Kesb: Zunahme im Klettgau als Ausnahme

Publiziert am
Autor
Saskia Baumgartner

Stark angestiegen sind zuletzt die Kesb-Fälle im Klettgau. Im gesamten Kanton nehmen diese dagegen nur leicht zu. Die Fallzahlen liegen gar unter dem schweizweiten Durchschnitt.

In den Klettgauer Gemeinden haben die Kesb-Fälle in den letzten Jahren stark zugenommen. Eine Ursache dafür kann weder die zuständige Berufsbeistandschaft Neuhausen noch die Kesb nennen. Bild: Key

Seit dem 1. Januar 2013 gibt es drei ­regionale Berufsbeistandschaften im Kanton Schaffhausen, die Mandate im Auftrag der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) führen. Die Berufsbeistandschaft Neuhausen, zu der auch der Klettgau sowie Buchberg und Rüdlingen gehören, gab seit ihrem Start vor allem wegen ihrer überlasteten Mitarbeiter zu reden.

Grosse Fallzunahme im Klettgau

Bereits zum dritten Mal innert drei Jahren stellt der Neuhauser Gemeinderat in diesen Tagen den Antrag, die Stellenpensen der Berufsbeistände zu erhöhen (siehe SN vom 5. Oktober). Weil die Anzahl Mandate dort stetig steigt, ist die Arbeitbelastung zu gross geworden, drei der acht Mitarbeiter ­haben im laufenden Jahr sogar gekündigt. Allein vom 31. August 2016 bis zum 31. August 2017 kletterte die Anzahl Mandate um 19 Prozent von 285 auf 338. Gemäss der Neuhauser Sozialreferentin Franziska Brenn findet der Zuwachs grösstenteils in den Klettgauer Gemeinden statt. Laut Brenn lag die Fallzahl im Klettgau Anfang 2013 bei 30, mittlerweile ist sie auf 128 an­gewachsen. Das entspricht einer Vervierfachung innerhalb von viereinhalb Jahren.

Andere Entwicklung im Kanton

Die Kesb des Kantons Schaffhausen, welche den Berufsbeistandschaften die Fälle zuweist, kann zu den ­Zahlen keine Stellung nehmen. Die ­Behörde erfasse keine Zahlen für einzelne Regionen, sondern nur für den gesamten Kanton. «Und da ist die Entwicklung nicht übermässig», sagt ­Denise Freitag von der Kesb.

«Vielleicht hat es für die Kesb zu Beginn länger gedauert, die Klettgauer Fälle aufzuarbeiten?»

Hansruedi Schuler, Gemeindepräsident Beringen

Im Januar 2013 hat die Kesb 946 Mandate von den kommunalen Vormundschaftsbehörden im gan- zen Kanton Schaffhausen übernommen, etwa ein Drittel davon betrafen Kinder, zwei Drittel Erwachsene. Per 1. Januar 2017 ist die Anzahl auf 1092 Mandate gestiegen (siehe Tabelle). Bei den Kindern betrug der Zuwachs 10 Prozent (von 302 auf 332 Fälle), bei den Erwachsenen lag der Anstieg in vier Jahren bei 18 Prozent (von 644 auf 760 Fälle).

Anstieg nach Systemumstellung

Allerdings fand die Zunahme an Fällen nicht kontinuierlich statt, sondern vor allem im ersten Jahr nach der Systemumstellung. Damals stiegen die Mandate um rund 13 Prozent. Gemäss Denise Freitag hat dies mit den verschiedenen Arten der Erhebung der Fälle zu tun. Gab es früher bei den Vormundschaftsbehörden der Gemeinden zum Beispiel öfter nur ein Dossier für eine Familie, stellt bei der Kesb jedes schutzbedürftige Kind einer Familie einen einzelnen Fall dar.

Freitag spricht grundsätzlich von einer «leichten» Steigerung der Fallzahlen im Kanton Schaffhausen seit Einführung der Kesb. Sie verweist auf die schweizweiten Zahlen. Im Vergleich zum Landesmittel schneidet der Kanton Schaffhausen relativ gut ab: Ende 2016 lag die Anzahl Kinder mit Schutzmassnahmen schweizweit bei 28,35 Fällen pro 1000 Kinder, im Kanton Schaffhausen waren es 24,56 Fälle. Bei den Erwachsenen waren es 12,97 Fälle pro 1000 Personen, im Kanton Schaffhausen 11,3 Fälle.

