Ministranten im maximalen Einsatz

Publiziert am
Autor
Zeno Geisseler

Ohne Ministranten geht am kommenden Osterwochenende gar nichts. Doch wie wird man eigentlich Ministrant? Und was macht man, wenn einem das Wachs der Osterkerze ins Gesicht tropft?

Kirche St. Maria in Schaffhausen, am letzten Samstag. Pfarrer Urs Elsener hat sich mit einer Gruppe von Minis-trantinnen und Ministranten um den Tisch in der Sakristei gruppiert. Die Kongregation beschäftigt sich mit einer wichtigen Frage: Welches Weihraucharoma passt eigentlich zum Palmsonntag? «Wie wäre es mit Rosen?», fragt Pfarrer Elsener und öffnet eine 100-Gramm-Schachtel mit Weihrauch. Die weissen Kristallwürfel kommen direkt aus der Benediktiner-Abtei Dormitio in Jerusalem. Die Ministranten schnuppern am Rosenweihrauch. Na ja. Dann ist ein hellgrünes Schächtelchen an der Reihe, der «Benedictus (narde)». Hm, geht so. Dann vielleicht der «Tabgha-Frühling»? Er riecht nach Maiglöckchen. Die Mienen der Ministranten erhellen sich. Der muss es sein! Frühling, das passt.

Der Pfarrer und die Ministranten haben sich aber nicht nur in der Kirche getroffen, um Weihrauch zu degustieren. Ihr eigentliches Ziel für die nächste Stunde ist es, den Ablauf des Palmsonntags-Gottesdiensts einzuüben. Sie alle werden dabei eine wichtige Rolle spielen.

Am Palmsonntag ist vieles etwas anders als an einem gewöhnlichen Sonntag. So beginnt der Gottesdienst nicht in der Kirche, sondern vorne, beim Eingang. Dort warten die Kirchgänger mit Palmwedeln in der Hand. Der Pfarrer und die Ministranten bilden eine Prozession, die von der Seite kommt und sich den Weg durch die Kirchgänger bahnt. Es gibt eine erste Ansprache, und die Palmwedel der Besucher werden gesegnet. Dann erst geht es in die Kirche. Auch der Schluss ist anders: Da stehen die Ministranten mit ihren Palmzweigen draussen Spalier. «Zweimal», sagt Elsener und blickt in die Ministrantenrunde, «üben wir jetzt das Ganze. Einmal langsam und einmal schnell.»

 

 

Fans am Strassenrand

Doch bevor es losgeht, erklärt Elsener noch, worum es beim Palmsonntag eigentlich geht. Er sei der Auftakt der Karwoche, dann werde des Einzugs Jesu in Jerusalem gedacht. Ganz bescheiden, auf einem Esel, sei Jesus damals dahergekommen. Aber was hat das mit den Palmen zu tun? «Heute würden die Zuschauer am Strassenrand wahrscheinlich Fahnen schwenken», sagt Elsener. «Früher machten sie das eben mit Palmzweigen.» Zudem hätten die Leute ihre Kleider vor Jesus ausgelegt. «In unserer Zeit», sagt der Pfarrer, «würde man ihm den roten Teppich ausrollen.»

Dann geht es an die Verteilung der Aufgaben. Hrvoje Krizic (15) möchte das mit Palmblättern und einer roten Schleife geschmückte Kreuz tragen. Seine Schwester Jelena (17) übernimmt das Evangeliar, das Buch mit den vier Evangelien des Neuen Testaments. «Wollen wir die besonders grosse Ausgabe nehmen?», schlägt sie vor. Es ist ja schliesslich auch ein besonderer Gottesdienst. «Gute Idee», sagt Pfarrer Elsener und greift zu einer schweren Version, die mit den griechischen Buchstaben Alpha und Omega geschmückt ist. Zwei weitere Ministranten übernehmen Weihrauchfass und -schiff, die restlichen Kinder und Jugendlichen greifen sich Palmzweige.

Eine Eins-zu-eins-Probe ist das Ganze nicht. Pfarrer und Ministranten tragen ihre Zivilkleidung, und der «Tabgha-Frühling» wird noch nicht entzündet. Auch die Predigt selbst hält der Pfarrer noch nicht. Gar nicht geprobt wird zudem der Kern jedes katholischen Gottesdiensts, die Eucharistiefeier. Deren Ablauf ist immer gleich, und weil es unter den Minis-tranten dieses Mal keine Neulinge gibt, muss dieser Abschnitt nicht extra durchgegangen werden. Das schafft etwas mehr Luft für die unüblichen Teile. «Es ist auch für mich wichtig, dass wir den Ablauf proben», sagt Elsener. «Wenn die Ministranten sicher sind, dann fühle ich mich wohler. Und es macht auch Spass, wenn man sieht, wie alles klappt.»

