Der Genuss ist weg, aber der Diabetes auch

Publiziert am
Autor
Maria Gerhard

25 Kilogramm hat Michael Mäder aus Hallau abgenommen, seit er sich im August einer Schlauchmagen-OP unterzogen hat. Über seine Erfahrungen hat er regelmässig Tagebuch geführt.

Michael Mäder hat heute genau dasselbe Karohemd an wie vor fast sieben Monaten, als er schon einmal zum Thema Adipositas interviewt wurde (siehe SN vom 7. April): Damals sass es gerade richtig, heute jedoch schlackert es um seine Hüften. Und auch das Gesicht und die Arme des 43-Jährigen wirken um einiges schmäler als davor. Der Hallauer hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine genetische Veranlagung zu Adipositas, also Fettleibigkeit. Bei 1,80 Metern wog er 148 Kilogramm. Vor noch nicht ganz drei Monaten unterzog er sich einer Schlauchmagen-Operation. Sein Magenvolumen wurde dabei um etwa 80 Prozent reduziert.

Was sein Gewicht angeht, so hat sich bei Mäder seit dem Eingriff Erfolg eingestellt: Er hat bereits 25 Kilogramm verloren. In der Zeit vor der Operation und auch danach hat er viel über sich und seinen Körper gelernt. Seine Erfahrungen und Gefühle hat er auf mehreren DIN-A4-Blättern festgehalten – als eine Art Tagebuch.

Ein psychisches Auf und Ab

Etwa zehn Prozent der Schweizer leiden laut der Schweizerischen Adipositasstiftung an dieser Stoffwechselkrankheit. Es sind vor allem die Nebenerkrankungen, die später zum Problem werden: Bei Mäder wurde nicht nur Bluthochdruck, sondern wurden auch leicht erhöhte Zuckerwerte diagnostiziert – Diabetes im Anfangsstadium. Er hätte künftig Medikamente nehmen müssen, die laut seinem Arzt allerdings alle die gleiche Nebenwirkung haben: Sie machen dick. Mäder hätte also in den nächsten Jahren noch drastisch an Gewicht zugelegt. Daher wurde ihm zur Schlauchmagen-Operation geraten.

Die Zeit vor und nach der Operation war auch für seine Psyche belastend. So schreibt er in seinem Tagebuch:«Sonntag, der letzte Tag vor der Operation. Ich konnte die zentrale Frage für mich isolieren: Warum mache ich das überhaupt? Und da die Antwort ‹für meine Familie› ist, ist ein gewisser egoistischer Teil von mir dagegen, sich dem zu unterziehen. Ich möchte das Risiko einer Operation nicht zwingend eingehen. Und die daraus folgenden Einschränkungen möchte ich eigentlich auch nicht tragen. Es läuft darauf hinaus, dass ich zwar weiss, dass es richtig ist, aber die Gefühle sprechen dagegen. Ich werde es trotzdem tun.»

Er muss Proteine zuführen

Unmittelbar nach der Operation hat er starke Schmerzen im Magenbereich, was nach einem solchen Eingriff jedoch normal ist. Dagegen wird ihm unter anderem Morphium verabreicht. Gehen fällt ihm schwer, er ist schnell erschöpft und hat Probleme mit dem Kreislauf. Und es dauert auch ein paar Tage, bis er überhaupt wieder Lust auf etwas Nahrhaftes verspürt:«Essen? Was für Essen? Man mag eh nichts essen. Wasser trinken ist angesagt. Mehr gibt es nicht, und mehr mag man auch nicht.»Daneben spielt auch sein Gemüt verrückt: «Ich war schnell genervt, vor allem von Geräuschen», sagt er. Der entsprechende Tagebucheintrag dazu:«Heute stresst mich fast alles. Fast alle Geräusche. Seien es streitende Kinder, ein Stuhl, der vom Tisch weggezogen wird, oder ein kurzes Pling des Handys. Ich will nur meine Ruhe!»

Auch in den Wochen nach der OP muss Mäder sich daran gewöhnen, dass sein Magenvolumen sehr viel kleiner ist als früher. «Anfangs hätte ich vom Umfang her etwa ein Ei essen können», sagt er. Mittlerweile gibt es zum Mittagessen auch wieder ein belegtes Brötchen. «Aber dann bin ich ‹pumpevoll›», sagt er. Weil er nicht mehr so viel Nahrung wie im Durchschnitt ein gesunder Mensch zu sich nehmen kann, muss er seinem Körper regelmässig neben Vitaminpräparaten auch Proteine – etwa über Shakes – zuführen. Dafür studiert er die Angaben auf den Lebensmittelverpackungen genau: «Man muss zum Beispiel bei Joghurt aufpassen. Einige haben sehr viele Kalorien und dafür wenig Protein.»

Nach drei Bissen ist Schluss

Es fehlt Mäder hin und wieder, einfach zu essen, auf was er gerade Lust hat. «Neulich habe ich mich im Zug erwischt, wie ich eine Dame angestarrt habe», sagt er, «bloss, ich hab gar nicht sie angestarrt, sondern den Apfel in ihrer Hand.» Er muss kurz herzhaft lachen: «Ja, es ist nicht immer einfach. Essen ist schliesslich etwas Tolles, der reine Genuss.» Vor allem in den Ferien falle ihm das auf: Während sich seine Familie am Abend eine Pizza gönne, sei für ihn nach drei Bissen Schluss.

Daran wird sich in den nächsten Jahren wohl auch nicht viel ändern. Natürlich wird sich sein Magen wieder etwas weiten. Aber bei einer halben ­Essensportion wird Schluss sein. Ob er die OP mittlerweile bereut? «Es war absolut notwendig und daher richtig», sagt Mäder. Der Diabetes sei bei ihm nicht mehr nachweisbar. Und es fühle sich gut an, mit mehr Leichtigkeit vom Stuhl aufzustehen oder eine Treppe hochzusteigen. Er fange jetzt auch wieder mit Sport an, gehe auf den Hometrainer und mache Kraftübungen.

Natürlich hat sich die Familie von Michael Mäder sehr für ihn gefreut, nur seine kleine Tochter hat der Operation anfangs skeptisch entgegengesehen. «Sie hat gemeint, mein Bauch sei so praktisch als Kopfkissen zum Daraufliegen», sagt Mäder. Er habe sie dann beruhigt, dass das Kopfkissen wohl nie ganz verschwinden werde. Er strebt jetzt 94 Kilogramm Körpergewicht an. «Dann ist der Body-Mass-­Index nicht mehr im roten Bereich», sagt er, «das ist ein realistisches Ziel.»

Wer gerne einmal das Tagebuch von Michael Mäder lesen möchte, kann die PDF-Datei kostenlos unter tagebuchbitte@gmx.ch anfordern.

 

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