Demografische Ursachen

Grundsätzlich sind im Kanton Schaffhausen in den letzten Jahren die Erwachsenenschutzmassnahmen stärker angestiegen als die Kindesschutzmassnahmen. Dies könnte gemäss Denise Freitag mit der demografischen Entwicklung zu tun ­haben: «Wenn die Menschen älter werden, kommt es öfter zu ko­gnitiven Einschränkungen.» So zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Thema Demenz. Weitere Gründe seien etwa psychische Belastungen und immer weniger ausreichende Unterstützung in der Familie.

Markus Tanner von der Berufsbeistandschaft der Stadt Schaffhausen hat eine weitere Erklärung dafür, dass sich die Fallzahlen seit dem Start der Kesb im Kanton erhöht haben: Die Einführung des neuen Systems und die damit verbundene öffentliche Debatte habe zu einer erhöhten Sensibilisierung für Gefährdungssituationen in der Bevölkerung geführt.

Neue Anonymität

All dies erklärt aber noch immer nicht die starke Zunahme der Schutzmassnahmen im Klettgau. In Beringen, der grössten Gemeinde des Klettgaus, kann Gemeindepräsident Hansruedi Schuler nur spekulieren: «Vielleicht hat es für die Kesb zumindest zu Beginn länger gedauert, die Klettgauer Fälle aufzuarbeiten – etwa aus administrativen Gründen?» In den Vormundschafts­behörden kleinerer ­Ge- meinden habe man früher sicher anders gearbeitet als etwa in Neuhausen, wo man schon vor der Gesetzesänderung professionell tätig gewesen sei. Schuler betont, dass dies aber nur ein Erklärungsversuch sei.

«Ich denke, dass mit der Kesb eine neutrale Anlaufstelle geschaffen wurde.»

Denise Freitag, 
KESB-MITARBEITERIN

Die Neuhauser Sozialreferentin Franziska Brenn mutmasst, dass die Mandate im Klettgau seit Einführung der Kesb mitunter deshalb gestiegen sind, weil sich die Anwohner nun eher trauen, Gefährdungsmeldungen zu machen. Vielleicht habe man früher in Dörfern, wo jeder jeden kenne, eher Hemmungen gehabt, einen Verdacht zu melden. Denise Freitag stimmt Brenn im Grundsatz zu: «Ich denke, dass mit der Kesb eine neutrale Anlaufstelle geschaffen wurde.» Dies erleichtere manchen Menschen sicherlich, eine Meldung zu machen.

Verschiedene Arten der Erhebung

Freitag sagt, dass man die Statistik der Neuhauser Berufsbeistandschaft allerdings auch nicht genau mit jener der Kesb vergleichen könne. Die Daten würden unterschiedlich erhoben. So sei ein Fall für die Kesb mit dem Ende der Massnahme, mit dem Tod eines Mandanten oder mit dessen Volljährigkeit (beim Kindesschutz), beendet. Bei den drei ­regionalen Berufsbeistandschaften hingegen müsse noch ein Schlussbericht geschrieben werden, erst dann werde der Fall nicht mehr in der Statistik geführt.

Für Neuhausen sind die zunehmenden Fälle vor allem problematisch wegen der Planung des Personalbestands. Hierfür ist die Gemeinde zuständig, die stets nur reagieren kann. Natürlich bedeuten die steten Aufstockungen der Stellenpensen auch zusätzliche Kosten. Diese teilt sich Neuhausen aber mit den angeschlossenen Klettgauer Gemeinden ­sowie Buchberg und Rüd- lingen.

Freitag sagt, dass Gemeinden niederschwellige Angebote schaffen könnten – in der Stadt Schaffhausen etwa gebe es unter anderem die Jugend­beratung, die Beratungsstelle für Partnerschaft und Schwangerschaft, die Schulsozialarbeit und das Familienzentrum. Durch solch niederschwellige Angebote könne man frühzeitig hilfesuchende Personen unterstützen, sodass die Kesb nicht tätig werden müsse und Schutzmassnahmen gar nicht ­nötig sein würden.

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