So bekommt man wieder die «Fussball-Magie»
Dank meinem Sohn bin ich jetzt voll im WM-Fieber – obwohl ich das Turnier nicht schauen wollte. Wie hat er das geschafft?
Egal ob talentierter Torjäger oder Couch-Coach: Zur Fussball-WM haben alle eine Meinung, auch die Redaktorinnen und Redaktoren der «Schaffhauser Nachrichten». In der neuen, täglichen Kolumne «Gepflegt reingegrätscht» publizieren wir die Ansichten und Meinungen unserer fussballbegeisterten und -tolerierenden Autorinnen und Autoren rund um die aktuelle Weltmeisterschaft. Wir wünschen viel Vergnügen beim Lesen!
Ja, die WM in Amerika, Kanada und Mexiko gibt viel Grund zum Nörgeln. Um Fussball geht es bei dem Turnier gefühlt nur am Rande, vielmehr scheint es eine Ego-Show für Fifa-Chef Infantino und US-Präsident Trump zu sein, mit Kanada und Mexiko in Statistenrollen. Das Wichtigste ist nicht der Sport, sondern das Geld, das in Unsummen fliesst. Wo ist die reine Freude am Spiel, das Mitfiebern, die Emotionen? Das, was Fussballfans immer mit solchem Glanz in den Augen beschreiben, wenn sie über «ihren» Sport sprechen? Ich darf diesen Zauber aktuell erleben – dank meinem Junior.
Schon Wochen vorher schleppte mich mein Sohn überall hin, wo man Fanartikel kaufen kann. Hüte, T-Shirts, Flaggen, Wimpel – es gab kaum etwas, das nicht in unseren Landesfarben erhältlich war und uns schmückte, als unsere Nationalmannschaft den Rasen betrat. Frühzeitig bekam ich auch die Anweisungen, wie ich mein Auto für eventuelle Korsos behängen muss, damit auch ja jeder sieht, dass wir voll hinter unserer Mannschaft stehen. Eine Playlist mit Fanliedern, welche nach einem Sieg gespielt werden sollten, war ebenfalls schon eingespeichert. Die perfekten Public-Viewing-Orte wurden logischerweise schon lange auserkoren und natürlich auch die Nationalhymne so oft geübt, dass Junior und ich bereits beim ersten Ton aufsprangen und die Hand auf die Brust warfen.
«Für Kinder geht es bei der WM genau darum, worum es eigentlich beim Fussball gehen sollte: Emotionen.»
Woher die Begeisterung? Mein Sohn, und ich glaube, Kinder allgemein, schauen nicht auf die Weltpolitik und die ganzen negativen Implikationen, die rund um das Turnier herrschen. Ihnen ist egal, ob Trump wieder einen Staatschef beleidigt oder dass die Tickets in den USA so teuer sind, dass man für diese eine Niere verkaufen muss, um einen halbwegs guten Platz zu bekommen. Für Kinder geht es bei der WM genau darum, worum es eigentlich beim Fussball gehen sollte: Emotionen.
Das sah man dann auch nach dem Abpfiff. Nach dem 7:1-Sieg gegen Curaçao war der obligatorische Corso angesagt. Überall am Strassenrand standen Kinder, die Deutschland-Flaggen schwenkten und aus vollem Leib jubelten, wenn ein Auto an ihnen vorbeifuhr und hupte.
Aber nicht nur am Strassenrand, auch bei den Corso-Teilnehmern waren es nicht unbedingt die Erwachsenen, die am lautesten feierten: Es war der Nachwuchs, der auf der Rückbank seine Flaggen aus dem Fenster hielt und von einem zum anderen Ohr strahlte. In ihren Gesichtern: die pure Freude, dass man gerade ein begeisterndes Spiel gesehen hatte, viele Tore und am Ende den Sieg seiner Mannschaft bejubeln konnte. Kein Trump, kein Infantino, kein Kommerz. Einfach nur Freude am Fussball – so, wie es sein sollte.