«Es ist nicht in Ordnung zu schweigen»

Publiziert am
Autor
Maria Gerhard

Ein Exhibitionist hat die 18-jährige Mahela Stamm in Thayngen sexuell belästigt. Das war ein Einschnitt in ­ihrem Leben. Heute sagt die Schülerin: «Darüber muss man reden.»

Am Bahnhof in Thayngen stieg sie aus und wollte zum Haus ihres Freundes laufen: Mahela Stamm wurde hier im Blumenwegli von einem Exhibitionisten sexuell belästigt. Bild: Selwyn Hoffmann

Ein sehr heisser Sonntag im Juni dieses Jahres, es ist gegen 14.45 Uhr: Mahela Stamm, 18 Jahre alt und aus Schaffhausen, fährt mit dem Zug gerade in Thayngen ein. Sie hat sich mit Kolleginnen fürs Schwimmbad verabredet. Vorher will sie sich bei ihrem Freund – der nahe dem Bahnhof wohnt – ein Velo ausleihen. Noch als sie im Waggon sitzt, sieht sie auf der Strasse einen Radfahrer. «Warum fährt der denn so schnell?», denkt sie, «er will wohl den Zug schaffen.» Stamm steigt aus, läuft durch die Unterführung, dann die Treppen hoch – da steht der Mann. Diesmal denkt sie: «Warum schaut der mich so dumm an?» Sie läuft eilig weiter, biegt ins Blumenwegli ein. Kein Mensch ist sonst auf der Strasse.

Stamm hört, wie sich der Mann auf seinem Velo von hinten nähert, er fährt erst ganz nah an sie heran, dann lässt er wieder etwas Abstand, um wieder näher zu kommen. Stamm fühlt sich unwohl, belästigt. Es sind noch ein paar Hundert Meter bis zum Haus. Dann entblösst der Mann seinen Oberkörper. Er fährt an der jungen Frau vorbei. Sie sieht nur, dass er Hosenträger und einen Pulsmesser um die Brust trägt.

Sie will anderen Mut machen

Was weiter passiert, ist für Mahela Stamm ein Einschnitt in ihrem Leben. Als Opfer allein will sie sich aber heute nicht darstellen, vielmehr als jemand, der gelernt hat, damit umzugehen. «Ich will darüber reden. Es ist nicht in Ordnung zu schweigen», sagt sie. Schliesslich habe man auch eine Verantwortung denen gegenüber, die es ebenfalls treffen könne. Deshalb lädt sie andere Betroffene ein, mit ihr Kontakt aufzunehmen und sich auszutauschen.

Als Stamm an besagtem Nachmittag das Blumenwegli hochläuft, funktioniert sie nur noch, wie sie sagt. Laufen, atmen. Gleich hat sie es geschafft, das Haus ihres Freundes ist nicht mehr weit. Doch der Mann ist mit dem Velo stehengeblieben und wartet hinter ­einem Zaun auf sie. Er unternimmt ­sexuelle Handlungen an sich selbst. Stamm beginnt zu rennen. Er ruft ihr anzügliche Bemerkungen hinterher. Die junge Frau erreicht das Haus. Dort ruft sie die Polizei.

Fünf weitere Frauen belästigt

Es sind Hosenträger und Pulsmesser, die den Mann letztlich am selben Tag noch überführen. Es kommt heraus: Der 26-jährige Deutsche war Ende Juni 2016 wiederholt im Raum Thayngen und im Schaffhauser Stadtgebiet unterwegs. Mindestens fünf weitere Frauen hat er belästigt. Stamm war die Jüngste. Die Schaffhauser Polizei veröffentlicht – auch über die SN – einen Aufruf: Weitere Betroffene sollen sich melden. Das Verfahren läuft laut der Staatsanwaltschaft Konstanz derzeit noch.

«Aber es gab auch welche, die gesagt haben, ich solle versuchen, es positiv zu sehen.»

Mahela Stamm, Schülerin

Stamm kennt durch Zufall eine Frau, die vom selben Mann belästigt wurde. Diese hat sich jedoch nicht bei der Polizei gemeldet. Stamm kann das bis zu einem gewissen Grad auch nachvollziehen. «Im ersten Moment schämt man sich so sehr», sagt sie, «man fühlt sich ausgenutzt und mit Dreck beworfen.» Auch wenn der Mann sie nie angefasst, sie nur im Vorbeifahren kurz ­gestreift habe. «Man wird rein zum ­Objekt degradiert.»

Unterschiedliche Reaktionen

Die Scham ist das eine, das andere sind die Reaktionen des Umfelds, die einen zum Teil verunsichern. Stamm hat im Bekanntenkreis erzählt, was ihr passiert ist. Viele hätten Verständnis gezeigt. «Aber es gab auch welche, die gesagt haben, ich solle versuchen, es positiv zu sehen. Man könne das ja auch als eine Art Kompliment betrachten.» Wieder andere hätten ihr Erlebnis sogar angezweifelt. «So, als würde ich lügen.» Das habe sie erschrocken, empört, traurig gemacht. «Denn man trägt wirklich Schaden davon.»

Anfangs sei sie ohne Begleitung nicht mehr vor die Tür gegangen. Die Schwester oder die Mutter hätte sie immer zur Schule gebracht. Im Unterricht habe sie trotzdem öfter gefehlt, weil es ihr nicht gut ging. Und auch ihr Selbstvertrauen hat gelitten: «Man geht nicht mehr so leicht auf Menschen zu.» Und heute noch, wenn ein Velofahrer an ihr vorbeifährt, fühlt sie sich unsicher und ängstlich. Doch Mahela Stamm ging bewusst in die Offensive: Sie besuchte die Opferhilfe Schaffhausen und vertraute sich einem Psychiater an. Ein Selbstverteidigungskurs hat sie zusätzlich gestärkt. Ausserdem hat sie durch die Erfahrung, die sie gemacht hat, auch andere Frauen kennengelernt, die ebenfalls sexuelle Gewalt erfahren haben. Da hat sie gemerkt, wie wichtig es ist, sich auszutauschen. So bestärkt, ist sie letzte Woche vor ihre Schulklasse hingetreten und hat ihren Mitschülern alles erzählt. Sie will aber noch weiter aufklären und wird bald einen Vortrag in ihrer Schule halten. Ausserdem wird sie wahrscheinlich am Ende des Monats in Bern bei der weltweiten Aktion «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» an einer Podiumsdiskussion teilnehmen.

Wer Interesse daran hat, sich mit Mahela Stamm über das Thema auszutauschen, kann sich unter folgender E-Mail-Adresse melden: tauschdichaus@web.de

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