«Gebrochenes Weiss ist ein rotes Tuch für mich»

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Autor
Jeannette Vogel

Vier Jahrzehnte beim gleichen Arbeitgeber (II) Firmen-Urgesteine sind heutzutage eine eher rare Spezies.

Seit 42 Jahren sind Farben die Leidenschaft von Rolf Stocker. Bild: Jeannette Vogel

Rolf Stocker ist Maler von ­Beruf und wollte nie etwas anderes sein. Ihm hat schon eine tote Katze zu einem ­Auftrag verholfen, und er ­tapeziert mit Freude Wände ­rabenschwarz.

Alte Häuser farblich in den Urzustand zu versetzen, macht den Maler Rolf Stocker glücklich. Seine Augen leuchten, er beschreibt die verschiedenen Blau-, Grün-, Grau- und Beigetöne des Hauses auf dem Emmersberg intensiv. Sie kamen zum Vorschein, nachdem er vier oder fünf alte Schichten mit einem Skalpell abgekratzt hatte.

Seit Herbst arbeitet er in dem rund hundertjährigen Dreifamilienhaus; jetzt stimmen die Farben wieder, jedes Zimmer hat eine andere, und jedes Zimmer ist wunderschön geworden, so Stocker. «Es ist fast wie ein drittes Kind», sagt der Vater einer Tochter und eines Sohnes, der inzwischen auch dreifacher Grossvater ist. Er dokumentiert die Räume und alle Arbeitsfortschritte mit seinem Smartphone – aber auch ohne die Fotos zu sehen, werden die einzelnen Farben der halbhohen Holztäfer, der Friese und der Zierstäbe unter der Decke allein durch seine detaillierte Beschreibung vor dem inneren Auge des Betrachters sichtbar. Es ist sein Glück, dass die Bauherrschaft die Zurückversetzung in den Originalzustand wünscht – auch Tapeten müssen nach alter Manier wieder an die Wände, nämlich um einen Zentimeter überlappend: «Das wird schon lange nicht mehr so gehandhabt, diese Technik beherrschen nur noch wenige», sagt Stocker. «Heutzutage wird stossend tapeziert, das heisst, die Lagen stossen aneinander und überlappen nicht. Das geht einfacher und schneller.» Dazu braucht es eine Rolle, während in früheren Zeiten mit Bürste und Pinsel hantiert wurde; Stocker beherrscht beides. «Leider sind solche anspruchsvollen Objekte sehr selten», sagt der Maler. Erst zweimal in 42 Jahren hatte er solche Liebhaberobjekte, bei denen ihm das Herz so richtig weit aufging. Auch an das erste erinnert er sich genau, obwohl es schon zwölf Jahre her ist. Eine tote Katze verhalf ihm, und damit seinem Arbeitgeber, der Schaffhauser Firma Sauter Malermeister GmbH, damals zum begehrten Auftrag. Im Garten des alten Hauses, das renoviert werden sollte, fand Stocker eine leblose Katze und suchte ihren Besitzer. Er fand ihn in Gestalt des Wohnungsmieters; dieser hatte bereits ­tagelang nach dem geliebten Tier gesucht und war froh, zumindest Gewissheit über seinen Verbleib zu haben. Der Mieter erzählte dem Bauherrn vom «guten Menschen Stocker», so bekam der Malerbetrieb den Zuschlag, und Stocker konnte wie in ­alten Zeiten mit Öl- und Mineralfarbe arbeiten anstelle von Dispersion und Kunstharz wie heute üblich. «Die zwei Objekte sind mir wirklich sehr ans Herz gewachsen», betont Rolf Stocker erneut.

Ein rotes Tuch

Stocker, der während seiner Arbeit Weiss trägt, mag Farben, besonders Erdfarben, aber eigentlich alles ausser gebrochenes Weiss, die Standardfarbe der Maler. Um das reine Weiss mit ein paar Tropfen Farbe darin kommt er nicht herum, es wird in 90 bis 95 Prozent aller Häuser und Mietwohnungen verwendet. Dafür ändert sich sein Arbeitsort ständig, diese Abwechslung schätzt er sehr. Wenn auch Weiss gebrochen im Laufe der Jahrzehnten zu einem roten Tuch für Stocker geworden ist: «Mir gefällt es bis heute, Maler zu sein, ich würde den gleichen Beruf wieder wählen.» Seinen Arbeitgeber wollte er nie wechseln: «Ich hatte nie einen Grund, mir gefällt das Arbeitsklima», sagt er und fügt hinzu: «Man hat allerdings schon ein paar Mal versucht, mich abzuwerben.»

Farbliche Abwechslung bekommt Stocker am ehesten im Bereich der Pastelltöne. Lebhaft erinnert er sich jedoch an einen Auftrag in der Park Villa, der auch schon 20, wenn nicht sogar 25 Jahre her ist: Da konnte er Räume rabenschwarz malen und sogar schwarz tapezieren. «Ich bin das Aushängeschild der Firma, die Kunden warten, bis ich Zeit für sie habe», sagt der selbstbewusste Stocker, der nun seit 42 Jahren bei Sauter, früher Künster, arbeitet. Helmut Sauter, der Vater des jetzigen Besitzers, war Geschäfts­führer des Malerbetriebes Künster und übernahm das Geschäft 1983.

Seiner Pensionierung sieht Stocker gelassen entgegen: «In fünfeinhalb Jahren ist Schluss», sagt Stocker, davon gehe er zumindest aus. Hobbys hat er genug, vom Velofahren über das Bauen von Kletterstegen bis hin zu den drei Enkelkindern, und da ist seit dem vergangenen Jahr auch noch der Campingwagen in Steckborn. Er soll der Erholung dienen, doch der Wagen generiert auch Aufträge, es hat sich auf dem Platz inzwischen herumgesprochen: Rolf Stocker ist Maler aus Leidenschaft.

Zur Person: Rolf Stocker

Eintritt: 1975

Ausbildung: Maler und Tapezierer

Angefangen als: Lehrling

Heute tätig als: Maler und Tapezierer

Arbeitgeber: Sauter Malermeister GmbH

Arbeitsort: Schaffhausen und Umgebung

Jahre bis zur Pensionierung: 5

Wohnort: Schaffhausen


Serie: Treue Mitarbeiter in Schaffhauser Firmen

Mehrmals in seiner Laufbahn die Stelle zu wechseln, ist heutzutage normal. Im Gegensatz dazu stellen wir in unserer monatlichen Serie Menschen vor, die seit Jahrzehnten im gleichen Betrieb arbeiten. Der erste Beitrag führte nach ­Beringen zu Willi Gysel von der Firma Bosch.

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