Jeder will sein Häppchen vom Käsefondue

Publiziert am
Autor
Maria Gerhard

3000 Plätze wurden in der temporären Alphütte auf dem Herrenacker in Schaffhausen bereits reserviert. Die Veranstalter sind zufrieden. Gleichzeitig bangen nun die Wirte in der Altstadt um ihr Weihnachtsgeschäft.

Stein des Anstosses im Chalet-Chic: So sieht wohl die «Bockalp», die im November auf den Herrenacker kommt, im Inneren aus. Reservierungen für 3000 Plätze sind bereits eingegangen. Bild: zvg

Noch steht sie nicht einmal, aber um die «Bockalp», die vom 23. November bis zum 31. Dezember auf dem Herrenacker stehen wird, herrscht jetzt schon Zwist. «Das ist wieder kontraproduktiv für die Gastronomie in der Altstadt», sagt der Präsident von Gastro Schaffhausen, Renato Pedroncelli.

Tatsächlich scheint die «Bockalp», die hundert Plätze fasst, jetzt schon der winterliche Renner in Schaffhausen zu sein: Die Nachfrage ist bereits so hoch, dass die Flow Productions AG, die Veranstalter, die auch «Stars in Town» ausrichten, die Hütte über die Weihnachtsfeiertage hinaus noch stehen lassen werden – ursprünglich sollte sie am 23. Dezember schliessen. Aber es sind bereits Reservierungen für rund 3000 Plätze eingegangen, von 35 verfügbaren Abenden sind 22 ausverkauft. Darunter sind auch einige Firmen, die in diesem Jahr in der Hütte, die übrigens nicht dieselbe ist wie auf dem KSS-Gelände im letzten Jahr, ihr Weihnachtsessen veranstalten. Kulinarisch dreht sich viel ums Käsefondue, es gibt aber auch Raclette und Rösti. Betrieben wird die Hütte von lokalen Gastronomen: «Meier’s Pool», «Myrta» und «Tabaco». Hüttenwirt ist Bruno Meier, und für die Bar wird Patrick Gisi zuständig sein.

Der Druck von allen Seiten

Pedroncelli räumt ein, dass immer mehr Weihnachtsfeiern im nahen Ausland ausgerichtet würden, weil es günstiger ist. «Die Gastronomie wird momentan arg gebeutelt», sagt er. Von allen Seiten würde Druck ausgeübt. Und letztlich sei es doch die öffentliche Hand, also die Stadt Schaffhausen, die solche Aktionen wie auf dem Herrenacker genehmigen würde. «Dabei sollten doch die Betriebe unterstützt werden, die das ganze Jahr über in Schaffhausen angesiedelt sind und über die Runden kommen müssen», sagt er.

«Aber dass auf dem Herrenacker eine Belebung stattfindet, ist ganz im Sinne des Stadtrates.»

Simon Stocker, Stadtrat (AL)

Sein Vorgänger im Amt, der Geschäftsführer vom Restaurant Falken, Tomislav Babic, ist ähnlicher Meinung: Generell fände er es zwar schön, dass der Herrenacker belebt würde. Für die Betriebe in der Stadt werde es aber zum Problem. «Das hat man schon im letzten Jahr gemerkt, mit ‹Eis im Park› und der Alphütte auf dem KSS-Gelände», sagt er. Das habe bei Kollegen in der Gastronomie teilweise zu massiven Ausfällen geführt. Manche hätten beim Weihnachtsgeschäft ein Drittel weniger Umsatz gemacht. «Das Geld fehlt ihnen natürlich dann auch im folgenden Jahr», sagt Babic. Er fasst die Situation so zusammen: «Das Weihnachtsgeschäft wird zur Kampfzone.» Wer in der Branche derzeit nicht kreativ werde und besondere Aktionen ausrichte, habe verloren. Das Restaurant Falken indes setze seit vielen Jahren schon auf das ganzjährige Geschäft mit Reisegruppen. Mit den Reiseunternehmen gibt es Verträge, die Einnahmen sind so kalkulierbar.

