Simon Adam: Der Flurschaden ist nicht leicht zu erfassen

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Ulrich Schweizer

Die gute Nachricht vorweg: «Güterhof», «Beckenburg» und das Catering des «Park Casinos» – alle drei führen ihren Betrieb weiter. Doch bei seinem Abgang hat der Senkrechtstarter Simon Adam ­offene Rechnungen hinterlassen – und bei der Eröffnung hohe Beträge von Lieferanten kassiert, wie es scheint.

Der Betrieb, das Leben geht weiter – die Gäste geniessen am Nachmittag auf der Güterhofterrasse die Herbstsonne, nachdem der drohende Konkurs abgewendet werden konnte. Doch viele Lieferanten müssen grosse Verluste verschmerzen. Bild: Ulrich Schweizer

Der drohende Konkurs des Restaurants Güterhof nach dem Ausscheiden von Simon Adam konnte abgewendet werden, insgesamt bleiben so mehr als 50 Arbeitsplätze in der Schaffhauser Gastronomie erhalten.

Federführend in der Schadens­begrenzung war die Bülacher Investorenfamilie Bangerter, die alle fünf Firmen von Essen&Kunst übernommen hat, um «zu retten, was zu retten war», wie Thomas Bangerter auch im Namen seiner Eltern sagt. «Wir haben drei GmbH und zwei Aktiengesellschaften übernommen. Denn wenn man nicht eingetragen ist, erhält man auch keine Auskunft, und es war notwendig, die Übersicht zu haben. Auf der operativen Seite ist Massimo Balloi unser Mann, der rechnen kann.»

Bleibt die Frage, was nicht zu retten war, beziehungsweise wie gross die Verluste aufseiten der Investoren und Lieferanten sind.

«Wir haben drei GmbH und zwei Aktiengesellschaften übernommen, um zu retten, was zu retten war.»

Thomas Bangerter, Investor

Am Montag waren Thomas Bangerter und seine Eltern Judith und Jürg sowie Oliver Malicdem, Simon Adams ehemaliger Partner in Essen&Kunst, erleichtert, denn das Schaffhauser Obergericht hatte den über dem Restaurant Güterhof drohenden Konkurs «mit Entscheid vom 22. September 2017 aufgrund der inzwischen eingereichten Forderungsverzichte die Konkurseröffnung definitiv aufgehoben», wie es in der Medienmitteilung vom 25. September heisst. Dazu Bangerter: «Das Obergericht hat alles abgewendet, für uns ging es um grössere Summen. ­Verena Prager, die zwar im ‹Güterhof› keine Funktion mehr hat, die uns aber in den letzten Wochen mit ihren Verbindungen und ihrem Know-how nach Kräften unterstützte, musste grosse Abstriche machen, ebenso Lieferanten und Unternehmer. Dabei kann man mit einem Betrieb wie dem ‹Güterhof› ja eigentlich nichts falsch machen – der brummt wie von selber. Aber Adam hat teuer eingekauft und andere von seinen Betrieben via den Güterhof querfinanziert. Um den Konkurs abzuwenden, hat unsere Familie auf Forderungen verzichtet – und nochmals Liquidität eingeschossen, damit Lieferanten bezahlt werden konnten.»

Die Familie Bangerter hat bei der Staatsanwaltschaft Zürich Klage gegen Simon Adam eingereicht wegen Betrugs, ungetreuer Geschäftsführung, Veruntreuung und Diebstahls.

Der Charme des jungen Wilden

Unabhängig voneinander berichten Thomas Bangerter und Verena Prager, wie Simon Adam es lange Zeit fertigbrachte, dass die verschiedenen Investoren sich nie begegneten, und so den gegenseitigen Austausch verhinderte.

Wenn ein Restaurant einmal geschlossen ist, bekommt es augenblicklich eine ungute Aura, und eine Wiedereröffnung ist stets schwierig. Dazu Bangerter: «Solange ein Restaurant aber offen ist und läuft, melden sich auch grosse Investoren als Interessenten.» Namen wollte er nicht nennen. «Wir sichern die Arbeitsplätze, damit es weitergeht mit dem ‹Güterhof›, mit dem ganzen Team, im selben Format. Es ging, wie gesagt, darum, zu retten, was zu retten war, damit alle Beteiligten möglichst wenig verlieren.»

«Ich war anfangs begeistert von Simon Adam – reden konnte er, Leute motivieren und blenden.»

Karin Stoll, Geschäftsführerin im «Güterhof»

Verena Prager, die den «Güterhof» zum Leben erweckt hat und zwanzig Jahre mit Herzblut führte, bekennt: «Wir glauben primär an das Gute im Menschen, wir wollen ja jungen Menschen in der Gastronomie unser Vertrauen schenken und üben Nachsicht», sagt sie. «Simon kam so bescheiden und sympathisch daher und hatte keine Einträge.»

