Der frühere Stift will Rimuss übernehmen

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Sidonia Küpfer

Der Bündner Andrea Davaz will die Rimuss- und Weinkellerei Rahm kaufen und die Existenz des Unternehmens in Hallau langfristig sichern.

Willy Oehninger und Esther Salathé-Rahm (v. l.) vom Stiftungsrat der Rimuss- und Weinkellerei Rahm AG wollen das Hallauer Traditionsunternehmen an den Bündner Weinbauer Andrea Davaz verkaufen; rechts Pressesprecher Andreas Bantel. Bild: Eric Bührer

«Wir mussten eine Lösung für die offenen finanziellen Fragen finden», sagte Willy Oehninger und machte damit deutlich, dass der geplante Verkauf der Rimuss- und Weinkellerei Rahm AG an das Bündner Weinbauunternehmen Davaz auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit war. Als Grund nannte das Stiftungsratsmitglied einerseits den schlechteren Geschäftsgang aufgrund härterer Konkurrenz namentlich durch Discounter. Er erwähnte aber explizit auch den Betrugsfall vom Frühjahr, als aufgeflogen war, dass der langjährige Finanzchef des Unternehmens grössere Beträge entwendet hatte. Wie viel Geld es genau war und ob das Geld tatsächlich in das grosse Hobby des fehlbaren Finanzchefs, in das Frauenfussballteam des FC Neunkirch, geflossen war, sei immer noch Gegenstand von Ermittlungen. Der zuständige Staatsanwalt Roland Flüeler erklärte gegenüber den SN, dass die Untersuchung zwar fortgeschritten, aber noch nicht abgeschlossen sei.

Mit Andrea Davaz soll ein Bündner Weinbauunternehmer das Traditionsunternehmen in Hallau übernehmen. Es sei der einstimmige Wunsch des Stiftungsrates, die Firma in die Hände des früheren Lehrlings zu legen, der nach seiner Ausbildung auch Betriebsleiter in der Rahm-Weinkellerei war. «Anfang Jahr dachten wir natürlich noch nicht, dass wir nun an diesem Punkt stehen würden», sagte Esther Salathé-Rahm, die gestern die Familie Rahm vertrat. «Doch wir sind glücklich, dass wir jemand so Gutes haben, mit dem das Unternehmen wieder erfolgreich werden kann. Unsere Mitarbeiter sind gut aufgehoben.» Davaz machte gestern klar, dass er alle 45 Mitarbeiter zu den heutigen Konditionen übernehmen wird.

Dieselbe Weltanschauung

Von den Nachkommen hatte offenbar niemand den Wunsch, die Firma selbst zu übernehmen. Davaz sei der Familie Rahm freundschaftlich verbunden, er sei kompetent und passe auch sonst gut zum Unternehmen, so teile er dieselbe Weltanschauung. Damit spricht sie die Verbundenheit mit dem christlichen Glauben an, der in ihrer Familie eine grosse Rolle spielt – und der auch dem künftigen Besitzer wichtig ist, wie er sagt.

 

 

Davaz ist verheiratet, Vater von sechs Kindern und kommt ebenfalls aus einem Familienbetrieb. Er sitzt für die SVP im Bündner Kantonsrat. Der studierte Önologe war bei Rimuss Betriebsleiter, als sein Bruder 1990 ein Weingut in der Toskana kaufte und er zurück ins bündnerische Fläsch musste, um zum Weingut zu schauen. Weil das Unternehmen schwach im Verkauf gewesen sei, hätten sie vier Jahre später die Weinhandlung von Salis gegründet, die heute in Maienfeld und Landquart vertreten ist. 2003 kam die Weinhandlung Valentin & von Salis in Pontresina hinzu und 2012 die Zanolari AG in Chur. 50 Mitarbeitende erwirtschaften einen Jahresumsatz von 32 Millionen Franken.

Weihnachtsgeschäft meistern

Mehrere seiner Kinder interessieren sich für das Weingeschäft, sind schon involviert oder wollen in den Familienbetrieb einsteigen. Das sei für seinen Entscheid, das Hallauer Unternehmen zu übernehmen, ganz zentral gewesen. Nur weil die eigenen Betriebe gefestigt seien, habe es überhaupt Sinn gemacht, an ein Engagement im Klettgau zu denken. Der Verkauf soll noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Bis dahin will Davaz in Hallau nichts verändern. Zuerst gelte es, das für Rimuss wichtige Weihnachtsgeschäft in Ruhe zu meistern. Das Signal, dass sich für Arbeitnehmer, Zulieferer und Weinproduzenten vorderhand nichts ändert, ist ihm wichtig.

