Die Bauern stellen ein Ultimatum

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Schaffhauser N…

Die Milchkäufer sollen per Anfang Juli dieses Jahres die Preise erhöhen; das fordern die Schweizer Bauern resolut. Sonst drohten Kampfmassnahmen. Die Industrie hat nur wenig Verständnis für dieses Vorgehen.

Für die Schweizer Bauern ist die Milch kein Geschäft mehr – im April verspritzten sie die Milchbauern aus Protest. Bild: Key

von Maja Birner

Die Bauern in der Schweiz begehren auf. Sie verlangen mehr Geld für ihre Milch. Die Lage auf dem Milchmarkt sei desolat, sagt der Präsident des Schweizerischen Bauernverbands, der St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter. «Noch nie wurde in der Schweiz so viel Geld verdient mit Milch wie heute – und doch können die Bauern ihre Rechnungen nicht bezahlen», kritisiert er.

«Jetzt muss zwingend etwas geschehen», doppelt Hans Frei nach, der die Arbeitsgruppe Milch beim Bauernverband präsidiert. Für die Betriebe werde es langsam unerträglich, sagt Frei. Seit langer Zeit sei keine kostendeckende Milchproduktion mehr möglich. Der Bauernverband und der Verband Schweizer Milchproduzenten (SMP) rufen deshalb die Milchkäufer dazu auf, ab 1. Juli zumindest den festgelegten Richtpreis zu zahlen.

Kommen diese der Forderung nicht nach, drohen die beiden Verbände mit Kampfmassnahmen. Denkbar sind laut Ritter etwa Demonstrationen. Boykottaufrufe, wie sie jüngst gegen die Migros die Runde machten, lehnt er hingegen ab, da sonst Milch übrig bleiben würde. «Milch auszuleeren, kommt nicht infrage», sagt Ritter.

Markt statt Staat

Die Milchpreise sind bereits seit einiger Zeit im Sinkflug. Der SMP wollte deshalb im vergangenen Jahr vom Bund Soforthilfe in Millionenhöhe fordern. Davon war gestern nichts zu hören: Nicht der Staat, sondern der Markt müsse es richten, lautete der Tenor bei der gemeinsamen Medienkonferenz von Bauernverband und SMP. «Wir müssen den Finger dort drauflegen, wo das Problem liegt», sagt Ritter. Und dieses sieht er bei den Preisen, welche die Bauern von den Milchkäufern erhalten. Der Richtpreis für einen Liter Molkereimilch der höchsten Preisstufe beträgt aktuell 65 Rappen. Das ist nach Ansicht der Produzenten bereits wenig. Doch nicht mal dieser Preis werde eingehalten, kritisieren sie: Die effektiv bezahlten Preise liegen laut Ritter rund vier Rappen unter dem Richtpreis.

Ein grosser Teil der gut 23 000 Milchproduzenten beliefert vier Firmen: Emmi, Cremo, Hochdorf und die Migros-Tochter Elsa. Bei ihnen stösst das Vorgehen der Bauern auf wenig Verständnis. Thomas Zwald, Generalsekretär beim Milchverarbeiter Cremo, sagt: «Eine solche ultimative Forderung ist nicht zielführend.» Auch die Verarbeiter seien unter Druck, betont er. Den Vorwurf, die Verarbeiter kassierten zu viel, weist er zurück. «Da muss ich fast schmunzeln», sagt Zwald.

«Nicht die Marktrealität»

Cremo habe im letzten Jahr bei einem Umsatz von 510 Millionen Franken lediglich einen Reingewinn von 330 000 Franken erwirtschaftet. Von einer überhöhten Marge könne daher nicht die Rede sein. Zwald sagt zudem, es sei nicht ungewöhnlich, dass weniger als der Richtpreis ausbezahlt werde: «Dieser ist einzig Grundlage für die Preisverhandlungen zwischen Produzenten und Verarbeitern, er bildet nicht die Marktrealität ab.»

Ähnlich klingt es bei anderen Milchverarbeitern. Hochdorf-Sprecher Christoph Hug versichert: «Wir waren und sind uns der Lage der Milchproduzenten bewusst.» Doch die Hochdorf-Gruppe könne keine vom Markt abgekoppelten Milchpreise bezahlen. «Daran ändert auch ein Ultimatum nichts», stellt er klar. Der Luzerner Milchkonzern Emmi und die Migros versichern beide, sie erfüllten die Forderungen der Bauern bereits: Man halte den Richtpreis ein und mache lediglich «gerechtfertigte Abzüge» geltend. Zu einer Margenverbesserung habe der Schweizer Milchpreis in den letzten Jahren nicht geführt, heisst es bei Emmi.

Wie weiter in der Landwirtschaft?

Dass die Bauern diesmal nicht nach dem Staat rufen werden, dürfte insbesondere jene Politiker freuen, die auf eine weitergehende Marktöffnung drängen. Diese Diskussion dürfte in den nächsten Jahren an Fahrt gewinnen. Der Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller fordert nun vom Bundesrat einen Bericht, wie die Landwirtschaft fit für die Zukunft gemacht werden kann.

Müller will noch diese Session einen Vorstoss einreichen. Der Bericht solle Szenarien aufzeigen, wie sich die Landwirtschaft an den Strukturwandel, die Digitalisierung und die langfristig zu erwartende Marktliberalisierung im internationalen Wettbewerb anpassen könne, fordert Müller. «Die Landwirtschaft kann sich nicht von heute auf morgen ändern», sagt er. «Längerfristig müssen wir aber klären, wie die Landwirtschaft aufgestellt sein soll.» Ob dabei auch der Grenzschutz abgebaut werden soll, ist eine offene Frage.

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