Der neue Herr über den Traubensaft

Autor
Sidonia Küpfer

Jahrzehntelang bedeutete ­Rimuss auch Familie Rahm. Nun gehört die Weinkellerei dem Bündner Andrea Davaz. Er will das Unternehmen ­wieder erfolgreich machen.

Andrea Davaz im Garten seines Hauses, von wo man nicht nur die hauseigenen Reben, sondern auch den Hausberg Falknis sieht. Bild: sk

Mit dem Elektroauto holt Andrea Davaz seine Besucher am Bahnhof Sargans ab. «Es ist praktisch und kostet fast nichts. Keine Steuern, und der Service ist auch fast gratis, denn es gibt ja kaum etwas zu tun», schwärmt er und steuert bei prächtigem Spätherbstwetter durch die Weinberge auf sein Weingut etwas ausserhalb von Fläsch in der Bündner Herrschaft. Für die kurzen Wege ist der Kleinwagen erste Wahl, aber wenn er längere Strecken fährt, kommt ein konventionelles Auto zum Zuge. Und längere Strecken kündigen sich in den kommenden Monaten viele an: Denn Davaz ist nun offiziell Besitzer der ­Rimuss- und Weinkellerei Rahm in Hallau. Gestern teilte die Davaz Holding mit, der Verkauf sei abgeschlossen. Davaz ist neu Verwaltungsratspräsident, sein Sohn Micha ist Mitglied des VR. Der neue Eigentümer sprach von einer Art «Weihnachtsgeschenk an die Mitarbeiter»: Alle 45 werden übernommen. «Ich werde vor allem zu Beginn viel selbst vor Ort sein», sagt er.

Genau genommen ist der 53-jährige Bündner nun Besitzer der Produktionsanlagen und der Rebberge. Gerade wegen des im Frühling aufgeflogenen Betrugs, bei dem der Finanzchef eine hohe Geldsumme abgezweigt hatte, war eine vorsichtige rechtliche Strukturierung der Übernahme zwingend, damit der neue Besitzer keine Altlasten übernehmen muss. Der fehlbare Kadermitarbeiter hatte sich im Frühling selbst angezeigt. Die Vermutung steht im Raum, dass er das Geld ins Frauenteam des FC Neunkirch gesteckt hat, wo er Sportchef war. Die strafrechtlichen Untersuchungen sind zwar schon weit fortgeschritten, können aber laut Staatsanwaltschaft erst im neuen Jahr abgeschlossen werden.

Von der Apotheke aufs Weingut

Zurück nach Fläsch: Der Verkaufsraum des Weinguts ist modern. Anthrazitfarbener Boden, anthrazitfarbene Wände, rote Hängeleuchten, hellbraune Ledersessel und weisse Tische – zwischen 2012 und 2015 hätten sie in die Räumlichkeiten investiert, erklärt Davaz. Damals zeichnete sich ab, dass das Geschäft von der nächsten Generation übernommen wird. Ehefrau Marianne schaut kurz herein und hilft mit dem Kaffee. Sechs Kinder hat das Paar, das seit 28 Jahren verheiratet ist. Die älteste Tochter ist 27 und Apothekerin. Zum Jahreswechsel wird sie ihr Pensum reduzieren und zu 60 Prozent auf dem Weingut arbeiten. Vier der sechs Kinder haben bereits etwas mit Wein am Hut: Der älteste Sohn stieg nach seinem HSG-Studium bei der Weinhandlung von Salis ein, die ebenfalls in Familienbesitz ist (vgl. Kasten). Der zweitälteste Sohn hat wie der Vater bei Rimuss in Hallau die Lehre absolviert und arbeitet sowohl in der Weinhandlung als auch auf dem Weingut. Und auch die zweitjüngste Tochter ist Winzerin.

«Kein schönerer Job als Weinbauer»

Vier Kinder, die sich für das Geschäft der Eltern interessieren, davon könnte manch anderer KMU-Vertreter nur träumen. «Es gibt halt auch keinen schöneren Job als Weinbauer», sagt Davaz. «Natürlich haben auch wir intensive Phasen. Aber bei anderen Stellen muss man strenger arbeiten als bei uns.» Eine innerfamiliäre Nachfolge hat für Davaz aber auch viel mit der Stimmung am ­Küchentisch zu tun: «Wenn man am Abend schlecht über seinen Beruf redet und sich dauernd beklagt, darf man sich nicht wundern, wenn die Jungen einen anderen Weg einschlagen.» In seinem Fall war diese Ausgangslage mit mehreren Kindern, die das Geschäft übernehmen wollen, zentral für seinen Entscheid, Rimuss zu kaufen. «Ich werde am Anfang wohl fünf später vielleicht noch zwei Tage pro Woche in Hallau sein.»

