«Wir sind zu oft nur Trainingsweltmeister»

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Schaffhauser N…

Die Situation beim FCS ist prekär. Im SN-Interview spricht Neu-Captain Gianluca Frontino über die Probleme.

Die Enttäuschung steht Gianluca Frontino ins Gesicht geschrieben. Bild Roger Albrecht

Gianluca Frontino, Gratulation zur Ernennung zum Captain. Es kommt nicht oft vor, dass während einer Saison plötzlich gewechselt wird.

Ich war selbst überrascht. Aber André Luis Neitzke wollte das Amt abgeben aufgrund der Sprachbarriere. Der Spielerrat hat dann beschlossen, mich zum Captain zu machen. Ich gehöre zwar dem Gremium an, sie haben das aber ohne mich besprochen.

Was ändert sich jetzt unter dem neuen Captain Frontino?

Ändern wird sich nicht viel, ich habe auch vorher meine Meinung gesagt als Führungsspieler.

Sind Sie überhaupt ein Leader?

Ja, das bin ich.

Ich zitiere aus dem offiziellen FCS-Spielbericht nach dem Xamax-Match und der anschliessenden Diskussionsrunde mit den aufgebrachten Fans: «Dass der Elsässer (Keeper Franck Grasseler, Anm. d. Red.) der einzige Spieler war, der zum Anhang sprach, zeigt auf, dass er der einzige Leader im Team ist. Weder der Captain noch weitere Identifikationsfiguren brachten einen Ton über die Lippen.»

Wenn man die Fakten nicht kennt, sollte man auch nicht darüber schreiben. Mich ärgert es extrem, wenn solche Kritik von der eigenen Medienabteilung gestreut wird. Das ist wohl einmalig im Schweizer Profifussball, dass Spieler und Trainer aus den eigenen Reihen angegriffen werden.

Was sind denn die Fakten?

Bevor wir zu den Fans gingen, sprachen wir ab, dass Franck Grasseler die Kommunikation übernimmt. Er spielte nicht wegen seiner Verletzung und war frischer als jemand, der nach 90 Minuten Fussball noch voller Adrenalin ist. Es kann keine Rede davon sein, dass nur einer den Mund aufmachte und die anderen zu feige waren.

Zerfleischt sich der FCS derzeit selbst?

Vereinsinterner Zusammenhalt sieht jedenfalls anders aus. Und es war nicht das erste Mal, dass Kritik, die man intern besprechen sollte, extern verbreitet wurde. Mehr habe ich dazu eigentlich nicht zu sagen. Denn eigentlich will ich nur über die Mannschaft sprechen. Innerhalb des Teams herrscht nämlich ein gutes Miteinander, die Stimmung ist trotz der Misere positiv.

Das Team-Innenleben ist intakt?

Absolut. Inzwischen hat auch jeder Spieler begriffen, wie kritisch die Situation ist. Ein Abstieg wäre für den Club eine Katastrophe.

Sie äusserten bereits nach dem dritten Spiel, der Heimniederlage gegen Le Mont, die Befürchtung, dass nicht jeder voll bei der Sache ist. Wurde das Mahnen nicht ernst genommen?

Wir haben uns von ein paar Erfolgen blenden lassen. Die Tabelle lügt nicht, wir stehen jetzt zu Recht auf dem letzten Platz.

Kam die Nati-Pause zu einem günstigen Zeitpunkt? Oder ist es eine Belastung, wenn man über zwei Wochen auf die Tabelle starrt und sich auf dem letzten Platz wiederfindet?

Für mich spielt das keine Rolle. Wir konnten konzentriert trainieren, das ist positiv. Und wer mit dem Tabellendruck nicht umgehen kann, der ist eh fehl am Platz. Wir sind Profis, das müssen wir verarbeiten können.

Wurde nun konzentriert trainiert?

Das kam vielleicht gerade falsch rüber. Wir trainieren schon die ganze Saison über konzentriert und gut. Wir sind leider zu oft nur Trainingsweltmeister und können es im Spiel nicht umsetzen.

Sie gehören zu den wenigen Lichtblicken in dieser Saison, auch wenn manchmal der Eindruck entsteht, Sie wollten zu viel. Hinten, vorne, rechts und links. Fehlt damit manchmal der Fokus auf das Entscheidende?

Ich will einfach überall helfen. Dann kommt es schon mal vor, dass ich auch defensiv die Grätsche auspacken muss, um ein Zeichen zu setzen.

Die Zeichen wurden nicht erkannt.

Es gab eine Phase, da sind nicht alle Spieler an ihre Grenzen gegangen. Das hat mich masslos geärgert und enttäuscht. Wir haben das besprochen und kämpfen nun endlich wieder. Was fehlt, ist das Erfolgserlebnis.

Sie sind auf und neben dem Platz ein Tausendsassa. Jetzt kommt noch das Captain-Amt dazu. Wird das nicht zu viel?

Überhaupt nicht, ich kann mit Druck und Belastungen umgehen. Ich war schon mit 23 Jahren Captain beim FCS, ich bin also kein Frischling.

Neben dem sportlichen Druck wird permanent das neue Stadion aufgeführt. Wird der Lipo-Park zu einem zu schweren Rucksack für die Spieler?

Das wäre doch nur eine weitere Ausrede. Wir diskutieren über falsches Training, über zu wenig Training, über fehlende Leader, über das neue Stadion. Alles nur Alibithemen. Jeder Spieler muss sich auf das Sportliche konzentrieren und sich den Hintern aufreissen für den Erfolg. Wir werden fürs Fussballspielen bezahlt. Für das Drumherum sind andere zuständig.

Wie steht es um die aktuelle Form?

Wir sind bereit.

Klingt nach Plattitüden?

Dem kann ich nicht widersprechen. Wir haben schon öfter gesagt, dass wir bereit sind. Jetzt müssen wir es mal beweisen, das Team steht in der Pflicht.

Daheim ist der FCS aber alles andere als eine Macht.

Früher war unser Stadion eine Festung. Dieser Heimvorteil ist weg. Fragen Sie mich jetzt aber nicht nach dem Warum. Da bin ich überfragt.

Hat die Mannschaft nach dem Fan­aufstand vielleicht Angst vor dem eigenen Publikum?

Mit den Fans gibt es keine Probleme. Wir haben sehr treue Anhänger, die leiden mit, wenn wir verlieren. Ich bin froh, können wir auf solch eine Unterstützung zählen.

Sie sind noch bis zum 30. Juni 2017 vom FC Thun an den FCS ausgeliehen, danach läuft der Kontrakt weiter bei Thun bis 2018. Machen Sie sich schon Gedanken über die Zukunft?

Das ist noch weit weg, meine Konzentration liegt ganz auf der aktuellen Situation.

Als Berufsfussballer muss man aber auch ein wenig planen.

Ich gehe davon aus, über den Sommer hinaus beim FCS zu bleiben.

Das klingt doch sehr konkret …

Der FCS kann eine Klausel ziehen und mich fest verpflichten.

Bis wann muss diese Klausel gezogen werden?

Der FCS kann sich bis Ende Saison damit Zeit lassen. Aber so lange werden wir nicht warten, wir setzen uns in der Winterpause zusammen. Der Verein liegt mir schliesslich am Herzen.

 

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