Fiktives Weihwasser

Draussen vor der Sakristei stellt Elsener jetzt die Gruppe auf. Jeder der acht Ministranten muss wissen, wo in der Prozession sein Platz ist. Elsener selbst steht zuhinterst und sieht mit seinem Klemmbrett mit den Notizen zum Ablauf aus wie ein Eventmanager einer Show – was er in diesem Moment streng genommen ja auch ist.

Alle sind konzentriert bei der Sache. Die Prozession schreitet zum Eingangsportal. Elsener geht den dortigen Ablauf kurz durch und segnet die fiktiven Mitfeiernden mit fiktivem Weihwasser. Kurz danach, in der Kirche, geht es dann vor allem darum, den Einzug und den Auszug durchzuspielen. Das soll ja am Sonntag auf Anhieb sitzen. Auch scheinbar unbedeutende Dinge werden einstudiert. So sollen sich die Ministranten jeweils gemeinsam von ihren Sitzen erheben oder sich setzen. Das klappt nach zwei, drei Durchgängen ganz gut. Zufrieden legt Pfarrer Elsener schliesslich das Klemmbrett zur Seite. Alles hat bestens geklappt. Die Gruppe ist bereit für den Palmsonntag.

Schon 20 Jahre dabei

Das Ministrantentum ist klassische Freiwilligenarbeit. Alle, die im Einsatz sind, opfern ihre Freizeit. Insgesamt gibt es in der Kirche St. Maria 36 Ministrantinnen und Ministranten. Im ganzen Pastoralraum sind es etwa 80 bis 90. Doch wieso verbringen sie den Samstagmorgen mit einer Probe und einen Teil des Sonntags im Gottesdienst und nicht auf dem Fussballplatz oder mit Freunden in der Badi? Hrvoje, der Kreuzträger, erklärt, dass er wegen seiner Schwester hier sei. «Und es war einfach cool, die jungen Leute vorne zu ­sehen. Ich wollte auch zu ihnen gehören», sagt er. Filippo Binotto (14) ergänzt: «Ich wollte im Gottesdienst etwas anderes machen, als nur dasitzen.»

 

 

Petra Hug ist mit ihren 29 Jahren die älteste Ministrantin. Schon seit 20 Jahren ist sie dabei, inzwischen ist sie die Chefin der Ministranten. «Als Kind reizten mich die schönen Samtstühle, auf denen die Ministranten sitzen dürfen», erzählt sie lächelnd. «Als ich ebenfalls dort vorne Platz nehmen durfte, fühlte ich mich wie eine Prinzessin.» Heute, sagt sie, gefalle ihr der Dienst am Altar, weil sie etwas beitragen könne. «Man ist dann auch näher am Geschehen.»

Jelena, die Evangeliarträgerin, sagt, dass sich die Belastung in Grenzen halte. «Ich bin sowieso regelmässig im Gottesdienst, und wenn ich da noch zehn oder fünfzehn Minuten früher kommen muss, um zu ministrieren, macht mir das nichts aus.»

Mit ihren elf Jahren ist Lynn Kräuchi die jüngste Ministrantin bei unserem Besuch. «Ich kann nicht einmal ­sagen, warum ich komme», sagt sie. «Es gefällt mir einfach.»

Missgeschicke sind normal

Läuft eigentlich immer alles so perfekt wie in der Probe? Die Runde schmunzelt. Fast alle haben ein Missgeschick oder ein ungewöhnliches Ereignis in Erinnerung. Einmal sei eine Ministrantin mitten im Gottesdienst einfach umgekippt. Die Besucher hätten ihr geholfen, und nach ein paar Stückchen Schokolade sei sie wieder auf den Beinen gewesen. Für Petra Hug wiederum ist ein Ostergottesdienst in bleibender Erinnerung geblieben. «Das Wachs der Osterkerze tropfte mir voll ins Gesicht.» Was sie dann getan habe, wollen wir wissen. «Nichts», sagt sie. The show must go on.

Am Sonntag selbst zeigt sich dann, dass sich das Proben gelohnt hat: Alles läuft wie am Schnürchen. Und in der Kirche duftet es wunderbar nach «Tabgha-Frühling».

Ab der Erstkommunion darf man mitmachen

  • Früher war das Ministrieren nur Knaben und Männern vorbehalten. Seit mehreren Jahren sind auch Mädchen und Frauen willkommen.
     
  • Ministrieren kann, wer katholisch getauft ist und die Erstkommunion hinter sich gebracht hat. Somit können Kinder ab etwa neun Jahren mitmachen.
     
  • Eine Alterslimite gibt es nicht; auch Erwachsene können ministrieren.
     
  • Angehende Ministrantinnen und Ministranten erhalten eine Einweisung, zudem gibt es für besondere Gottesdienste Proben.
     
  • Die Einsätze werden vierteljährlich festgelegt. In der Regel ist etwa alle zwei Wochen ein Einsatz vorgesehen.
     
  • Die Ministranten pflegen auch abseits der Gottesdienste einen regen Austausch. Ausserdem gibt es alle drei Jahre ein landesweites Ministrantenfest mit rund 8000 Teilnehmenden, dieses Jahr in Luzern.

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