Zehn Kilometer neue Stromkabel für den stärksten Mitarbeiter des Kraftwerks

Autor
Julia Heiri

Der 55 Jahre alte Portalkran des Schaffhauser Kraftwerks wird ab dem nächsten Frühjahr für rund eine Million Franken renoviert. Obwohl er relativ selten zum Einsatz kommt, fehlt er dem Kraftwerk.

Hagen Pöhnert (links) und Viktor Spörndli mit dem Portalkran im Hintergrund. Bild: Julia Leppin

Wie ein riesiger grauer ­Dinosaurier thront der 272 Tonnen schwere Portalkran über dem Staudamm des Schaffhauser Kraftwerks. Meistens ist er auf der Zürcher Rheinseite zwischen den dort wachsenden Bäumen parkiert. Aber immer dann, wenn am Staudamm oder an den Maschinen Transport- und Reparaturarbeiten anfallen, wird er hinaus auf den Damm gefahren. «Diesen Kran gibt es nur ein einziges Mal auf der Welt, er wurde für das Kraftwerk Schaffhausen massgeschneidert», sagt Hagen Pöhnert, Geschäftsführer von SH Power.

Zehn Kilometer Kabel

Der Kran mit Jahrgang 1963 war bereits beim Bau des heutigen Kraftwerks beteiligt. Entsprechend veraltet ist das ganze technische Innenleben des grauen Riesen. Ab dem 15. März 2019 bis Ende Juni wird er deshalb für rund eine Million Franken revidiert. «Mindestens zehn Kilometer ­Kabel müssen neu verlegt werden», sagt Viktor Spörndli, Abteilungsleiter Produktionsanlagen bei SH Power. Die auf Stahlbau und Krananlagen spezialisierte Firma Stephan SA aus ­Fribourg wird den Auftrag ausführen.

Der Kran kann, mit maximal 12,5 Metern pro Minute, auf Schienen über den gesamten Staudamm bewegt werden. Die drei Hubhaken können zudem, angemacht an der sogenannten Laufkatze, an den 43,6 Meter langen Armen verschoben werden. Neben der Erneuerung der gesamten Elektrik wird auch dieses fahrbare, 42 Tonnen wiegende Stück komplett zerlegt, gereinigt und wieder eingesetzt. «Die Bedienung wird ausserdem verbessert und technisch auf den neuesten Stand gebracht», so Spörndli. Beispielsweise wird es künftig möglich sein, Standorte digital zu speichern, damit der Kran für bestimmte Arbeiten exakt an die richtige Stelle fährt. «Gerade zur Platzierung der Dammbalken ist das sehr nützlich», sagt Spörndli erfreut. Dammbalken heissen die grossen Stahlplatten, welche vor den Rechen angebracht werden, um das Wasser am Durchfliessen zu hindern und die Turbinen des Kraftwerks für Wartungsarbeiten trockenzulegen.

«Eine wichtige Aufgabe des Kraftwerks ist, die Schaffhauser Altstadt vor Hochwasser zu schützen.»

Hagen Pöhnert, Geschäftsführer SH Power

«Die einzig sichtbare Veränderung am Kran ist der neue Personentransportkorb», so Spörndli. Dank diesem wird es in Zukunft weniger aufwendig, an schwer zugänglichen Stellen des Kraftwerks, wie den Gebäudeaussenseiten oder den Wehren, Arbeiten durchzuführen. Bisher brauchte das Kraftwerk für solche Arbeiten eine Sonderbewilligung der Suva, da der alte Kran dafür eigentlich nicht geeignet war. Auch der Ein- und Ausstieg bei Taucharbeiten wird durch den neuen Personentransportkorb erleichtert und zudem sicherer, da der Korb direkt ins Wasser abgesenkt werden kann. «Die Renovation wird kaum sichtbar sein, aber die Arbeit mit dem Kran wird sicherer und effizienter», erklärt Geschäftsführer Pöhnert. Zusätzlich werde an einigen Stellen die Farbe ausgebessert. «Ein kompletter Neuanstrich wäre aber unnötiger Luxus», ergänzt er. Ebenfalls nicht ­notwendig sei ein Ersatz des Krans. Ein ­solcher würde das Drei- bis Vierfache der Renovation kosten.

Einmal pro Woche im Einsatz

Die durchschnittliche Anzahl Betriebsstunden des Portalkrans beträgt 50 bis 100 Arbeitstage pro Jahr. Das entspricht ungefähr einem Einsatz pro Woche. «Das ist auf den ersten Blick natürlich relativ wenig», so Hagen Pöhnert. Trotzdem sei der Kran für das Kraftwerk unbedingt notwendig. «Wir können ja nicht bei jeder Kleinigkeit einen Autokran kommen lassen.» Zudem, so ­Pöhnert, sei die Kraftwerkanlage für solch grosse Fahrzeuge kaum zugänglich.

Autokran als Notlösung

Im Jahr 2016 mussten kurz nacheinander beide Turbinen des Kraftwerks repariert werden. Eine Zeit lang war das Kraftwerk dadurch komplett lahmgelegt. Zur Reparatur wurden die Turbinen mit dem Portalkran aus der Fassung gehoben. Die maximale Hubleistung des Krans beträgt 120 Tonnen, was dem Gewicht des schwersten Einzelteils entspricht: des Polrads. Das ist ein sich drehender Teil des Generators und in der Funktion vergleichbar mit dem kleinen Rädchen eines Velodynamos, welches die Velofelge entlangläuft. Um die ­Maschinen für Reparaturen oder Kon­trollen zu bewegen, werden diese also aus Gewichtsgründen in Einzelteile zerlegt. Doch was würde bei einem Ausfall ähn-lich demjenigen von 2016 passieren? «Für die Zeit der Kranrevision haben wir bereits provisorisch einen Autokran eingeplant», so Pöhnert. «Aber natürlich ist das eine Notlösung, und wir hoffen, dass wir ihn nicht brauchen.» Eine Situation wie vor zwei ­Jahren während der Renovation des Portalkrans sei das Worst-Case-Szenario.

Produktion bis jetzt höher als 2017

«Eine wichtige Aufgabe des Kraftwerks ist, die Schaffhauser Altstadt vor Hochwasser zu schützen», erklärt Pöhnert. Würde während der Arbeiten am Kran tatsächlich ein Schadensfall eintreten, sei die Sicherheit trotzdem jederzeit gewährleistet.Wegen des historisch tiefen Rheinpegels ist Hochwasser derzeit kein Thema, im Gegenteil. «Wir haben nur halb so viel ­Wasser wie 2017 zur gleichen Zeit», sagt Pöhnert. «Die Stromproduktion ist dementsprechend ebenfalls nur halb so hoch.» Über das ganze Jahr hinweg gesehen, liege sie aber immer noch 10 Prozent über dem Durchschnitt, so Pöhnert. «In den ersten drei Monaten gab es 2018 ungewöhnlich viel Wasser, das gleicht sich aus.»

 

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