Enttäuschende Vorbilder: Auch Profisportler dürfen den Rheinfall nicht herunterbrettern
Die Profisportler Marisa Kaup und Paul Aubertin haben sich in Kajaks unerlaubterweise den Rheinfall hinuntergestürzt und dafür viel Beachtung erhalten. Mit ihrer gefährlichen Aktion setzen sie sich über ein sinnvolles Verbot hinweg und spornen Nachahmungstäter an.
Der Rheinfall ist ebenso ein Wahrzeichen von Schaffhausen wie der Munot oder der Randen. Er wird zu Recht vor möglichst vielen Fremdeinflüssen geschützt und bestmöglich in seiner natürlichen Schönheit erhalten. Bei aller Schönheit ist der Rheinfall mit seinen gewaltigen Wassermassen aber auch gefährlich. Deshalb wurde ein striktes Fahrverbot zwischen der Flurlingerbrücke und dem Rheinfallbecken implementiert, auf das mit Warntafeln hingewiesen wird, die schlecht informierte Badegäste von einem unfreiwilligen und potenziell tödlichen Sturz über den grössten Wasserfall Europas bewahren sollen.
Über dieses sinnvolle Fahrverbot haben sich die deutsche Wildwasser-Kajakerin Marisa Kaup und der französische Wildwasser-Kajaker Paul Aubertin aus egoistischen Motiven hinweggesetzt und direkt auf einem Schaffhauser Wahrzeichen gegen das Gesetz verstossen. Ihre Tat haben sie gefilmt und auf ihren Instagram-Kanälen veröffentlicht.
Aubertin schreibt zum Video, dass er über das Verbot bloss gelächelt habe, und Kaup sagte im Gespräch mit den SN bloss, dass sie sich mit der Aktion einen Kindheitstraum erfüllt habe. Das Verbot und die rechtlichen Konsequenzen haben die beiden also nicht nur bereitwillig ignoriert, sie erhofften sich auch Aufmerksamkeit und Anerkennung für ihre Tat. Wieso sonst hätten sie ihre Fahrt mit Videokameras dokumentieren und veröffentlichen sollen?
Sponsoren nehmen Gesetzesverstoss in Kauf
Als Profisportler erhalten Kaup und Albertin unter anderem Geld von ihren Sponsoren. Als Gegenleistung verlangen die Sponsoren vor allem eines: Aufmerksamkeit. Je mehr Augenpaare ihr Logo sehen, desto besser. Kaup hat ihren Sponsor, einen deutschen Kajak-Hersteller, in ihrem Video verlinkt. Viele der mehr als 310’000 Menschen, die Kaups Video gesehen haben, haben folglich auch ihren Sponsor wahrgenommen.
«Ein Verbot ist nicht umsonst ein Verbot und keine Empfehlung.»
Das dürfte sich für die Firma und Kaup lohnen. Insbesondere, da der Sponsor gegenüber den SN bereits bestätigt hat, dass von seiner Seite aus keine Konsequenzen auf Kaup zukommen werden. Und auch wenn die Schaffhauser Polizei das geringe Bussgeld von 100 Franken eintreibt, dürften es Kaup und Aubertin deswegen kaum bereuen, den Rheinfall befahren zu haben.
Während sich andere Paddler, wie diejenigen des Kanuclubs Schaffhausen, vollständig von der Aktion der beiden Extremsportler distanzieren, scheint Kaup nicht nachvollziehen zu können, wieso überhaupt ein Verbot existiert. Sie plädiert für weniger Verbote und ist überzeugt, dass Wildwasser-Kajaker schon einschätzen können, was in ihren Fähigkeiten liegt und was nicht.
Der Selbstverantwortung wird in der Schweiz zu Recht eine grosse Bedeutung zugemessen. Und wenn sich Kaup und Aubertin durch wilde Wasser kämpfen wollen, dann sollen sie das tun dürfen. Aber auch nur dort, wo es von der Allgemeinheit akzeptiert ist. Ein Verbot ist nicht umsonst ein Verbot und keine Empfehlung. Dass sich Kaup und Aubertin, die in ihrer Rolle als Spitzensportler auch als Vorbilder dienen, zu so einer Tat herabgelassen haben, enttäuscht. Es ist falsch, durch das Brechen von sinnvollen Verboten Aufmerksamkeit generieren zu wollen und so zu riskieren, dass es potenzielle Nachahmer gibt, deren Aktion vielleicht weniger glimpflich ausgeht.