«Dann ist man ins Inferno gefahren»

Publiziert am
Autor
Mark Gasser

Ein Bild der Verwüstung hinterliess der Sturm in der 1.-August-Nacht im Stammertal. Die Fahrt durchs Tal erinnert an Endzeitfilme.

In der Nacht auf den 2. August verursachte der orkanartige Sturm zwischen zwei und drei Uhr morgens im Stammertal Schäden in einer Grössenordnung, «wie ich es in meinen 63 Jahren noch nie erlebt habe», erklärte der Waltalinger Gemeindepräsident Martin Zuber gestern an einer gemeinsamen Medienorientierung der drei Gemeindepräsidenten mit der Feuerwehr Stammertal und dem Zivilschutz. Jeden Moment, habe er in der Sturmnacht gedacht, würden die klappernden Fensterläden nun weggerissen werden. Sein Amtskollege aus Unterstammheim, Werner Haltner, spricht von einem Rauschen und Rollen vor dem Sturm, «wie ich es noch nie gehört habe». Und den Geruch, den vergisst er nicht mehr: nach Kraut, Wald, Zwiebeln und Knoblauch – die freigesetzten Gerüche der zerschlagenen Kulturen. «Meine Frau fragte mich: Was stinkt denn da so?»

Erfreulich sei einzig die spontane Mitarbeit beim Aufräumen aus der Bevölkerung, vom Zivilschutz und von der Feuerwehr. Die traurige Bilanz im Stammertal: Der Sturm liess Scheunen zusammensacken, knickte Gewächshäuser und Hunderte von Bäumen wie Zahnstocher um oder entwurzelte sie, und der Hagel überschwemmte Dutzende Keller, zerstörte Kulturen auf den Feldern und Reben. Ein Krisenstab – eine Koordinationsgruppe aus Vertretern von Feuerwehr, Forst, Werken, Zivilschutz und mit den drei Gemeindepräsidenten – nahm am Tag danach seine Arbeit auf. «Unsere Landwirtschaft ist jetzt – vor allem nach den Frostnächten – arg gebeutelt. In einigen Kulturen wird dies zu Ausfällen von 100 Prozent führen», erklärte Martin Farner, Gemeindepräsident von Oberstammheim. «Wie von einem Tornado wurden Baumwipfel von der Windhose verdreht», ergänzt Martin Zuber. Gerade frei stehende Bauernhöfe traf es doppelt, lagen einige doch gerade in der «Schneise der Verwüstung», welche der Sturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 170 km/h hinterliess. Und nichts hatte darauf hingedeutet, dass der Orkan so stark werden würde: Alle drei Gemeinderäte konsultierten noch vor dem Einschlafen auf dem Handy ihre Unwetter-App.

RS abgebrochen, Lager evakuiert

Eine Rekrutenschule, die ohnehin bald die Truppenunterkunft in Oberstammheim verlassen hätte, wurde wegen Schäden am Gebäude und der Gefahr lockerer Ziegel vom Waffenplatzkommando frühzeitig abgezogen. Zwei Jugend- und Kinderlager im Stammertal im Freien konnten sich selbständig evakuieren. Die Kinder wurden in der Chrischona-Kirche untergebracht. Eingeklemmte Tiere mussten aus den Ställen geborgen werden.

Die Feuerwehr Stammertal stand mit 34 Personen im Einsatz und kümmerte sich einerseits um die Schäden auf den vielen Höfen, wie Kommandant Andi Frei erklärt. Anderseits mussten die Verkehrswege sofort freigemacht werden. Apokalyptisch mutete die Anfahrt kurz nach dem Sturm an: «Man ist ins Inferno hineingefahren. Das Stammertal war zeitweise nicht mehr erreichbar.» Unterstützt wurde die Feuerwehr von bis zu 36 Zivilschützern, welche auch gestern noch mit den Instandstellungsarbeiten beschäftigt waren.

