Der unterirdische «Schutzturm»

Publiziert am
Autor
Saskia Baumgartner

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, im April 1939, wurde auf dem Neuhauser SIG-Areal ein unterirdischer Luftschutzbunker gebaut. Selbst vielen früheren SIG-Mitarbeitern ist dieser unbekannt.

Beim Herabsteigen der rund zwei Dutzend Treppenstufen wird es immer dunkler. Dann ist die ­dicke, gelbliche Eingangstür aus Stahlbeton erkennbar. Vier Meter unter der Erde verbirgt sich hier das oberste von fünf Stockwerken eines bald 80-jährigen Luftschutzbunkers auf respektive unterhalb des SIG-Areals.

Thomas Burkhardt, Geschäftsführer der Areal-Bewirtschafterin Reasco AG, dreht am schwarzen Lichtschalter. «Das ist immer noch die original Elektrifizierung», sagt er. Auf der linken Seite des Stockwerks wird nun ein Duschraum sichtbar. Rechts ist die Kommandozentrale. Auf dem Tisch liegt ein laminierter Bauplan des Bunkers. Diesen zeigte Burkhardt vor fast drei Wochen bei einer öffentlichen Führung anlässlich des «Tages des Denkmals». Eine seltene Gelegenheit, die auch mehrere ehemalige SIG-Mitarbeiter nutzten. Von dem Bunker hatten viele gehört, betreten hatten sie ihn jedoch nie. «Ich bin zwanzig Jahre jeden Tag daran vorbeigegangen», sagte eine Frau etwas ungläubig nach der Führung. Der unscheinbare Zugang hatte auf ihrem Arbeitsweg gelegen.

«Zeugnis der reellen Bedrohung»

Gemäss Bauplan wurde der Bunker für 200 Personen konzipiert. Burkhardt schätzt jedoch, dass diese Zahl zu hoch gegriffen ist. Wahrscheinlich hätten maximal 100 Personen darin Platz gefunden. Baustart war April 1939, also kein halbes Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. «Der Bunker ist ein eindrückliches und im Kanton einzigartiges Zeugnis der reellen Bedrohung im Zweiten Weltkrieg», sagt Eva Nägeli von der Denkmalpflege Schaffhausen.

Die SIG fertigte seit 1860 Waffen, schon deshalb galt das Areal wohl als mögliches Ziel eines Luftangriffs. Gemäss Burkhardt wurde der Bunker denn auch von Bund und Kanton als ­finanziell unterstützungswürdig angesehen, da dieser in einer «meistgefährdeten Zone» lag. Das geht aus einem Gesuch der SIG hervor. Burkhardt glaubt, dass es sich beim Bau um eine Werkschutzeinrichtung handelt. Leider sei dieses Themenfeld und auch der Bau selbst noch wenig erforscht.

Die einzelnen runden Stockwerke sind per Wendeltreppe miteinander verbunden – in deren Mitte sich der Luftkamin befindet. Es ist vor allem dieser Bautyp, der den Luftschutzbunker denkmalpflegerisch wertvoll und schützenswert macht, wie Eva Nägeli sagt. Steigt man die Wendeltreppe hin­ab, wird es von Etage zu Etage feuchter. Im untersten Stockwerk ist der Boden nass, Ansätze einer Tropfsteinhöhle sind zu entdecken: ein kleiner Stalaktit samt emporwachsendem Gegenstück.

Die Etagen sind dabei – bis auf Bänke und Regale – recht kahl. Allerdings ist noch viel von der Originalausstattung erhalten. «Wir haben acht ­Paletten Material aus dem Bunker im Lager, unter anderem Decken, Schutzmasken, Petrollampen und Gewehr­rechen», sagt Burkhardt. Der Bunker wäre durchaus als Museum geeignet. Den perfekten Museumsausgang gäbe es mit dem Notausgang auf jeden Fall schon: Dieser endet direkt am Rheinuferweg mit Blick auf den Rheinfall.

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