Die Wirte auf dem Herrenacker sind indes geteilter Meinung, was die «Bockalp» angeht. «Der Kuchen wird nicht grösser», sagt Daniel Ciapponi vom Theaterrestaurant. Für die Gäste der «Bockalp» sei es eine schöne Sache, für die Gastronomie sei es aber sehr schwierig. Jedem, der Weih-nachts­essen anbiete, würden Einnahmen wegbrechen. Und es sei natürlich viel einfacher, etwas für kurze Zeit zu eröffnen, Gewinn einzustreichen und wieder zu schliessen. «Die ganze tote Zeit, den Oktober und November, haben die natürlich nicht», sagt er. Das sei schon eine gewisse Wettbewerbsverzerrung.

Heidi Bischoff von der «Wirtschaft zum Frieden» hat eine etwas andere Meinung. Sie geht zwar auch davon aus, dass die «Bockalp» ihr Weihnachtsgeschäft beeinträchtigen wird, aber gleichzeitig sieht sie auch eine Chance darin. «Der Herrenacker ist im Winter recht verwaist, auch weil es dort keine Läden gibt», sagt sie. Über die «Bockalp» würde vielleicht der ein oder andere Gast auch ihr Restaurant entdecken.

«Und letztlich muss jeder selbst sehen, dass er ein attraktives Programm schafft.»

Ernst Gründler, Präsident von Pro City

Zuständig für den öffentlichen Raum in der Stadt Schaffhausen ist Stadtrat Simon Stocker (AL). Auf die Bedenken der Restaurantbesitzer angesprochen, sagt er: «Ich kann ihre Sorgen durchaus nachvollziehen, aber dass auf dem Herrenacker eine Belebung stattfindet, ist ganz im Sinne des Stadtrats.» So gesehen passe die «Bock­alp» gut ins Konzept.

Flow Production sei auf die Stadt zugekommen und habe ihr Vorhaben vorgestellt. Es habe keinen Grund gegeben, das Gesuch abzulehnen. «Es ist schön zu sehen, dass es so innovative Leute gibt», sagt Stocker. Natürlich sei im ersten Moment ein Konkurrenzdenken da, aber die «Bockalp» würde zur allgemeinen Belebung der Stadt beitragen, und auch andere Restaurantbesitzer würden davon profitieren. Man müsse es von der positiven Seite betrachten und nicht nur Angst haben vor der Konkurrenz. «Manchmal belebt gerade die ja auch das Geschäft und fördert eigene innovative Ideen», sagt Stocker.

Dieser Meinung ist auch der Pro-­City-Präsident Ernst Gründler. Was die «Bockalp» angeht, arbeitet die Vereinigung mit den Veranstaltern Hand in Hand. «Von so einer Attraktivierung profitieren alle im gleichen Masse», ist sich Gründler sicher. Man müsse das aus dem richtigen Blickwinkel sehen: Schliesslich würde etwas geboten in der Stadt. «Und letztlich muss auch jeder selbst sehen, dass er ein attraktives Programm schafft», sagt er.

Es gibt Pläne fürs nächste Jahr

Adrian Brugger von Flow Produc­tions pflichtet ihm bei: «Das ist der Markt, es ist jedem freigestellt, so etwas zu machen.» Er habe schon erwartet, dass es in Schaffhausen etwas Unruhe geben würde. Allen könne man es nicht recht machen. Grundsätzlich würden sie sich immer lokale Partnerschaften suchen, wie eben diesmal mit «Meier’s Pool», «Myrta» und «Tabaco».

Die «Bockalp» sei ja auch keine spektakuläre, neue Idee. Das Konzept habe er schon seit fünf Jahren in der Schublade. Pro City habe schliesslich etwas gesucht, um die Stadt gerade in der Vorweihnachtszeit zu beleben und so die Ladenbesitzer zu unterstützen. Aus dieser Idee wird nun Realität.

Und es gibt auch schon Pläne fürs nächste Jahr: Da könnte Brugger sich zum Beispiel vorstellen, auf dem Herrenacker eine Art «Winterzaubergeschichte» zu veranstalten. Dabei denkt er mitunter an das «Weihnachtsdorf» am Bellevue in Zürich. Seine Erfahrung sagt: «Die Leute sind dankbar, wenn etwas los ist.» Und auch ein kleines Oktoberfest irgendwann schliesst er nicht aus. «Generell sehe ich für Volkskultur auch bei uns einen grossen Markt.» Aber alles brauche sein Zeit und die nötige Sensibilität. «Schritt für Schritt» sei seine Devise. Und vielleicht würden solche Innovationen auch den ein oder anderen hiesigen Gastwirt anregen, kreativ zu werden.

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