«Die Sicherheitsgurte sind in Europa noch unbekannt»

Publiziert am
Autor
Manuel von Burg

Gasturbinen als Antriebe und keine Sicherheitsgurte: Ein Blick in das Archiv der Schaffhauser Nachrichten zeigt, wie sich die Automobilhersteller 1957 die Zukunft des Autos vorstellten.

Der Vorgänger des Fiat 600. der am Autosalon im Genf 1957 ausgestellt war: Der Fiat 500, Jahrgang 1955. Bild: flickr
In unserer Serie «Reise in die Vergangenheit» fassen wir Ihnen eine Auswahl der interessantesten, amüsantesten oder auch kontroversesten Meldungen aus dem Archiv der Schaffhauser Nachrichten nochmals zusammen. Die Artikel sind für Abonnenten kostenlos verfügbar.  

 

Bis Morgen ist der internationale Autosalon in Genf noch geöffnet. Die Hersteller überraschten Autoliebhaber aus aller Welt auch dieses Jahr mit einzigartigen Neumodellen: Vor PS-strotzende Rennboliden wie der Ferrari 812 Superfast oder der neue Pagani Huarya Roadster sorgten für grosse Aufmerksamkeit. Dabei geht es den Herstellern jedes Jahr nicht nur um die Präsentation der neusten Modelle. Oft wird am Autosalon, der im internationalen Vergleich eine der wichtigsten Autoaustellungen und somit auch ein Massstab für die Zukunft ist, nicht nur auf die Gegenwart fokussiert, sondern auch ein Blick in die Zukunft des Automobils geworfen. Futuristisch anmutende Fahrzeuge wie der Pininfarina Quattroruote, ein elektrisch betriebenes, halbautonomes Auto oder der Catecar Dragonfly, der mittels thermischer und Solarenergie betrieben wird, zeigen schon jetzt auf, wohin die Reise des Automobils vielleicht in Zukunft gehen wird. Und was schon heute möglich ist. 

Fährt halbautonom: Der Pininfarina Quattroruote. Bild: zvg

Mit Gasturbinen - aber ohne Sicherheitsgurte

Man stelle sich vor, was wohl die Automobilhersteller früherer Zeiten gesagt hätten, wenn sie dieses Auto heute bestaunen könnten. Wir haben eine Reise in die Vergangenheit unternommen und uns einen Artikel der Schaffhauser Nachrichten vom 14. März 1957 angeschaut. Er zeigt exemplarisch, was für Fortschritte in der Branche bis heute erzielt wurden - und welche futiristischen Ideen die Autohersteller schon damals hatten. 

Der Artikel setzt sich zu Beginn intensiv mit dem Vergleich amerikanischer und deutscher Automobilhersteller auseinander:


«Noch kaum jemals ist uns die Differenz zwischen der amerikanischen und der europäischen Auffassung über das Auto so aufgefallen wie beim Durcharbeiten der Ausstellungstypen für den diesjährigen Genfer Salon. Ein willkürlich herausgegriffener Vergleich mag das illustrieren: Da steht ein «Fiat 600» in der Abarth-Version, der mit seinem 750ccm-Motörchen 47 PS leistet und eine Spitzengeschwindigkeit des Wagens von annähernd 160 Stundenkilometern bewirkt. Nicht weit davon ein Amerikaner, dessen 4,1-Liter-Motor zwar 147 PS herausbringt, dessen Spitzengeschwindigkeit aber auch nur 155 Stundenkilometer beträgt.»  

Mehr PS anstatt höhere Endgeschwindigkeit sei das Credo der Amerikaner: «Offiziell ist zwar das berüchtigte PS-Rennen, wie es in Amerika genannt wird, längst abgeblasen, inoffiziell geht es unter dem Motto: Nicht höhere Spitzengeschwindigkeiten, sondern besseres Anzugsvermögen — Mercury «Turnpike Cruiser» von 0 auf 97 Stundenkilometer in 10,5 Sekunden — frischfröhlich weiter.» 

Ob dieser Daten können wir heute nur ein müdes Lächeln aufbringen. 1957 waren die Modelle aber im Automobilsalon ausgestellt und somit auch ein Abbild der modernen Technik. Noch interessanter wird es, als der Autor sich dem Innenleben eines Autos widmet. «Fieberhaft wird in Amerika an der Gasturbine gearbeitet und doch hat England im Rover-Versuchswagen das erste Personenfahrzeug mit Gasturbinenantrieb herausgebracht, das mit einem Verbrauch von nur 20 Liter Treibstoff auf 100 Kilometer auskommt. Der nächste Prototyp soll sich bereits mit 16 Litern auf dieser Strecke begnügen Zum Vergleich: Heute ist der Durschnittsverbrauch eines Autos bei vier bis sechs Litern auf 100 Kilometer. 

Der Chrysler Turbine Car, welcher mit einer Gasturbine betrieben wurde. Bild: wikimedia

Der deutlichste Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Autos zeigt sich laut dem Autor aber bei der Karosserie. Dabei ist man in Europa auch langsam auf dem neuesten Stand der Technik: «Nicht nur die Heizung, sondern die Klimaanlage, d. h. eine Luftumwälzungsalage für Sommer und Winter, gehört nun auch in Europa bald zur Selbstverständlichkeit und sollte eigentlich nicht mehr als Zusatzaggregat, sondern als Bestandteil eingebaut werden.» In Sachen Sicherheit hinkt man in Europa aber weit hinterher: «Die Sicherheitsgurte, denen wir auch in Amerika kein langes Leben prophezeien, sind in Europa sozusagen noch unbekannt.» 

 

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