Hier werden die Tanks wieder aufgefüllt

Publiziert am
Autor
Daniel Jung

Ein Grenzübergang, fünf Tankstellen, ein Museumsbahnhof, ein Gebetshaus und beschriftete Randsteine: Das bietet die Strasse Petersburg und Moskau in Ramsen.

Sommerserie Unsere Strasse (IV) – Petersburg und Moskau, Ramsen

Die Kantonsstrasse H332 führt von Stein am Rhein über ­Hemishofen nach Ramsen. Pro Tag benutzen rund 6800 Motorfahrzeuge die Strasse, davon sind knapp 350 Lastwagen. Auf den letzten rund 900 Metern trägt die Strasse, die zum Grenzübergang nach Rielasingen führt, zwei markante Namen: Die ersten 400 Meter werden Petersburg genannt, die letzten 500 Meter heissen Moskau.

Diese Flurbezeichnungen hängen gemäss der Herleitung des früheren Gemeindeschreibers Fritz Gnädinger mit den Kriegswirren zwischen Franzosen und Russen um das Jahr 1800 zusammen. Östlich des Dorfes Ramsen befand sich zeitweise ein zaristisches Heerlager. 1822 baute ein Bürger dort ein Haus, und weil er Peter (Neidhart) hiess, taufte der Volksmund die neue Siedlung an der Landstrasse Petersburg – in Erinnerung an die Russenzeit. Ein zweites Haus wurde, quasi als Pendant dazu, Moskau genannt. Darum heisst das Bahnhofsquartier von Ramsen Petersburg, und die Gebäude beim Hauptzollamt heissen Moskau – wie die zwei grössten russischen Städte.

Zwei prägende Kräfte

Bei Russland denken viele an Revolution und Sozialismus. Petersburg und Moskau in Ramsen sind jedoch stark geprägt von der freien Marktwirtschaft. Konkret sind es zwei Kräfte, welche das Geschehen entlang der Strasse besonders prägen: der Wechselkurs und der Benzinpreis. Denn auf den knapp 900 Metern gibt es fünf Tankstellen, alle mit einem angeschlossenen Shop: zwei Filialen der Migrol und je eine Tankstelle der Marken Eni, Socar und BP. «Wir sind stark auf deutsche Kundschaft angewiesen», sagt Cornelia Schellenberg, die seit 32 Jahren in Moskau lebt und früher selbst ein Tankstellen-Geschäft betrieb.

Zwischen den Tankstellen besteht ein Wettbewerb. Doch obwohl es keine preislichen Absprachen gibt, haben die fünf Tankstellen praktisch immer dieselben Preise. Gestern kostete ein Liter Bleifrei 95 an allen fünf Tankstellen exakt 1.37 Franken. Die Tankstellen unterscheiden sich also kaum über den Preis, sondern durch Qualität, Freundlichkeit und das Angebot im Shop. Trotz der Konkurrenz sei der Umgang miteinander freundlich. «Man kennt sich und hilft sich auch ein-­ mal mit Kassenrollen aus», sagt eine Mitarbeiterin.

Schwankungen im Treibstoffmarkt

Aktuell ist der Benzinpreis rund 10 bis 15 Rappen tiefer als in Deutschland. Deshalb lohnt es sich für die zahlreichen Grenzgänger, in Moskau oder Petersburg haltzumachen. «Früher kamen die Kunden noch von weiter her, um hier zu tanken», sagt Oksana Frey von der Eni-Tankstelle. Weitere Fahrten, nur um in der Schweiz zu tanken, lohnten sich für viele heute nicht mehr.

«Früher kamen die Kunden noch von weiter her, um hier zu tanken.»

Oskana Frey, Verkäuferin Eni-Tankstelle

Jedoch hat das Geschäft mit dem Treibstoff schon viele Schwankungen durchgemacht. Während der Ölkrise in den 1970er-Jahren wurden die damals bereits existierenden Tankstellen in Ramsen hart getroffen. Die Familie Rupf etwa, die den bekannten Migros-Partner-Supermarkt und die zwei Migrol-Tankstellen in Petersburg betreibt, musste Anfang der 1970er-Jahre ihr Personal deutlich reduzieren, nachdem der Benzinpreis in der Schweiz um 10 Rappen auf­ge­schlagen hatte. «Plötzlich waren 75 Prozent des Umsatzes weg», erinnert sich Marianne Rupf.