Heute versteht die erfahrene Gastronomin nicht mehr, wie sie Adams Charme erliegen konnte: «Wer Simon Adam gekannt und erlebt hat, versteht, dass wir noch heute verständnislos dastehen. – Wenn mich ein Lieferant anrief, redete ich mit Simon, damit er endlich bezahlte. Die Tragik mancher Lieferanten ist, dass sie Simon Adam unglaublich hohe Summen bezahlt haben, um ihn überhaupt beliefern zu dürfen.»

Alle drei Betriebe machen weiter

Karin Stoll, Geschäftsführerin im Restaurant Güterhof: «In der Sommersaison sind wir mit allen Aushilfen und dem Backoffice 47 Mitarbeitende. In der Zeit, als der Konkurs drohte, wurden die Löhne für alle Mitarbeitenden in unserem Team voll ausbezahlt – zu Adams Zeiten herrschte oft Unsicherheit.» Zu Simon Adam meint sie: «Ich war anfangs begeistert von Simon Adam, das hatte er gut im Griff, reden konnte er, Leute motivieren und blenden. Oft machte er mich wütend, wenn er zum Beispiel unsere Lieferanten auf die Bezahlung warten liess, Termine nicht einhielt und so weiter. Seit dem 10. Juni habe ich ihn nie mehr gesehen oder gehört.»

Zur aktuellen Situation sagt die Geschäftsführerin: «Die Leute glauben an uns, wir glauben an uns, 99 Prozent der Buchungen blieben ­bestehen, für Weihnachtsfeiern und Hochzeiten im kommenden Jahr.»

Im Restaurant Beckenburg wird um elf Uhr eine Reservation für drei Personen auf 12.15 Uhr entgegengenommen, und Geschäftsführer Claudio Natale bringt die frisch ausgedruckten Karten für das Mittagsmenü, den Burg-Lunch. Er ist seit der Neueröffnung nach der Renovation November 2016 hier Gastgeber, zusammen mit Küchenchef Marc Köhler führt er das Restaurant in eigener Regie als «K&N Gastro Innovation GmbH» weiter. «Es war ein Übergang ohne Qualitätsverlust», versichert Natale. Ihre Lieferanten haben die Jungunternehmer zum Teil gewechselt – offen bleibt, ob dies auf eigenen Antrieb geschah.

Andi Weibel, der früher auf dem «Rossberghof», Wilchingen, kochte, ist jetzt Geschäftsführer im «Park Casino»: «Unser Cateringbetrieb läuft weiter wie bisher, unter der Führung der prager.gastronomie ag, wo Familie Bangerter eingesprungen ist», hält er fest.

Eintrittspreise für Lieferanten

Wer alles nach dem Ausscheiden von Simon Adam aus allen seinen Positionen wie viel abschreiben musste, bleibt nach der Recherche unklar: Manche der angefragten Lieferanten geben grundsätzlich keine Auskunft zu offenen Rechnungen, konkrete Zahlen will niemand nennen.

Nicht immer ging es dabei lediglich um ausstehende Bezahlungen von Obst und Gemüse, Bier und Wein. Mehrere Seiten beschreiben ein Geschäftsmodell, wonach Lieferanten dem Unternehmer Adam grössere, bis sechsstellige Summen bezahlten, um längerfristige Abnahmevereinbarungen zu erhalten. Dieses System erinnert an die gängige Praxis, dass Bierbrauereien für das exklusive Schankrecht in einem Restaurant dessen Einrichtung von der Anrichte bis zum Zapfhahn finanzierten.

War die Brauerei Falken im konkreten Fall betroffen? «Auch wir mussten auf Forderungen verzichten», sagt Markus Höfler, CEO und Delegierter des Verwaltungsrates der Schaffhauser Brauerei Falken auf telefonische Anfrage der SN. «Aber wir haben bald gemerkt, dass der junge Wilde auch in der wirtschaftlichen Denke wild war, und haben dann gebremst. Grundsätzlich sind Brauereien bis heute die Banken der Restaurants, das ist in der ganzen Schweiz so. Auch von uns hat Simon Adam einen Betrag erhalten, wie von vielen anderen seiner Lieferanten auch – allerdings im Rahmen eines unternehmerisch noch kalkulierbaren Risikos. Wir liefern jetzt weiterhin in den neuen ­Güterhof.»

 

Simon Adam. Bild: Selwyn Hoffmann

 

Pablo Nett, Geschäftsführer der GVS Weinkellerei, bekennt: «Wir hatten Glück, dank unserem rigorosen Mahnwesen. Es gab Verzögerungen bei den Bezahlungen, wir bekamen ein schlechtes Gefühl und haben rechtzeitig Kontakt aufgenommen und drangen auf umgehende Bezahlung.»