«Wenn der Wein gut ist, dann bezahlen die Kunden auch 30 Franken pro Flasche.»

Andrea Davaz, Weinbauer und neuer Rimuss-Besitzer

Noch will der neue Besitzer seine Pläne für Rimuss nicht zu detailliert ­offenlegen. Doch für ihn ist klar: «Wir müssen einiges ändern.» Die Weinkellerei ist der zweitgrösste Abnehmer in der Region für die Weinbauern. Künftig sähe Davaz gerne eine stärkere Fokussierung der Produktion. Zumindest ein Teil der Weinbauern soll weniger, dafür qualitativ hochstehendere Trauben anbieten. «Ich kann mir vorstellen, dass ein Weinbauer künftig nicht mehr 1 Kilogramm Trauben abliefert, sondern nur noch 600 Gramm», sagt er. So sollen dichtere Weine bei kleineren Volumina entstehen, auch der einzelne Stock soll weniger Trauben tragen. Dazu aber müssten die Reben intensiver bewirtschaftet werden. Im Gegenzug könne man dann höhere Preise verlangen: «Wenn der Wein gut ist, dann bezahlen die Kunden auch 30 Franken pro Flasche», ist Davaz überzeugt.

Im neuen Jahr will er das Gespräch mit Winzern suchen, die für eine solche Neuausrichtung offen sind. «Es soll natürlich nicht so rüberkommen, dass da der Bündner kommt und alles besser weiss.» Dass er da und dort Überzeugungsarbeit leisten muss, ist ihm bewusst. Denn im Weinbau mit seiner langen Vorlaufzeit wollen Änderungen gut überlegt sein: «Ein Winzer hat in seinem Leben vielleicht 40 Chancen, ein gutes Produkt zu machen. Da sind andere Branchen viel kurzfristiger und bieten viel mehr Gelegenheiten, etwas auszuprobieren.»

Mehr Weisswein produzieren

Die Neupositionierung des Wein­geschäfts werde wohl die schwierigste Aufgabe sein. Nebst einer Konzentration würde Davaz auch den Anteil an Weisswein gerne erhöhen. «Schaffhausen hat zum Beispiel hervorragenden ­Chardonnay, Sauvignon blanc und Riesling-Silvaner. Diese kommen auch bei den Jungen an. Der Blauburgunder hingegen ist kein Einstiegswein. Er ist für erfahrene Geniesser. Aber das Mindeste ist, dass wir ihn wenigstens Pinot noir nennen. Das kommt besser an.» Auf wie viel Gegenliebe Davaz da im Blauburgunderland stösst, ist allerdings offen.

Mit Rimuss betritt Davaz ein völlig neues Feld: die Zusammenarbeit mit dem Detailhandel. Er selbst verkauft seine Weine bislang nicht bei den grossen Detailhändlern. «Wir beliefern fast alle Fünfsternehotels im Bündnerland, da kann man dieselbe Flasche nicht gut in den ­Regalen der Grossverteiler stehen haben.» Vor dieser neuen Aufgabe hat er Respekt. Aber er sagt auch: «Ohne Rimuss hätte ich die Weinkellerei Rahm nicht übernommen. Diese ­Heraus- ­forderung, die Marke zu erneuern, reizt mich.» ­Inzwischen würden ihn fast täglich Werbeberater anrufen, die ihm ihre Dienste verkaufen wollten.

Feiern wie Keith ­Richards

Freude hat er an der neuen Werbung für ­Rimuss Secco, den weniger süssen Bruder des klassischen Rimuss, der stärker auf Erwachsene ausgerichtet ist. Er selbst hatte mit dem Spot noch nichts zu tun. Im Werbefilm betritt eine aus­gelassene Gruppe Feiernder ein Hotelzimmer. Eine Frau mit kurzem Rock und Netzstrümpfen und auch ein lang­haariger Mann mit Lederweste auf offener Brust, der an den Rolling-­Stones-Gitarristen Keith Richards erinnert, sind mit von der Partie, ebenso wie ein Typ, der aussieht wie Boy George. Die Truppe macht es sich kreuz und quer auf dem Sofa gemütlich, eine Stimme aus dem Off sagt: «Normalerweise verwüsten sie jetzt das Hotelzimmer.» Stattdessen füllen sich die Gläser, und die bunte Gruppe fängt an, Pantomime im Stile von «Was bin ich» zu spielen. In den Gläsern haben sie Rimuss Secco – weil man auch ohne Alkohol Spass haben könne. Für Davaz ist wichtig, dass die Marke ­Rimuss entstaubt wird. Zum Beispiel mit solchen Werbespots.