Kann man ein Hallauer Unternehmen denn vom Bündnerland aus führen? Davaz winkt ab. Ab dem neuen Jahr werde er viel in Hallau anzutreffen sein. Denn: «Wir müssen nun die Ärmel hochkrempeln.» Es brauche einige Anpassungen, damit das Geschäft wieder erfolgreicher werde. Konkret werden will er aber erst, nachdem er die Abläufe vor Ort im Detail kennt. Der künftige Verwaltungsratspräsident will die einzelnen Produktionsschritte hautnah nachvollziehen: «Ich bin schon lange nicht mehr an der Füllanlage gestanden.»

«Anfang Jahr dachten wir natürlich noch nicht, dass wir nun an diesem Punkt stehen würden.»

Esther Salathé-Rahm, Rimuss-Stiftung

Während die technischen Details des Verkaufs noch finalisiert werden müssen, hat sich auf organisatorischer Ebene bei der Rimuss- und Weinkellerei Rahm AG schon einiges geändert. Formell ist die AG in der Rimuss-Stiftung enthalten, die alleinige Aktionärin ist. Die Mitglieder des Verwaltungsrates sind vorgestern zurückgetreten, um einem Familienverwaltungsrat mit Iris Fontana-Rahm und ihrem Ehemann Marco Fontana-Rahm Platz zu machen. Die beiden, die derzeit ferienabwesend sind, sollen die Familie Rahm beim Übernahmeprozess vertreten. Die Zukunft der Stiftung, die einen karitativen Zweck verfolgt und von Dividenden gespeist wurde, sei noch unklar, erklärte Salathé-Rahm.

 

 

Rimuss-Weinkellerei Rahm Der Familienbetrieb mit christlichen Wurzeln ist eine der grössten Kellereien der Deutschschweiz

Jakob Rahm war der Pionier, der vor 72 Jahren den Grundstein zum Familienunternehmen Rahm legte. Zusammen mit seiner Ehefrau Margrit baute er einen Landwirtschafts- und Weinbaubetrieb auf. Die zunehmende Motorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg brachte ihn auf die Idee, alkoholfreien Traubensaft zu produzieren. 1954 präsentierte sein Sohn Emil an der Olma in St. Gallen das alkoholfreie, moussierende Festgetränk, das bald den Namen Rimuss erhielt, einen Namen, den heute in der Schweiz jedes Kind kennt. «Immer zuerst das Geld verdienen, bevor man es ausgibt», war Jakob Rahms Devise. 1963 baute er einen neuen Keller, dessen Anlage sein Sohn Robert als Semesterarbeit entworfen hatte.

Als der Vater 1969 starb, gründeten seine Söhne Emil und Robert die Kollektivgesellschaft Rimuss-Kellerei Rahm & Co. Emil war der Marketing- und Verkaufsleiter, Robert übernahm die technische Leitung, die Finanzen, den Einkauf und den Aufbau des Rebbetriebs. Emil war ein Marketingprofi: Ihm ist es zu verdanken, dass der Begriff «Hallauer» mit einem Bekanntheitsgrad von 62 Prozent fast ebenso bekannt ist wie die Sorte Blauburgunder. Ausserdem schaffte er es, die Marke Rimuss zum Gattungsbegriff für perlende alkoholfreie Schaumweine werden zu lassen und unter die zehn emotional stärksten Marken der Schweiz einzureihen. Das Unternehmen wuchs stetig, und als 1992 rund 40 Traubenlieferanten im Kanton Zürich ihren Abnehmer verloren, übernahm Rahm ihre Ernte. 1995 wurden ein klimatisierter Weinkeller und eine neue Traubenannahme mit Pressanlage in Betrieb genommen. Damit wurde Rahm zu einer der grössten Kellereien der Deutschschweiz.

Mutter Margrit Rahm-Huber war eine aktive Christin in der Chrischona-Kirche und ihren Kindern ein Vorbild. «Als Christen streben wir danach, Christus ähnlich zu werden, ihm nachzufolgen in seiner Barmherzigkeit und Liebe, seinem Verständnis und seiner Hingabe, den Nächsten im Blick. Denn Dienen kommt vor Verdienen», bekennt Robert Rahm. Die christliche Grundhaltung des Familienunternehmens sei vielfach positiv aufgenommen worden, von Traubenlieferanten und Mitarbeitenden, was sich wiederum auch positiv aufs Unternehmen auswirkte. 2004 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Vier Jahre später wurden alle Aktien der neu gegründeten Rimuss-Stiftung für christlich-soziale Werke zum Nominalwert verkauft.

Roberts Sohn Peter, verantwortlich für die Entwicklung des Weinfachhandels und und massgeblich beteiligt an der Entwicklung der Premium-Weine der Linien Sélection Pierre, Schaffhuuser ART und Magistral, ist dieses Jahr aus der Firmenleitung ausgeschieden. Neuer Betriebsleiter seit Anfang September ist Philipp Rüttimann, Rüdiger Steck ist der fachliche Betreuer der Traubenlieferanten, Kellermeister ist Thomas Meier, ehemals Lindenhof AG in Osterfingen. (us)

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