«So viele Bücher! So viele!»

Autor
Schaffhauser N…

Philip Roth den Literaturnobelpreis zu verleihen, hat das Komitee in Schweden verpasst. Eine, die ihn ebenfalls verdient hätte, ist Joyce Carol Oates. Am Samstag wird die rastlose amerikanische Autorin 80.

Messerscharfe Beobachterin menschlicher Abgründe: die Autorin Joyce Carol Oates. Bild: Key

von Christina Horsten

Das Lebenswerk von Joyce Carol Oates erstaunt sogar die Autorin selbst. «Die Liste meiner Bücher ist überwältigend», schrieb Oates einmal. «So viele Bücher! So viele!» Mehr als 100 sind es inzwischen: ­Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichtensammlungen oder Werke unter Pseudonym. Die Ideen kommen der zarten Frau mit der grossen Brille beim Joggen, der Rest ist «harte Arbeit», acht Stunden pro Tag. Nun wird ­Oates, die seit Langem als Anwärterin auf den Literaturnobelpreis gilt, 80 Jahre alt – und schreibt weiter, auch häufig per Twitter.

Tochter eines Fabrikarbeiters

«Das Schreiben verursacht mir keine Beunruhigung, nicht wirklich», sagte sie jüngst dem britischen «Guardian». «Es ist so eine Freude, und unsere Leben sind vergleichsweise so einfach, verglichen mit Menschen, die da draussen in der Welt hart arbeiten und leiden.» Besonders schnell schreibe sie allerdings trotz des hohen Ausstosses nicht. «Das denken die Menschen immer, aber es stimmt nicht. Ich erinnere mich, dass ich mal gedacht habe: «Arbeite ich immer noch an diesem Buch? Es ist so ein langsamer Prozess.» Auf Deutsch erschien zuletzt im Mai Oates’ neuer Roman «Der Mann ohne Schatten».

Geboren wurde die Autorin 1938 im kleinen Millersport im US-Bundesstaat New York als Tochter eines Fabrikarbeiters. «Ich stamme von Leuten, die nie aufs College gingen, die nicht einmal einen Schulabschluss haben.» Oates studierte Englisch und Philosophie und begann schon während des Studiums mit dem Schreiben. Anfang der Sechzigerjahre wurden erste Werke veröffentlicht. Nebenbei arbeitet Oates seit Jahrzehnten als Professorin für kreatives Schreiben, seit Ende der Siebzigerjahre an der Eliteuniversität Princeton.

Amerikanischen Traum entmystifiziert

In fast allen ihren Werken entmythisiert die Autorin, was andere den amerikanischen Traum nennen. Sie deckt die Kehrseite der ­Vision vom Streben nach Glück und Erfolg auf, zeigt, wie Gewalt und Tragödie den Menschen korrumpieren. Oates gewann zahlreiche Preise, aber manche Kritiker werfen ihr auch Fliessbandschreiberei vor.

Bis 2008 war Oates mit dem Literaturprofessor Raymond J. Smith verheiratet, fast 50 Jahre lang, bis Smith starb. Das Paar hatte jahrzehntelang gemeinsam die Fachzeitschrift «Ontario Review of Books» herausgegeben. Seinen Tod verarbeitete Oates, die inzwischen neu verheiratet ist, in dem 2011 erschienenen Buch «A Widow’s Story. A Memoir» (2011). Erst danach habe sie wieder zu ihren Romanen, Kurzgeschichten und anderen Projekten zurückkehren können. «Literatur zu schreiben, ist schwer, wenn das echte Leben so viel wichtiger erscheint.»

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