Weltmeister versetzen Jestetten in Jubel

Autor
Thomas Güntert

1954 wurde Deutschland im Berner Wankdorf-Stadion zum ersten Mal Fussball-Weltmeister. Einen Tag später machten die WM-Helden auf ihrer triumphalen Heimfahrt in Jestetten den ersten Halt auf deutschem Boden.

Der Jubel kannte in Jestetten keine Grenzen, als der Sonderzug 1954 mit den Fussballweltmeistern aus Bern einrollte. Bild: ZVG

Das Wunder von Bern löste in Deutschland eine Begeisterungswelle aus, die es in dieser Form noch nie gegeben hatte. Während des zweitägigen Triumphzugs von Spiez nach München standen über eine Million Menschen auf der Strecke. Der Jestetter Zeitzeuge Heinz-Dieter Metzger (77) und René Jenny (66), Sohn des damaligen Bahnhofvorstandes, haben alte Erinnerungen zusammengetragen.

Am 5. Juli 1954 schickte die Deutsche Bundesbahn ihren nobelsten Diesel-Schnelltriebwagen, einen VT 08, in die Schweiz, um ihre Helden abzuholen. Bereits in Basel wurde der Schriftzug «Fussballweltmeister 1954» auf die weinrote Aussenwand geklebt. Nachdem in Lottstetten die Landesgrenze passiert wurde, sollte der Sonderzug bis Singen durchfahren, wo ein Empfang geplant war. Konrad Jenny war damals Bahnhofsvorstand auf dem Jestetter Bahnhof. Die Kunde, dass die Helden von Bern durch Jestetten fahren, ging wie ein Lauffeuer durch das Dorf, und schon früh versammelten sich die Leute samt Musikverein auf dem Jestetter Bahnhof und wollten wissen, wann denn der Sonderzug endlich ankommt.

Musiker drohten mit Sitzstreik

Als der Bahnhofsvorstand sagte, dass der Zug gar nicht halte, brachten die Musiker ihre kostbaren Instrumente nach Hause und kamen erzürnt zurück. Zusammen mit einer Gruppe vom Sportverein drohten sie, sich auf die Gleise zu setzen. Jenny telefonierte mehrmals mit der SBB-Leitstelle, die mit den Fussballverantwortlichen verhandelte. Nachdem es kein Pardon gegeben hatte und es immer wieder hiess «Kein Halt in Jestetten» ging Jenny kurz entschlossen ins Stellwerk und stellte das Signal für den Lokführer auf Rot. Kurz vor 16 Uhr rollte dann der Sonderzug langsam ein. «Wir hatten noch nie einen so schönen Zug gesehen», erinnerte sich Metzger.

«Ich war damals lieber auf den Sportplätzen in Jestetten und Lottstetten, wo richtig was los war, wenn die Leute mit ­Regenschirmen aufeinander ­losgingen.»

Heinz-Dieter Metzger, Fussballfan Jestetten

Konrad Jenny bildete mit Zöllnern eine Menschenkette, um die jubelnde Masse vom Bahngleis fernzuhalten. Als sich die Türen und Fenster öffneten und der Kapitän Fritz Walter den Weltmeisterpokal zeigte, gab es kein Halten mehr. Der Lottstetter Jäger ­Gustav Baumann überreichte als erster einen Waldblumenstrauss, der Gastwirt Max Frank kam mit einem Ring Fleischwurst daher, und junge Mädchen streckten den Spielern ihre Poesiealben entgegen.

René Jenny (l.) und Heinz-Dieter Metzger vor dem Bahnhof Jestetten. Bild: Thomas Güntert

Der Bürgermeister Otto Holzscheiter überreichte dem Trainer Sepp Herberger und den Spielern jeweils eine Bronzeschale mit dem Jestetter Wappen und der Aufschrift «Jestetten dankt Ihnen», die der einheimische Bildhauer Siegfried Fricker entworfen und die Metallgiesserei Hiemer gefertigt hatte. Rene Jenny bemerkte, dass sein Vater später dafür geradestehen musste, dass er den Zug auf eigene Initiative angehalten hatte. Konrad Jenny verstarb vor fünf Jahren im Alter von 86 Jahren.

Nachhall kam nach 30 Jahren

Bei Heinz-Dieter Metzger kamen im Jahr 1977 wieder Erinnerungen auf, als Sepp Herberger anlässlich seines 80. Geburtstages im aktuellen Sportstudio erzählte, dass auf der Heimreise in einem kleinen Dorf kurz nach der Grenze der erste Halt auf deutschem Boden gemacht wurde. Weil Herberger den Namen des Dorfes nicht kannte, schickte ihm Metzger spontan eine Geburtstagskarte. Er legte ein Album mit Zeitungsberichten und einer Originaleintrittskarte vom Finale dazu, die er von seinem Freund Walter Speichinger bekommen hatte.

«Ich war damals lieber auf den Sportplätzen in Jestetten und Lottstetten, wo richtig was los war, wenn die Leute mit den Regenschirmen aufeinander losgingen», erklärt Metzger, warum er nicht mit Speichinger zum Finale nach Bern fuhr. Herberger bedankte sich persönlich bei Metzger und schickte das Album samt persönlichem Eintrag zurück. Es sollte jedoch eines seiner letzten Autogramme werden, denn Herberger starb überraschend vier Wochen nach seinem 80. Geburtstag.

Alte Stars in Spiez getroffen

Anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums organisierte der Sportjournalist Werner Muth im ehemaligen deutschen Mannschaftshotel Belvédère in Spiez ein Treffen der ehemaligen Akteure mit ihren Familienmitgliedern. Mit René Jenny und Heinz-Dieter Metzger waren auch zwei Vertreter der Gemeinde Jestetten mit dabei. Bei dem viertägigen Treffen lernten die beiden auch den deutschen Aussenläufer Horst Eckel und den letzten noch lebenden ungarischen Spieler, Jeno Buzanszky (89), kennen. Nachdem der ungarische Aussenverteidiger ein halbes Jahr später starb, ist der 86- jährige Horst Eckel heute noch der letzte Vertreter vom «Wunder von Bern». Das Erinnerungsheft mit den Zeitungsberichten, der unbenutzten Eintrittskarte und einem der letzten Herberger Autogramme will Heinz-Dieter Metzger dem Deutsche Fussballmuseum in Dortmund stiften.

 

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