Eine Dorfstrasse nicht wie jede andere

Publiziert am
Autor
Mark Gasser

Der Weiler Nohl erstreckt sich entlang der Dorfstrasse, hat keinen Laden und keinen Bus. Trotz der komplizierten Grenzlage löst man hier vieles unkompliziert.

(stehend von links) Edith Gross, Jacqueline Jäger und ihr Partner Daniel Mändli, Elisabeth und Walter Studer, Karin, Bernhard (zuoberst) und Vanessa Mändli; sitzend von links: Peter Nohl, Gisela Keller und Walter Nohl. Bild: Michael Kessler

Sommerserie Unsere Strasse (X) – Dorfstrasse, Nohl

Bloss alle paar Minuten stört ein durchfahrendes Auto die Idylle von Riegelbauten, gestutzten Hecken, gepflegten Vorgärten und der Sicht – dieser Sicht auf den Rhein und das Rheinfallbecken, für welche viele so manches Opfer in Kauf nehmen würden. Vor allem auf der Rheinseite haben viele Wohnungen eine spektakuläre Sicht – diese kann man, auf der Dorfstrasse stehend, nur erahnen. Das mag ein Grund dafür sein, warum sich wenige (Bade-)Touristen hierher verirren. Übertroffen wird diese Sicht wohl nur noch durch jene vom Nohlbuck, von wo aus der Dorfverein der Nöhlemer, wie sie sich nennen, auch ihren jährlichen Höhepunkt, die Festwirtschaft am Rheinfallfeuerwerk, mit rund 1500 Gästen durchführt.

Trotz all der Idylle: Das Leben in und um die Dorfstrasse im Nohl schrieb so manche skurrile Geschichte. Das Dorf selber ist schon ein Kuriosum. Die Exklave liegt einerseits als Zürcher Dorf an der Grenze zum Kanton Schaffhausen, anderseits ist es fast vollständig von deutschem Gebiet umgeben. ­Einige nutzen die Dorfstrasse über die grüne Grenze als Abkürzung, manche als Schleichweg, andere wiederum marschieren im Sommer vielen Bewohnern der Dorfstrasse am Rheinufer am Fusse der Halde praktisch durch den Garten, um zu wandern oder zu baden.

«Die Jugendsünde jedes Nöhlemers ist wohl, dass er mit dem Auto einmal über den Steg gefahren ist.»

Gisela Keller, Dorfstrasse, Nohl

Und manchmal verirrt sich ein Tourist mit dem Auto oder dem Camper in den engen, steilen Fähriweg hinunter Richtung Rhein. Bis er merkt, dass für den schmalen Steg über den Fluss ein Fahrverbot gilt. Vielleicht reizte gerade dies viele Bewohner, ihr Schicksal herauszufordern oder ihren Heimweg zu verkürzen. «Die Jugendsünde jedes Nöhlemers ist wohl, dass er mit dem Auto einmal über den Steg gefahren ist», sagt Gisela Keller von der Dorfstrasse.

Pragmatismus, nicht Narrenfreiheit

Manchmal wird im 140-Seelen-Dorf, welches zwischen Neuhausen und ­Altenburg (D) liegt, aber zur Gemeinde Laufen-Uhwiesen gehört, die Abgeschiedenheit etwas zelebriert. Eine verwegene Idee werde einfach mal ausprobiert, und wenn jemand etwas bastle, werde nicht gleich bei der zuständigen Amtsstelle «täderlet», heisst es. Beweis dafür ist das Sprungbrett am Rhein am Fusse des Dorfes, das mittlerweile seit rund 15 Jahren Bestand hat; oder die wilde Rutschbahn am Hang mit Strohunterlage und Plastikplane in den Rhein, welche 2015 zur grössten Schussfahrt der Region wurde. Die Rutsche wäre nie bewilligt worden, wird aber als Attraktion eines Sommers in die Dorfannalen eingehen und lässt noch heute die Augen der Männer leuchten, welche sich damit einen Bubentraum erfüllten. Hier gelte eben das Motto: «Leben und ­leben lassen», erklärt Sven Studer. «Jeder hat Leichen im Keller, und jeder weiss von denen des andern.» Hier werde die Gemeinschaft gelebt, findet auch Gisela Keller, die als Schwäbin sofort in diese integriert worden sei. Die Nöhlemer seien sehr kontaktfreudig, man müsse nur offen für sie sein – das fiel auch Elisabeth Studer auf, die aus dem Zürcher Oberland zu ihrem Mann Walter ins Nohl zog. «Ich erschrak zunächst und dachte: Jetzt verschlägt es mich hierhin, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen.» Heute möchte sie das Leben an der Dorfstrasse nicht mehr missen.

Ich erschrak zunächst und dachte: Jetzt verschlägt es mich dahin, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.»

Elisabeth Studer, «eingewandert» aus dem Zürcher Oberland

Und was ist die Magie, die den Weiler ausmacht? Wird hier so etwas wie eine «Freie Republik», wie es manchmal im Scherz heisst, tatsächlich praktiziert? Führt die Abgeschiedenheit zu so etwas wie Narrenfreiheit, wenn es etwa um die Auslegung von Baureglementen geht? «Nein», meinen beim Gespräch mit den SN elf Nöhlemer wie aus der Pistole geschossen. «Wir leben hier in der Rheinfall-Schutzzone, so muss jedes Baugesuch sogar zuerst in Zürich abgesegnet werden», erklärt Peter Nohl. Er ist die «politische Stimme» des Weilers, der jeweils einen von fünf Laufen-Uhwieser Gemeinderäten stellt.

