Selbstbestimmt zurück ins Leben finden

Autor
Rolf Fehlmann

Selbstbestimmt zurück ins Leben finden

Rund 60 Personen bietet der Bereich altra Wohnen ein Zuhause – sie haben in ihrem Leben viel durchgemacht. In einer Wohnform, die ihren Bedürfnissen gerecht wird, schöpfen sie neue Kraft.

Miteinander kochen und gemeinsam essen hat in den altra-Wohngruppen einen festen Platz – es stärkt das Gemeinschaftsgefühl und verbindet. Bild: Peter SChäublin
Menschen mit Beeinträchtigung finden im Bereich altra Wohnen ein Zuhause und ein Umfeld, das ihnen eine schrittweise Rückkehr in ein Leben ermöglicht, das geprägt ist von Würde, Selbstachtung und Autonomie.

«Jede Geschichte ist anders», sagt Sonja Anderegg mit Blick auf die Biografien der rund sechzig Personen, die bei der Stiftung altra ein Zuhause in einer betreuten Wohnform gefunden haben. Für die Leiterin des Bereiches altra Wohnen ist dabei ein Punkt zentral: «Die Menschen, die bei uns wohnen, sollen sich hier wohlfühlen. Sie sollen sich bei uns gut aufgehoben wissen und unterstützt werden.»

Obwohl die Ursachen ihrer Erkrankungen individuell verschieden seien, hätten die Bewohnerinnen und Bewohner eines gemeinsam, sagt Anderegg: «Sie brauchen eine Form von Betreuung, die exakt auf sie zugeschnitten ist.»

Dazu zählten das richtige Mass an Selbst- und Fremdbestimmung, Gespräche auf Augenhöhe mit den Angehörigen des Betreuungsteams, aber auch soziale Kontakte: «Diese Menschen wollen wieder im Leben ankommen. Wir helfen ihnen dabei, ihre Situation zu stabilisieren, wieder ein Selbstwertgefühl und Perspektiven für ihre Zukunft zu entwickeln.»

«Der Wechsel ins betreute Wohnen ist ein Schritt in eine andere Kultur, bei dem sich die Bewohner gegenseitig unterstützen. Wie in einer Familie sind hier alle Altersgruppen vertreten. Das gibt den Menschen zusätzlich Halt.»

Sonja Anderegg, Mitglied der Geschäftsleitung Stiftung altra schaffhausen

Dabei unterliege die Arbeitsweise des Teams höchsten Anforderungen an die Qualität: «Die entsprechenden Regeln geben uns allen Sicherheit – schliesslich arbeiten wir mit Menschen und nicht mit Ware.»

Standorte und Angebot

Nordstrasse 84/86: 2 Wohngruppen mit je 12 Einzelzimmern; ganzjährige 24-Stunden-Betreuung
Buchthalerstrasse 145/147: 12 Dreizimmer-Wohnungen für Erwachsene; Betreuung morgens, abends und am Wochenende; ganzjähriger 24-Stunden-Pikettdienst
Buchthalerstrasse 145/147: 4 Dreizimmer-Wohnungen für Jugendliche; Betreuung morgens und abends ausserhalb der Ausbildungszeiten; ganz-jähriger Nacht- und Wochenend--Pikettdienst
Neustadt 12: 8 Zweizimmer-Wohnungen; Betreuung am Abend, vorwiegend von Montag bis Freitag; ganzjähriger 24-Stunden-Pikettdienst
Private Wohnungen: punktuelle Unterstützung

Sammelt Autos und fotografiert: Elisabeth Prost hat im betreuten Wohnen an der Nordstrasse ein neues Leben gefunden. Bild: Rolf Fehlmann

Seit sechs Jahren lebt Elisabeth Prost (70) im betreuten Wohnen der Stiftung altra schaffhausen an der Nordstrasse 84/86. Der Übertritt aus der psychiatrischen Klinik war für sie ein Wechsel in einen neuen, ganz anderen Lebensabschnitt, wie sie in ihrem Erfahrungsbericht betont.

Für mich sind die Leute hier wie eine Familie. Hier habe ich gelernt, wieder zu mir zu finden, ich habe wieder Freude an meinen Hobbies. Nach zwanzig Jahren in meiner eigenen Wohnung war ich am Schluss nicht mehr alleine zurechtgekommen. Nach meinem Klinikaufenthalt kam ich vor sechs Jahren hierher ins betreute Wohnen der altra.

«Ein ganz anderer Lebensabschnitt»

Wenn man von der Klinik kommt, muss man sich an das Leben hier gewöhnen – das betreute Wohnen ist ein ganz anderer Lebensabschnitt. Bis man sich wieder an gesunde Leute gewöhnt hat, dauert es ein halbes bis ein Jahr. Der Wechsel hierher hat mir sehr geholfen. Ich habe für mich gespürt, dass ich irgendwie reif war für einen nächsten Schritt. Das Team im betreuten Wohnen hat mir dabei sehr geholfen.

«Habe wieder Kochen gelernt»

Mich haben sie hier wieder aufgebaut, haben mir wieder gezeigt, wie man kocht und den Haushalt führt – alles Dinge, die ich nicht mehr gemacht hatte, als ich allein war. Die Angehörigen des Betreuungsteams achten darauf, dass ich den Haushalt selber besorge, dass ich selber wasche, bügle und koche. Mittlerweile koche ich einmal in der Woche für acht, neun Personen. Für mich ist es eine schöne Aufgabe, den Anderen eine Freude zu machen, indem ich uns ein leckeres Menü zubereite.

«Wir sind hier sehr gut aufgehoben»

Hier finde ich ein gutes Team vor, und hier sind wir mit guten Leuten zusammen, Bewohner eingeschlossen. Ich habe hier viel gelernt, zum Beispiel die Anderen so anzunehmen, wie sie sind. Auch wenn unsere Krankheiten unterschiedlich sind, haben wir Bewohnerinnen und Bewohner vieles gemeinsam. Und jeder weiss, dass wir hier sehr gut aufgehoben sind. Ich habe mich an die Leute hier gewöhnt – für mich ist das einfach Familie. Ähnlich wie in einer Familie sind hier von jung bis alt alle Altersgruppen vertreten. Mit meinen siebzig Jahren bin ich hier die Älteste, aber ich fühle mich sehr wohl. Mit den Jungen – der Jüngste ist 18 – habe ich ebenso wenig Probleme wie mit den Älteren; und ich kann den Jüngeren auch mal einen Ratschlag geben.

«Modellautos sind meine Leidenschaft»

Meine Sammlung von Modellautos sorgt immer wieder für Erstaunen. Früher besass ich über 70 Exemplare davon, vor allem auch grosse Modelle im Massstab 1 :  18. Ich muss diese Wagen spüren, sie in meinen Händen halten. Plastikautos hingegen wollte ich nie – das sind Staubfänger. Früher hatte ich zudem intensiv fotografiert. Aber auch das Quad Fahren hatte ich sehr genossen – das ist richtige Action, das möchte ich wieder einmal machen.

Aufgezeichnet von Rolf Fehlmann

Diese Diskussion wurde geschlossen.