Am schlimmsten traf es wohl den Landwirt Koni Ita. Mitten im Sturmgeschehen holte er seinen Sohn Jens aus dem Obergeschoss und wies ihn an, sich zu schützen. In der Nebenwohnung war seine Mutter noch friedlich am Schlafen, als es geschah. «Als ich die Nummer 118 anrief – ich dachte, es war ein Blitzschlag gewesen wegen des Knalls –, da flog das Dach davon». Das Dach aus Eternit wurde mitsamt den Balken des Unter- und Vordachs aus den Verankerungen gerissen und davongetragen. Rechtzeitig flüchtete sich die Frau ins Badezimmer. «Sie kauerte am Boden hinter einer Mauer, während der Hagel auf sie prasselte», erklärt Koni Ita. Auch der Kamin flog über sie hinweg.

Schwimmbad und Fussballplatz

Das rund 30 Meter lange Dach eines seiner Pferdeställe blies der Sturm rund 70 Meter weit auf den Sandplatz der nahen Reitanlage. Auf einem anderen Dachabschnitt lösten sich die Solarzellen. Die bis zu 900 Kilogramm schweren Pferdeanhänger überschlugen sich wie Spielzeugklötzchen. Nebenan beim Fussballverein wurden mehrere Zäune in Mitleidenschaft gezogen, zwei Tore sind nun Sondermüll, und zwei Baucontainer riss der Wind mit und kippte einen davon sogar um. Ganze Baumreihen lagen an den Zugangsbereichen beim Reitplatz und machten ein Durchkommen teilweise unmöglich. Das Schwimmbad vor den Toren Unterstammheims wird wegen umgestürzter Bäume und Schäden an den Garderoben sowie möglicherweise der Beckenfolie wohl noch bis zum Wochenende geschlossen bleiben. Sonst blieb Unterstammheim weitgehend verschont vom Sturm. Das Dach einer Zimmerei auf Unterstammer Boden wurde abgedeckt, ein Bretterlager der benachbarten Sägerei stürzte um.

Die Pensionspferde auf seinem Hof musste Landwirt Koni Ita alle ausquartieren. Notdürftig wurde das Haus mit Blachen abgedeckt, «damit keine Folgeschäden entstehen». Während bei dem Sturm niemand verletzt wurde, verendeten in Guntalingen einzelne Kühe wegen gefallener Bäume. Wie viele Landwirte im Stammertal, ist auch Ita wirtschaftlich schwer getroffen. Von seinen 114 Apfelbäumen stürzten wohl 100 um, schätzt er. Sonnenblumen- und Maiskulturen seien höchstens noch als Silage zu verwenden. Apropos: Sogar einzelne Silos wurden auf zwei Höfen weggerissen. Die Superzelle des Sturms sei in einem schmalen Streifen über seinen Hof gefegt, erklärten Schadenexperten Bauer Ita. «Es muss einen tornadoähnlichen Sog gegeben haben, sagte mir der Vertreter von der Gebäudeversicherung. Sonst hätte es die Dächer nicht am Stück weggeweht. Wenn das ein amerikanisches Wohnhaus aus Holz wäre, dann würde es nicht mehr stehen.» Bäume beschädigten auch einzelne Bahn- und Stromleitungen und sorgten für einen Bahnunterbruch.

«Wenn das ein amerikanisches Wohnhaus aus Holz wäre, dann würde es jetzt nicht mehr stehen.»

Konrad Ita, Landwirt, Oberstammheim

Die Fenster des nur 23-jährigen Hauses sind eingedrückt und aus der Verankerung gerissen worden durch die Wucht des Windes. «Die kriegt man nicht mehr zu», so Ita. Während benachbarte Siedlungen wenige Hundert Meter entfernt unversehrt blieben, spricht Ita von Gebäudeschäden im Umfang von mehreren Hunderttausend Franken – allein ein Pferdestall, der abgebrochen werden muss, kostete rund eine Viertelmillion. Für ihn wie für viele Landwirte stellt sich nun die Frage, wie sie mit den zerstörten Kulturen weiterfahren werden. «Eine Herausforderung für die Betriebsleiter, nun zu entscheiden, was sie machen», so Martin Zuber. «Ich leide mit den Bauern, den Gärtnern, Garten- und Waldbesitzern: Es bietet sich ein trauriges Bild.»

 

 

 

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