«Radio ist klar das persönlichste Medium»

Publiziert am
Autor
Daniel Jung

Bei Radio Munot steht eine Stabübergabe an: Chefredaktor Andy Jucker ist noch eine Woche im Amt, danach übernimmt Sarah Keller die redaktionelle Verantwortung im Schaffhauser Lokalradio.

«Wir sind das Radio hier aus Schaffhausen»: Sarah Keller übernimmt in einer Woche die Chefredaktion von Radio Munot. Der bisherige Chefredaktor Andy Jucker verlässt nach knapp neun Jahren den Sender. Bild: Daniel Jung

Ist das Radio ein Medium mit Zukunft?

Sarah Keller: Davon bin ich überzeugt. Klar, das Internet gewinnt an Bedeutung. Aber jemand, der auf dem Feld Traktor fährt, kann nicht gleichzeitig im Internet lesen – aber Radio hören. Auch jemand der in einer Schreinerei arbeitet, das Mittagessen kocht oder im Auto fährt, kann Radio hören. Autofahren ohne Radio geht ja gar nicht! Es ist schon verlockend, dass man heute seine eigene Playlisten zusammenstellen kann. Trotzdem gibt es immer noch viele Leute, die einen Menschen hören wollen, der zu ihnen spricht. Man will nicht nur unterhalten, sondern auch informiert werden. Daher werden die Menschen auch künftig noch Radio hören.

Man kann heute mit Podcasts und Streaming-Diensten wie Spotify genau auswählen, was man hört. Welche Stärke hat ein Radioprogramm für alle?

Andy Jucker: Es geht stark um die persönliche Verbindung. Radio ist mit Abstand das persönlichste Medium – man kann es sogar unter der Dusche hören. Radiomoderatoren sprechen direkt zu den Hörern. Wir machen das gezielt, um die Leute einzubinden, zum Beispiel wenn wir Situationen erklären, mit denen sich die Hörer identifizieren können. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass es immer Radiosender geben wird. Der Zugang ist unkompliziert, die Menschen werden unterhalten, und es gibt eine persönliche Bindung.

Keller: Viele Leute, die ich kenne, erwachen am Morgen mit uns am Radiowecker. Dann hören sie morgens zuerst die Stimme von Andrea Moser. Das ist etwas Schönes.

«Es würde nichts bringen, wenn wir versuchten, auch ein lustig-lässiges Jugendradio zu werden.»

Andy Jucker, Abtretender Chefredaktor Radio Munot

Das Radio wird also vom Internet nicht existenziell bedroht?

Keller: Es ist auch für uns immer wichtiger geworden, im Internet präsent zu sein, mit Text, Fotos und Filmen. Facebook und Instagram haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Für uns ist das Internet auch eine gute Ergänzung: Wir können am Radio keine Bilder zeigen, auf unserer Facebook-Seite aber schon.

Jucker: Wenn man aber die Zahlen ansieht, dann hat Radio Munot in den letzten Jahren stets an Hörern zugelegt. Allgemein ist in der Schweiz kein starker Rückgang beim Radiohören zu verzeichnen. Das Internet ist sicher eine gewisse Konkurrenz. Aber ich glaube nicht, dass es den Tod des Radios bedeutet.

Hören Sie in der Freizeit viel Radio?

Keller: Meine Mitbewohnerin ist grosser Radio-Munot-Fan. Wenn man bei uns im Badezimmer das Licht einschaltet, geht gleichzeitig das Radio an. Darum läuft bei mir häufig auch Radio Munot. Immer kann ich es allerdings nicht hören, weil es halt schon meine Arbeit ist, und ich auch Freizeit haben möchte. Es ist aber auch wichtig, andere Radiosender zu hören, um neue Ideen zu erhalten und von der Konkurrenz zu lernen.

Jucker: Ich höre vor allem im Auto. Eine Lichtschalter-Radio-Koppelung gibt es bei mir nicht (lacht).

Im Vergleich zu anderen Privatradios hat Radio Munot immer noch einen hohen Informationsanteil und vergleichsweise lange Beiträge. Bleibt das auch unter der Chefredaktorin Sarah Keller so?

Keller: Ja, das wird so bleiben. Die Nachrichten aus der Region sind unsere Stärke.

«Wenn man bei uns im Badezimmer das Licht einschaltet, geht gleichzeitig das Radio an.»

Sarah Keller, Neue Chefredaktorin Radio Munot

Wieso haben die Informationen bei Radio Munot einen so hohen Stellenwert?