Direkt sichtbarer Eurokurs

Derzeit ist die Geschäftsentwicklung an der Strasse stark vom Eurokurs geprägt. Im Supermarkt der Rupf AG kaufen viele deutsche Kunden ein, die gezielt Schweizer Produkte suchen. Den Zerfall des Eurokurses konnte Marianne Rupf direkt beobachten. Sie sagt: «Wenn die Kunden vor zehn Jahren noch einen Einkaufswagen füllten und vor fünf Jahren noch ein Körbchen nahmen, so kommen sie heute nur noch mit einzelnen Produkten in den Händen zur Kasse.»

Randsteine mit Inschrift

In diesem Sommer ist das Durchkommen in Moskau erschwert: Das kantonale Tiefbauamt führt dort seit Mai Bauarbeiten durch – man befindet sich in der zweiten von drei Etappen. Dabei wird die Strasse etwas schmäler gestaltet und der Belag erneuert. Auf der östlichen Seite erhält die bisher trottoirfreie Strasse neu einen Gehsteig, auch werden auf beiden Seiten Velo­streifen markiert. In jeden zehnten Randstein, der verlegt wird, ist das Wort «Moskau» eingraviert, wie der Baupolier Daniel Bürgi erklärt. Aufgrund der Baustelle ist aktuell ein Bereich in Moskau nur einspurig befahrbar – der Verkehr wird mit einer Ampel geregelt. Bis September sollen die Arbeiten dann abgeschlossen sein.

Von der Baustelle betroffen ist Johannes Hirschi, der im letzten April in Moskau die Garage Hirschi Automobile eröffnet hat. Er hat aktuell weniger Fahrzeuge vor seiner Garage ausgestellt als erhofft, weil sich Bauarbeiten mit glänzenden Karosserien nur bedingt vertragen. Dass es in Moskau aber viel Durchgangsverkehr gibt, kommt Hirschi grundsätzlich entgegen. «So sehen viele Leute meine ­Angebote», sagt er.

Grenzgänger und Einkaufstouristen

Was Hirschi aufgefallen ist, seit er die Garage eröffnet hat, ist die grosse Zahl der Grenzgänger, die am Morgen von Deutschland in die Schweiz zur Arbeit fahren. «Da fahren unglaublich viele Autos vorbei», sagt er. Zum Wochenende hin sind es dann viele Schweizer, die in Ramsen die Grenze überqueren, um in Singen einzukaufen. «Das wird wohl nochmals zunehmen, wenn in Singen das neue Einkaufszen­trum fertig ist», vermutet Hirschi.

Der Verkehr über die Grenze bei Ramsen ist heute ausschliesslich motorisiert. Die Bahnlinie, die von Etzwilen über Ramsen nach Singen führt, wird seit 1969 nicht mehr für den Personenverkehr genutzt. 1996 wurde auch der Güterverkehr eingestellt. Befahren wird die Strecke aber weiterhin, und zwar als Museumsbahn mit historischen Schienenfahrzeugen. Mit dem Schienenvelo kann man mit Muskelkraft auf den Geleisen von Ramsen bis nach Hemishofen fahren.

Verzollungsfirmen und Grenzhaus

Neben Zapfsäulen, Gewerbebetrieben und einigen Wohnhäusern gibt es in Petersburg und Moskau auch noch eine Gartenbaufirma, das Bistro Wohnzeit, das Wohnheim Ilgenpark für Menschen mit Behinderung sowie eine stattliche Anzahl von Speditionsfirmen, die hier ihre Verzollungsbüros unterhalten.

Direkt vor der Grenze, im ehemaligen Zollhaus, befindet sich das Grenzhaus, eine Begegnungsstätte auf christlich-sozialer Basis. Der Unternehmer Siegfrid Schmid hatte das Haus im letzten Jahr erworben. «Seit Anfang Jahr füllt es sich langsam mit Leben», sagt Jörg Niessen, der sich im Grenzhaus freiwillig engagiert. Regelmässig treffen sich im Haus Christen, um gemeinsam zu beten oder Lieder zu singen. Im Keller wurde eine Tauschbibliothek eingerichtet. «Wir sind ein offenes Haus an einer pulsierenden, lebendigen Ader», sagt Niessen. Auch Passanten, Lastwagenfahrern und Touristen stehen die Räume zur Verfügung, um sich zu erholen und den mentalen Tank aufzufüllen.

 

Neuen Kommentar schreiben

Diese Funktion steht nur Abonnenten und registrierten Benutzern zur Verfügung.

Registrieren