Peter Nohl war auch erster Präsident des 1985 von ihm mitgegründeten Dorfvereins: Der Verein Urfar hat seinen Namen vom ursprünglichen Wort für Fähre, Überfahrt. Und er erklärt auch viel über das Dorfleben: Entweder man ist drinnen – oder eben nicht. Wer das nicht glaubt, kann an Sommerwochenenden ans Rheinufer am Fusse der Halde kommen: Hier finden sich bei schönem Wetter fast immer Mitglieder des Dorfvereins auf der Festbank mit Grillstelle. Und wer an der Dorfstrasse lebt und im Dorf integriert sein will, der ist eben Mitglied dieses Dorfvereins – denn Alternativen gibt es nicht.

Herausfordernde Grenzlage

Von 70 Mitgliedern seien zwar 22 Externe, meist Heimweh-Nöhlemer, meint deren Präsident Bernhard Mändli (52). Immerhin die Hälfte der Erwachsenen aus dem Nohl sind aber im Verein dabei. Dieser entstand aus einem Vakuum: So hörten mit der Einführung des Stützpunkts und der Auflösung des Depots die meisten Feuerwehrleute aus dem Nohl auf, welche oft Anlässe organisiert hatten. Das Primarschulgebäude hatte für immer seine Türen geschlossen. Letzteres konnte der Verein immerhin als Clublokal für viele seiner rund 30 jährlichen Anlässe, darunter auch Ausflüge und monatliche «Höcks», mieten. Obwohl er eher das Gesellschaftliche pflege und apolitisch sei, suche der Dorfverein auch Kandidaten für Behördenämter. «Aber wir haben dieselbe Problematik wie viele Vereine: Das Durchschnittsalter des Vereins ist extrem gestiegen», sagt Mändli, der mit 52 einer der Jüngeren ist. Die meisten Neuzuzüger seien weniger interessiert.

Eines aber haben viele Neuzuzüger und Ur-Nöhlemer gemein: «Wir sind sehr Schaffhausen-orientiert», sagt Bernhard Mändli. Trinkwasser, Kehrichtabfuhr und Post im Nohl kommen aus Neuhausen. Und dank vergünstigtem Taxitarif von 5 Franken je Fahrt sei auch so etwas wie ein ÖV-Angebot von der Gemeinde geschaffen worden. Das Nohl zählt derzeit zwölf Schulkinder – das ist viel, zwischenzeitlich mussten Kinder allein den Schulweg nach Dachsen (in die Primarschule) oder in die Sek nach Uhwiesen auf sich nehmen. «Ich war die Einzige meines Jahrgangs», sagt etwa Vanessa Mändli (20). Angst habe sie deswegen aber nie gehabt, den Rhein auf dem Velo allein zu überqueren. Man ist geneigt zu sagen: Das Leben im Nohl mit seinen Tücken härtet eben ab. Zum Sicherheitsgefühl trage wohl auch bei, dass mobile Grenzkontrollen dafür gesorgt hätten, dass die Dorfstrasse nicht zum Schmuggelparadies werde, erklärt Vanessas Mutter Karin. Ihr Ehemann Bernhard Mändli weiss von Einbrüchen oder dem Diebstahl von Bootsmotoren vor einigen Jahren zu erzählen. «Aber sonst können wir uns in Bezug auf Kriminalität nicht beklagen.» Sogar zwei Zöllner lebten noch in einem der beiden Zollhäuser. Diese seien oft extern unterwegs, man habe mit ihnen wenig Kontakt. Das andere Zollhäuschen auf dem Nohlbuck ist seit rund 20 Jahren unbemannt und am Zerfallen.

Wenig Abendsonne und Parkchaos

Wenn er einen Makel am Leben im Nohl nennen müsste, so wäre das wohl die eher kurze Dauer der Abendsonne, findet ein anderer Nöhlemer, Daniel Mändli, nach einigem Grübeln. Und da sei noch das Parkplatzproblem in Richtung Neuhausen, fügt Bernhard Mändli an: Der Kanton Schaffhausen hat nach Ansicht der Nöhlemer die Einfahrten auf die Rheinfallparkplätze nicht ideal signalisiert. So stauten sich die Autos und Camper schnell 15, 20 Minuten, was ärgerlich für lokale Handwerker und Pendler sei. Dass heute noch viele den Nachnamen Nohl und Mändli tragen – Letztere haben die Rheinschifffahrt und den Bootsbau von den Fischereizeiten an bis heute geprägt –, ist nicht selbstverständlich. «Meine Vorfahren waren Holländer», weiss der 85-jährige Walter Nohl. «Sie kamen hierhin durch den Salztransport – und blieben hier.» Doch 1865 war ein Schicksalsjahr: Viele Nöhlemer wanderten wegen der Hungersnot aus, etwa in die USA nach Illinois. «Ich habe immer noch Kontakt mit einigen Verwandten», so Walter Nohl. In der Tat sind 81 Personen mit dem Namen allein im virtuellen Telefonbuch des Bundesstaats Illinois eingetragen – anderthalb Mal so viele wie in der ganzen Schweiz.

Wer heute im Nohl aufwächst, der scheint sich nicht nur an die recht komplizierte Grenzlage gewöhnt zu haben, sondern diese sogar zu schätzen – so dass, statistisch gesehen, ein Auswandern heute unwahrscheinlicher ist als anderswo. «Wer im Nohl geboren worden ist, der hat das Virus», erklärt es sich Edith Gross vom früheren Restaurant Rheintal.«

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