Mit der Kettensäge durch die Stadt – das setzt Planung voraus

Publiziert am
Autor
Maria Gerhard

An der Universität Zürich studierte Jérôme Endrass Psychologie, Psychopathologie und Philosophie. Dort hat er auch habilitiert. Er ist ausserplanmässiger Professor an der Universität Konstanz und Stabschef des Amtes für ­Justizvollzug des Kantons Zürich. Im Interview analysiert der Psychologe die Motorsäge-Attacke. 

Jérôme Endrass, Psychologe. Bild: zvg

Herr Endrass, der «Amoklauf» in Schaffhausen geht derzeit weltweit durch alle Gazetten. Ist «Amok» überhaupt das richtige Worte?

Jérôme Endrass: Nein, tatsächlich nicht. «Amuk» heisst malaiisch so viel wie «wütend» oder «rasend». Dabei ging es um Menschen, die im Rausch oder in Trance ohne äusseren Anlass auf Wildfremde eingeschlagen haben. Bei dem Fall in Schaffhausen wurde jedoch anscheinend bewusst eine bestimmte Gruppe, nämlich die Mitarbeiter der Versicherung, ausgewählt. Es ist also mehr eine Art Beziehungsdelikt; auch wenn der Mann wohl keinen persönlichen Kontakt zu den Personen gepflegt hat, war es eine funktional bezogene Beziehung. Bei den meisten Amokdelikten stellen wir fest, dass die Taten vorbereitet wurden, wobei wir herausgefunden haben, dass je «gesünder» der Täter im Vergleich ist, desto besser er sich vorbereitet hat. Das kennen wir zum Beispiel von Amoktaten in Schulen. Zum Teil haben sich die Täter dort bis zu vier Jahre ihren Fantasien hingegeben und sich informiert. Da wir es in Schaffhausen aber mit einem Menschen zu tun haben, der anscheinend psychisch sehr krank ist, gehe ich davon aus, dass er die Tat weniger lang vorbereitet hat. Trotzdem hat er sich eigens bewaffnet und ist auch ohne weiteres Aufheben mit der Kettensäge durch die Stadt zu seinem Zielort gelangt –das setzt ein gewisses Mass an Planung voraus.

Gab es in der Schweiz denn bis jetzt ähnliche Fälle?

Endrass: Glücklicherweise sind solche Delikte sehr selten. Ich kenne auch keinen Fall, bei dem eine Kettensäge so eingesetzt wurde. Natürlich gibt es hierzulande den Fall, wo ein Banker mit der Pistole auf Kollegen geschossen hat, oder auch den berühmten Fall Tschanun. In Deutschland wiederum sind Fälle bekannt, wo eine Axt oder eine Schwert zum Einsatz kamen. Es hat sich gezeigt, je «gesünder» im Vergleich jemand ist, desto eher tendiert er zu einer Schusswaffe. Bei Amokdelikten kommen oft Hieb- und Stichwaffen zum Einsatz. Dies hängt vermutlich banal damit zusammen, dass es für psychisch Kranke schwieriger ist, an Schusswaffen zu kommen.

Der Mann hat im Wald gelebt, sah ­verwahrlost aus, neben seinem Auto fand sich «Gerümpel» – kann man ­daraus schon Schlussfolgerungen zur Person ziehen?

Wie der Zustand der Kleidung des Mannes ist, sagt zunächst relativ wenig über ihn aus. Es ist eine Momentaufnahme. Forensiker schauen sich das ganze Leben der Person an. Es geht eher um die Kombination an Auffälligkeiten. Hat er Drohungen ausgesprochen? Lebt er am Existenzminimum, oder steuert er auf soziale Verarmung hin? Wie lange lebt er schon im Wald? Hat er sich schon mehrfach gewalttätig verhalten? In der Praxis sind wir mit der Problematik verbunden, dass viele sich auffällig verhalten, von denen aber nur wenige gewalttätig werden. Wir sehen, dass viele Menschen stalken oder Drohungen aussprechen, aber sie setzen es nicht in die Realität um. Wenn jemand wie der Mann in Schaffhausen einen Schritt hin zu massiver Gewalt macht, dann ist das ein Dammbruch, der forensisch hochrelevant ist.

Können diese Informationen die Sie zu bestimmten Personen sammeln, auch von Behörden genutzt werden?

Was Bedrohungsmanagement angeht, gibt es je nach Kanton verschiedene Vorstösse. Um schnell reagieren zu können, ist es auf jeden Fall wichtig, dass man sich vernetzt und Informationen über auffällige Personen dokumentiert. Ich hatte schon Fälle, wo nach dem Verhalten der Person ganz klar war, dass bereits Diverses vorgefallen war. Als ich gezielt bei der entsprechenden Behörde anrief, wurde mir das auch bestätigt. Teilweise haben diese Stellen vielleicht Angst, oder sie sind dagegen, dass man alles dokumentiert. In Zürich gibt es eine Stelle bei der Polizei, die sich mit Früherkennung befasst. Da werden alle Informationen zusammengetragen und stehen bereit. Dieses Modell hat Schule gemacht und wird in verschiedenen Kantonen angewendet.

Wie können Sie sich das aussergewöhnlich grosse Interesse in den Medien weltweit an dem Fall erklären?

Das liegt wohl vor allem an der Tatwaffe, einer Kettensäge. Das entfacht natürlich Ängste. Generell weisen wir aber Medienvertreter immer darauf hin, dass ihre Berichterstattung, was den Nachahmungseffekt angeht, nicht unproblematisch sein kann. Je genauer man das Profil, das Leben des Täters preisgibt, desto mehr kann das andere befeuern, es ihm nachzutun.

 

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