Hassan Akpinar, Geschäftsführer des Familienbetriebs Oceanis Comestibles in Schaffhausen, hält nicht hinter dem Berg: «Wir haben leider mit Simon Adam auch zu tun gehabt und haben Verluste zu tragen, aber Beträge, die wir verkraften können. Adam hat auf dem Platz Schaffhausen grossen Schaden angerichtet, ja Existenzen gefährdet – schaut dir in die Augen und lügt dabei. Zum Glück haben wir ihm kein Geld geliehen. Er wollte von den Lieferanten Geld, um damit arbeiten zu können, zum Teil sechsstellige Summen.»

War das Adams Geschäftsmodell? Der Verdacht verdichtet sich: Er hat in rascher Folge ein halbes Dutzend Betriebe übernommen. Wenn er von den Lieferanten jeweils hohe Einstiegssummen verlangte, konnte er sich so finanzieren – «von einer Beiz zur anderen».

Paolo Bianchi, Vertreter der vierten Generation des gleichnamigen Lebensmittelhändlers mit Sitz in Zufikon AG («Hier riecht’s nach frisch»), antwortet auf Anfrage der SN mit einer knappen Mailnachricht: «Wir äussern uns nie zu Ausständen von Kunden.» Auch Rolf Spiller-Tenti vom Winterthurer Gemüsegrossisten Tenti («Sempre contenti con Tenti»), ebenfalls in der vierten Generation, mochte sich auf Anfrage der SN nicht äussern.

Für sauberen Tisch im wortwörtlichen Sinne und für frische Stoffservietten im «Güterhof» sorgt die Wäscherei Schilt & Partner. «Wir arbeiten sieben Tage die Woche für die ‹Güterhof›-Tischwäsche und haben keine Verluste zu beklagen», sagt Marcel Schilt auf telefonische Anfrage. «Wir haben immer nachgehakt bei Karin Stoll, und irgendwie wurden unsere Rechnungen immer bezahlt. Wenn kein Geld mehr gekommen wäre, hätten wir unsere Dienstleistung einfach gestoppt.»

Aber nicht nur Lieferanten und Investoren, auch Toni Awad von Steinemann Taxi GmbH hat eine Rechnung mit Simon Adam offen: In der Woche vom 10. bis 17. August 2017 hat er ihm tausend Franken ausgeliehen, ausserdem hat Adam 1348 Franken für Taxifahrten nach Zürich nicht bezahlt.

Die «Bergtrotte» war vorsichtiger

Mäni Frei, Verwaltungsratspräsident der Bergtrotte Gastronomie AG, erzählt, wie es kam, dass die «Bergtrotte» verschont blieb – und vielleicht auch das Vorfinanzierungsmodell ein Ende fand: «Ursprünglicher Pächter der Bergtrotte Osterfingen war die Firma Essen&Kunst by Adam & Co. GmbH mit einem Haftungskapital von 25 000 Franken. Dieses Kapital bildete aus Sicht des Verpächters keine Geschäftsbasis für die Zukunft. Der Verpächter bestand darauf, dass eine AG mit einem Haftungskapital von 100 000 Franken gegründet wird, was per 1. April 2017 auch geschah. Einer der Aktionäre war Simon Adam, der auch im Verwaltungsrat sass. In Bezug auf die Verantwortlichkeiten gilt Kollektivunterschrift zu zweien (Vier-Augen-Prinzip). Anfang August 2017 ist Adam sowohl als Verwaltungsrat als auch als Aktionär aus der Bergtrotte Gastronomie AG ausgeschieden.»

«Ich habe selber mein ­Lebenswerk zerstört. Ich habe viel erreicht und bin nun sehr tief gefallen.»

Simon Adam, junger wilder Gastronom

Der gescheiterte Gastronom Simon Adam war trotz mehrfacher Versuche nicht zu erreichen. In seiner Stellungnahme vom 20. Juni 2017, die den SN vorliegt, schrieb er: «Ich übernehme die volle Verantwortung für alles, was ich angerichtet habe. Als ersten Schritt habe ich per sofort alle Ämter als CEO, VR-Mitglied und Gesellschafter von den verschiedenen Betrieben der ­Essen&Kunst-Gruppe niedergelegt. Ich bitte meine Familie, meine Freunde, unsere Mitarbeitenden, Partner, Lieferanten und natürlich alle meine mir sehr treuen Gäste um Entschuldigung. Ich habe selber mein Lebenswerk zerstört. Ich habe viel erreicht und bin nun sehr tief gefallen.»

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