Schaffhauser Gesamtkunstwerk in Leipzig

Publiziert am
Autor
Alfred Wüger

Grosserfolg für den Schaffhauser Kunstwerker Beat Toniolo in Leipzig, wo an drei Abenden seine Inszenierung «Ist der Augenblick ein Ufer» aufgeführt wurde. Für nächstes Jahr wurde das Projekt an die Luminale nach Frankfurt am Main eingeladen.

Einmal mehr hat der Schaffhauser Künstler, Kulturvermittler und selbst ernannte Kulturbotschafter Beat Toniolo bei einer Inszenierung mit der grossen Kelle angerichtet. Diesmal an seinem Wohnort, der sächsischen Metropole Leipzig. Und er hat dabei das Büffet nicht überladen. Was die rund 200 Besucherinnen und Besucher am Premierenabend am Donnerstag, dem 5. Oktober, im alten Heizkraftwerk Lindenau an sinnlichen Eindrücken erleben konnten, nahm einen mit in eine Welt aus Licht, Schatten, Musik, Wort und Bewegung, und man überliess sich für rund anderthalb Stunden einem Reigen von völlig unvorhersehbaren Eindrücken.

Impressionen aus der Inszenierung:

Schirmherr Christian Amsler

Am Premierenabend gab es vor der Vorstellung einen Apéro riche, Wein aus dem Kanton Schaffhausen und Gelegenheit zu Kontakten und vielen Gesprächen. Mitten unter den Gästen war auch der Schweizer Torhüter des Fussballclubs RB Leipzig. Warum? Weil Beat Toniolo ein grosser Fussballfan ist und praktisch jedes Heimspiel von RB Leipzig besucht.

Nach einer ganzen Reihe von Leipziger Honoratioren überbrachten auch Uwe Gaul, Staatssekretär des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, und Timothy Eydelnant, US-Generalkonsul in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, ein Grusswort. Dann schlug der im Rahmen einer Ferienreise anwesende Schaffhauser Regierungsrat Christian Amsler, der als Schirmherr der Veranstaltung auftrat, die Brücke zur Schweiz.

Er stellte Kurt Bruckner vor, den Schaffhauser Bildhauer und Mathematikkünstler, der die optische Grundlage für die Inszenierung «Ist der Augenblick ein Ufer» lieferte: seine unendlich variierbaren, unregelmässigen Muster. Und mit dem Satz «Keine künstlerische Arbeit lebt für sich alleine, sie sucht immer den Schulterschluss mit dem Alltag» stellte Christian Amsler auch die Verbindung her zwischen der Welt der Ideen und der Wirklichkeit des Spielortes, dem alten Heizwerk. Von 1964 bis 1992 wurde hier Heisswasser für Industriebetriebe aufbereitet. Dann fiel das Gebäude in einen 20-jährigen Dornröschenschlaf, ehe es unter der Ägide des Direktors des Instituts für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, Markus Löffler, in ein Kunstkraftwerk verwandelt wurde.

Ringen bis kurz vor der Premiere

Nach all den Reden begab sich das Publikum in den hallenartigen, fast wie eine halbverfallene Kirche wirkenden Raum, wo einst die Kessel brannten, und überliess sich dem Geschehen. Lichtnetze, geschaffen vom Leipziger Videokünstler Devon Miles, basierend auf Kurt Bruckners Ornamenten, verwandelten den Ort in eine Art von Moschee, die Musik war indisch angehaucht, und ihre Trommeln wurden vom Trompeter Frank Braun brillant überhöht. Komponiert hatten die Musik Enjott Schneider, Marton Illes und Torsten Rasch. Das war indes nicht alles, und es hätte – allein für sich – auch noch keine grossartige künstlerische Wirkung entfaltet. Dazu trugen Tänzerinnen und Tänzer bei, die Dramatik als angedeutete Handlungen ins Spiel brachten, und als Herzstück der Auftritt des Leipziger Gospel Choir unter der Leitung von MaryBeth Müller. Bis kurz vor der Premiere war mit den Komponisten und dem künstlerischen Leiter noch um den definitiven Einsatz des Chors gerungen worden. Die richtige Lösung wurde sozusagen in letzter Minute gefunden.

Und jetzt – als Krönung dieses Kulturkuchens – kamen die Gedichte des in Leipzig lebenden syrischen Poeten Adel Karasholi hinzu, vorgetragen vom nicht zuletzt aus «Tatort»-Krimis bekannten Schauspieler Michael Mendel, der im Schein einer altväterlicher Stehlampe las. Und wie! Das war die hohe Kunst des Modellierens und des Ziselierens von Wörtern im Dienste der Poesie.

Adel Karasholis blumige Gedichte

Und die Poesie war sehr blumig: «Also sprach Abdullah zu mir: ‹Schlage deine Füsse in immer neue Felsen ein› // Die Welt verengt sich nach dem Mass seiner Augen // Seine Augen verlernen das Laufen und seine Lippen verwachsen mit dem Nichts // Ohne Ewigkeit ist der Augenblick ein Ufer ohne Meer.»

Das war das Schlusswort, und Michael Mendel mischte sich unter die Tanzenden und führte alle Spielerinnen und Spieler vor das Publikum. Der Schlussapplaus war gross, die Künstler traten ins Rampenlicht und wurden vom Publikum stehend beklatscht. Der Schaffhauser Stadtrat Simon Stocker – auch er weilte gerade privat in Leipzig – sagte: «Es war eine Flut. Diese Wellen, Geräusche, Bewegungen. Das überwältigt einen.»

Impressario Toniolo konnte mit «Ist der Augenblick ein Ufer» einen Gross-erfolg landen. Nicht nur zur Premiere kamen 200 Leute, sondern auch zu den beiden Folgeabenden. Fernsehen und die Presse berichteten, und im März des nächsten Jahres wird die Inszenierung in Frankfurt am Main zu sehen sein, im Rahmen der Luminale 2018.

Kunstkraftwerk: Ein alter Industriebau neu genutzt

Die Geschichte «Heiss und laut. So müssen wir uns das alte Heizwerk Lindenau an der Saalfelder Strasse auf der Höhe seiner Zeit vorstellen», heisst es auf der Homepage. Von 1964 bis 1992 wurde hier heisses Wasser für die Industrie erzeugt. Dann wurde das Werk stillgelegt.

Die Gegenwart Heute sind die Hallen und die Keller denkmalgeschützt. Die Fundamente der Heizkessel, Kohletrichter, Staubfilter, Dampfverteiler, Förderbänder sind erhalten.

Die Nutzung Das Kunstkraftwerk wurde – ähnlich wie die Kammgarn in Schaffhausen – in ein Kulturzentrum verwandelt.(Wü.)

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