Hinz: «Uns wurde mitgeteilt, dass sie zu gegebener Zeit ein neues Zuhause bei einem regionalen Hirschzüchter finden sollen.» Aktuell freue man sich aber noch über die fünf Jungtiere, die sich gut entwickeln – und deren Leben nicht mit einem Bolzenschussgerät enden wird.
Hirschzüchter und Tierparks können derweil nicht unbegrenzt Tiere aufnehmen. «Tierpärke müssen die Bestände ebenfalls regulieren, und Zuchtfarmen haben für die Fleischproduktion kein Interesse an Jungtieren», sagte der ehemalige Bereichsleiter von Grün Schaffhausen, Felix Guhl, in einem früheren Gespräch mit den SN.
Der «Umzug» wird allerdings nicht so leicht für die Damhirsche: «Aufgrund der besonderen Lage ist es immer notwendig, dass die Tiere betäubt werden für eine Umsiedlung», so Brack. Dann geht es auf die Reise ins neue Revier.
Der Abschied von der Kolonie und dem gewohnten Umfeld wird dabei nicht nur für die Tiere, sondern auch für die menschlichen Begleiter ein besonderer Moment: «Wie sich der Abschied der Jungtiere auf uns und die Herde auswirken wird, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Es wird sicher eine weitere prägende Erfahrung in unserem ersten Jahr auf dem Munot sein», so Hinz.
Am Ende beim Metzger in der Auslage
Aber was, wenn Damhirsche nicht das Glück haben, dass sie ein neues Zuhause finden können? «Wenn keine Umsiedlungslösung gefunden werden kann, werden sie geschossen», sagt Brack.
Dies werde immer koordiniert und abgesprochen mit der Polizei und mit dem Kantonstierarzt. «Der Abschuss wird sicher durchgeführt und zu einer Zeit mit einer sehr geringen Frequentierung. Der Bereich wird jeweils temporär abgesperrt», erklärt Brack.
Die erlegten Tiere werden laut dem Chef von Grün Schaffhausen dann nicht entsorgt, sondern kommen zu einem Metzger. Dort werden sie verarbeitet und verkauft.
Die Alternative wäre, dass man keine Tiere mehr im Graben hält. Aber Vorstösse, die in diese Richtung gegangen sind, haben bisher noch nie eine Mehrheit im Parlament gefunden.
Fakt ist nämlich auch: Für viele Schaffhauserinnen und Schaffhauser gehören ihre Damhirsche im Graben so zur Stadt wie die Festung selbst und der Rhein vor der Haustüre. Will man also eine gesunde Population haben, muss man dafür sorgen, dass Platzhirsch Peter der einzige Chef im Gehege ist, und natürlich auch die Nachzucht kontrollieren.