Derzeit sitzt Davaz noch für die SVP im Grossen Rat. Für die SVP, nicht etwa für die Bündner BDP, die nach der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat anstelle von Christoph Blocher gegründet worden war. Dann fand er also die Annahme der Wahl von Widmer-Schlumpf falsch? «Es war beides falsch. Eveline hätte nicht Hand bieten sollen zu diesem Spiel, und die SVP Graubünden hätte nicht ausgeschlossen werden dürfen», sagt Davaz. Die Bündner SVP wurde im Juni 2008 zur BDP, drei Tage später gründete eine kleine Gruppe, die mit der nationalen Partei übereinstimmte, eine neue SVP Graubünden. Derzeit stellt die Partei zwei Nationalräte: Heinz Brand und Magdalena Martullo-Blocher. Beide lancierten ihre Kandidaturen auf dem Weingut von Andrea Davaz. Er sieht sich als pragmatischen Vertreter: «Mit Ideologen kann ich wenig anfangen», sagt er. Als positives Beispiel nennt er den ehemaligen Thurgauer Nationalrat und Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler. 2018 stehen im Grossen Rat Erneuerungswahlen an, ob Davaz für die Politik noch Zeit findet, ist unklar.

Christliche Weltanschauung

Schon bei der Presseinformation im Oktober in Hallau hatte Esther Salathé-Rahm angetönt, die Familie sei froh, mit Andrea Davaz einen Käufer gefunden zu haben, der dieselbe Weltanschauung teile. Der christliche Glauben war und ist für die Familie Rahm wichtig. Vater Robert Rahm ist der Chrischona-Gemeinde eng verbunden. Auch Davaz ging schon in die Hallauer Chrischona: «Als Fünfzehneinhalbjähriger hatte ich bei meinen Eltern durchgesetzt, dass ich eine kleine Einzimmerwohnung beziehen durfte. In den ersten Wochen hatte ich unglaubliches Heimweh. Das hat Robert Rahm gemerkt und hat sich fortan ein wenig um mich gekümmert. Ich hatte sozusagen Familienanschluss.» Und auch bei der Chrischona-Gemeinde fühlte er sich in dieser Zeit aufgehoben.

Auch heute ist Davaz in einer Freikirche, in der Freien Evangelischen Gemeinde. «Ich schätze diese Stabilität. Das gibt auch den Kindern einen Boden», sagt der Önologe dazu. Denn man solle nicht denken, dass es seiner Familie immer nur gut gelaufen sei. Heute hat das Ehepaar Davaz sechs Kinder. ­Eines aber verloren sie wegen plötz­lichen Kindstodes. «Da weiss man auf einmal nicht mehr, ob man verrückt werden oder weitermachen soll», sagt er im Rückblick. Solche Schicksalsschläge würden vieles relativieren: «Da wird auf einmal alles andere äusserst unbe­deutend.» Andererseits stärkten solche ­Erfahrungen das Empfinden: «Man kann sich besser in ­andere Menschen, die es schwierig ­haben, hineindenken», sagt Davaz.

Der Patron spricht auch schon einmal einen Mitarbeiter an, wenn es in dessen Ehe kriselt. Dann rät er zum Beispiel zu einer Eheberatung. Generell laufe man heute zu rasch davon, ist er überzeugt. Wenn er sich anschaue, wie es geschiedenen Paaren ein oder zwei Jahre nach der Trennung gehe, habe er den Eindruck, es sei oft keine Veränderung zum Guten. Und dennoch räumt auch er ein: «In manchen Fällen ist es aber die einzige Lösung.» Pra­gmatisch eben.

Manch einem lieh Davaz auch schon Geld, wenn’s nötig war. Nicht immer ­bekam er es wieder zurück. Aber da­rüber mag er nicht gross nachdenken. Ein Zeichen christlicher Nächstenliebe? «Eigentlich nicht», meint Davaz. Es gehe eher um Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber.

«Ich muss zur Seite stehen»

Davaz selbst ist seit 28 Jahren verheiratet. Was er denn für ein Ehemann sei? «Ein anstrengender, sagt man mir.» Ehefrau Marianne sei in der Familie der ruhende Pol, er der Getriebene, der Unternehmer, der immer noch Potenzial zur Verbesserung sehe. Sie organisiert das Büro des Geschäfts und wird auch dem Nachwuchs zur Seite stehen, wenn dieser nun mehr Verantwortung übernimmt: «Sie hat endlos Geduld», sagt ­Davaz nicht ohne Bewunderung. Er stellt sich vor, dass er mit seinen Kindern künftig die aktuelle Woche und ihre Herausforderungen besprechen wird. Dann gehe es aber für ihn auch darum, Platz zu machen für die Jungen. «Meinem Vater ist das damals gut gelungen, als mein Bruder und ich einstiegen. Natürlich: Wir haben auch Fehler gemacht und sind auch einmal beschissen worden, aber das gehört dazu», sagt er im Rückblick. «Ich muss nur auf die Seite stehen, dann kommt das gut.»

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