Jucker: Es hebt uns ab. Wir sind das Radio hier aus Schaffhausen. Wenn die Schaffhauser nur Musik oder Unterhaltung hören wollen, dann können sie auch viele andere Sender hören. Hier haben andere Sender auch andere finanzielle Möglichkeiten. Um uns zu positionieren, müssen wir auf das Regionale setzen. Es würde nichts bringen, wenn wir versuchten, auch ein lustig-lässiges Jugendradio zu werden. Damit würden wir niemandem einen Gefallen tun. Trotzdem haben wir in letzter Zeit in die Musik und die Moderation investiert, um frischer daher- zukommen.

Der Fokus aufs Regionale bleibt also erhalten. Gibt es trotzdem Dinge, die mit der neuen Chefredaktorin anders werden?

Keller: Es ist schwierig, über Änderungen zu reden, bevor sie überhaupt angefangen haben. Ich bin ja bereits länger bei Radio Munot und konnte schon bisher meine Ideen einbringen. Klar ist aber bereits: Die Internetseite wird im nächsten Jahr erneuert. Sonst stehen intern einige Änderungen an, welche die Hörer wahrscheinlich nicht stark bemerken werden.

Mit Andy Jucker verlässt ein grosser Fussballfan das Radio. Wie wär’s mit etwas weniger Sport?

Keller: Nein, ich finde nicht, dass wir hier zu viel haben (lacht).

Behält das Radio das besondere Abendprogramm mit zum Teil fremdsprachigen Sendungen?

Keller: Am Sendungsraster sind im Moment keine Änderungen geplant.

Wird sich bei der Musikauswahl etwas ändern?

Jucker: André Epprecht ist ja für die Musik verantwortlich. Hier haben wir eine deutliche Straffung durchgeführt. Früher kam es noch vor, dass auf einen Hip-Hop-Song ein Schlager folgte. Das gibt es heute nicht mehr. Dadurch wurde die Musik hörbarer für alle. Wir haben aktuell noch 950 Songs in der Playlist. Im Vergleich zu anderen Stationen haben wir also immer noch verhältnismässig viele Lieder im Programm.

Dennoch wurde die Musikauswahl in den letzten Jahren schmaler.

Jucker: Das ist so. Und auch etwas stärker auf den Mainstream ausgerichtet. Diese Entwicklung haben aber alle Radiosender, die ich kenne, durchgemacht.

Wie oft hat Radio Munot in diesem Jahr schon «Despacito» gespielt?

Keller: «Despacito» lief bei uns nie in der Rotation, wir haben den Song trotzdem einige Male gespielt, vor allem auf Wunsch von Hörern. Am häufigsten haben wir in diesem Sommer «Symphony» von Clean Bandit feat. Zara Larsson gespielt – ganze 374 Mal. Etwas weniger oft, nämlich 247 Mal, lief «Shape of you» von Ed Sheeran – wohl auch, weil Sheeran gleich mehrere neue Songs veröffentlicht hat.

Gibt es Lieder, die Ihr selber nicht mehr hören könnt?

Keller: Ja, die gibt es. Nicht jedes Lied wird besser, wenn man es sehr oft hört. Einzelne Songs kommen dreimal am Tag. Ich zum Beispiel kann «No Roots» von Alice Merton nicht mehr hören. Über andere Songs freut man sich aber jedes Mal (lacht).

Aktuell wird in Schweizer Radios wieder recht viel Schweizer Musik gespielt – ist das eine nachhaltige Entwicklung?

Jucker: Wir machen das ja schon lange. In der Rubrik «Swiss Made» bringen wir jeden Tag ein Schweizer Lied. Auch aus der Region spielen wir gerne Musik. Hier muss die Qualität stimmen – aber bei Künstlern aus der Region ist die Hürde bestimmt etwas tiefer.

Keller: Seit mehreren Jahren gibt es sehr coole Schweizer Künstler. Ich finde es schön, ihnen eine Plattform zu bieten, und ich höre auch gern Schweizer Musik.

Wie steht Radio Munot zu den «Schaffhauser Nachrichten», die auch zum Medienunternehmen Meier gehören?

Keller: Auch hier bleibt es grundsätzlich wie bisher. Radio Munot hat eine eigenständige Redaktion. In gewissen Fällen gibt es einen Austausch oder eine Zusammenarbeit, etwa wenn es um die Gerichtsberichterstattung geht. Es ist aber ganz klar, dass wir auch in Zukunft eigenständig bleiben werden.

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