Ein Tag im Tross der Tour de Suisse

Publiziert am
Autor
Dario Muffler

Fahrzeuge zum Abwinken. Wenn sich der Tross der Tour de Suisse in Bewegung setzt, kann es schon einmal zum Verkehrskollaps kommen.

Auf einmal muss es schnell gehen. «Wenn du noch ins Ziel fahren willst, musst du jetzt Gas geben», sagt ein belgischer Radiomann. Ein Blick auf die Uhr: Es ist genau Mittag. In 16 Minuten starten die Fahrer also zu ihrer siebten Etappe der Tour de Suisse. In Zernez stehen bereits alle Autos der sportlichen Leiter aufgereiht. Diese sind einfach zu erkennen: Wer sonst fährt mit knapp zehn Fahrrädern auf dem Dach durch die Landschaft? Sich an diesen Autos vorbeischieben, das ist also Herausforderung Nummer eins des Tages. Weitere werden folgen.

Schweizer Organisationstalent

Der Polizist macht den Weg frei von Zuschauern, die bereits in einer Kurve stehen. Er winkt freundlich zum Abschied. Puh, gerade noch vor den Fahrern auf die Strecke geschafft. Zernez ist dann schnell verlassen. Die Weite des Engadins lädt zum Träumen ein, wenn man in die vorbeiziehende Landschaft blickt. Als ich nur wenig vor mir ein Polizeiauto entdecke, frage ich mich: Darf ich überhaupt hier fahren? Vor mir fahren noch VIP-Fahrzeuge und solche, die zur Rennleitung gehören. Etwas anderes als weiterzufahren, bleibt mir sowieso nicht übrig: Die Fahrer sind ja auch schon auf derselben Strecke unterwegs.

Mit Polizeieskorte kommt man ziemlich gut vorwärts. Für einmal ist die Behauptung «mit 125 km/h innerorts» nicht nur der Werbespruch des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV). Es geht ziemlich rassig an den Leuten vorbei, die bereits am Rand der abgesperrten Strassen stehen und mit ihren Fahnen schwenken – vor allem in Scoul scheint man radbegeistert zu sein. Abzweigungen nach links und rechts werden von Militärangehörigen oder von Feuerwehrmännern geschlossen gehalten. Alles paletti!

Wohl doch nicht. Auf einmal kommt ein Motorrad vorbeigeschossen. Der Fahrer, ein Security-Mensch, winkt wie wild. Seine Handzeichen sind so zu interpretieren, dass wir schleunigst Gas geben und uns vor die «Red Flag», das erste offizielle Fahrzeug des Renngeschehens, bewegen sollen. Fast halsbrecherisch starten die Fahrzeuge der Kolonne ihre Überholmanöver. Wann sonst getraut man sich, ein Polizeiauto mit übertretener Höchstgeschwindigkeit und bei durchgezogener Sicherheitslinie zu überholen?

Böse Überraschungen

Nach rund 43 Kilometern verlässt die Tour de Suisse Martina und damit Schweizer Boden. Servus Österreich. Doch die Begrüssung hatte sich die Tour wohl etwas anders vorgestellt. Kurz nach dem Grenzübergang: reinstes Chaos. Die Spur, auf die der aus der Schweiz heranbrausende Tross fahren sollte, ist von einer Autokolonne versperrt. Polizisten pfeifen und winken zwar, und irgendwie schlängelt man sich durch, doch koordiniert sieht das nicht aus. «Wenn die das nur im Griff haben, bis das Fahrerfeld kommt», schiesst es mir durch den Kopf.

Derweil rasen die Autos mit gelben, roten, grünen und violetten Heckklebern weiter in Richtung Sölden. Allesamt mit dem Ziel, vor den Fahrern auf dem Gletscher anzukommen. Manchmal hilft dabei ein Warnblinker: anmachen und einmal an einer wartenden Kolonne an einem Lichtsignal vorbei. Mit der Zeit werden es dann aber weniger Fahrzeuge, die zur Tour gehören. Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Als der letzte Vorfahrer, ein Auto des Hauptsponsors, abrupt abdreht, kommen Zweifel auf. Arge Zweifel, denn vielleicht hätte man doch nicht auf das Navigationsgerät verzichten sollen. Rechts ranfahren, und kurz auf der Karte nachschauen: stimmt alles noch. Weiter geht es also.

Kurze Zeit später sieht man ganz eindeutig zur Tour de Suisse gehörende Fahrzeuge: Die Teambusse sind ebenfalls auf dem Weg zum Zielort Sölden. Ein Gefühl der Sicherheit kommt auf. Aber nur kurz. Denn die Fahrzeuge biegen auf die Autobahn ein. Darf ich das? Das kleine Redaktionsfahrzeug braucht noch eine Vignette. Gedacht – gekauft. Jetzt kann also nichts mehr schiefgehen.

Hinter dem Letzten ins Ziel

Denkste! Auf einmal geht nichts mehr. Stau. Wieso, erschliesst sich mir nicht. Ein Unfall? Ferien- oder Feierabendverkehr? Die Zeit scheint nun zu rasen. Und dann zeigt der Blick auf die Marschtabelle: Das Fahrerfeld hat mich überholt. Na ja, so habe ich mir das nicht ganz vorgestellt. Letzte Möglichkeit: erneut den Warnblinker einschalten, und wenn immer es die Sicht zulässt: überholen, überholen, überholen. Das ging so weit gut, bis man den Besenwagen eingeholt hatte. Es war also Tatsache, die Radprofis waren schneller vorangekommen als der Redaktor mit dem Toyota ...

30 Kilometer bis ins Ziel hiess es zu diesem Zeitpunkt. Ein Kreis sollte sich also schliessen: Startete ich mit den ersten Fahrzeugen in Zernez, war ich das letzte, das im Zielbereich ankam. Und auch die Gefühlslage sollte noch einmal dieselbe sein wie zu Beginn: Nervosität und Hektik. Während alle Fahrzeuge der Teams sich aus dem Zielbereich hinaus in auf den Rückweg machten, wollte ein letzter Mohikaner gegen den Strom fahren. Nun ja, Zeit zum Warten hatte ich ja, denn zu sehen gab’s nichts mehr. Der Spuk der Etappe war vorbei.

Kurz und knapp: Das Fazit unseres Redakteurs im Video: 

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