Hier sagt man «Grüezi» und «Guten Tag»

Publiziert am
Autor
Maria Gerhard

Auf dem Vögelingässchen in Schaffhausen verläuft die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland. Die Bewohner sehen es gelassen und üben sich in der Leichtigkeit des Seins.

Unsere Strasse (I) – Vögelingässchen, Schaffhausen und Büsingen

Prallt die Sonne so stark auf den Asphalt, dass der Teer leicht zu dampfen beginnt, wird es lebhaft im Vögelingässchen: In Badehosen oder im Badeanzug, das Frotteetuch über die Schultern geworfen, treten die Bewohner vor die Tür und marschieren gen Rhein – zur Abkühlung. Dort im Wasser findet dann so etwa wie ein kleines Nachbarschaftstreffen statt. «Man kann tatsächlich so das eine oder andere Gespräch führen», sagt Hilde Egg. Zusammen mit ihrem Mann Christoph bewohnt sie ein Haus im Vögelingässchen – auf der deutschen Seite. Denn hier, zickzack auf der Strasse, verläuft die Grenze zwischen der Stadt Schaffhausen und der deutschen Enklave Büsingen. Doch wer von Schaffhausen vom Rhein her kommt und hoch auf die Felder mit den blühenden Sonnenblumen läuft, merkt herzlich wenig davon, dass er mindestens dreimal EU-Land betritt. Einzig acht mitunter recht versteckte Grenzsteine weisen darauf hin. Irgendwo krächzt ein Rabe, ansonsten liegt eine wohltuende Ruhe über den Häusern rechts und links. Genauso entspannt sind hier die Bewohner. Die hiesige Devise scheint zu sein: leben und leben lassen. Und trotzdem achtet man auf einander.

Flüsterpost am Rhein

«Wir treffen uns alle zu zwei Anlässen im Jahr», sagt Egg, «einmal zum Nachbarschaftsfest im August und das zweite Mal im Winter.» Da lädt Familie Zürcher, sie wohnt weiter oben gegenüber den Feldern und besitzt ein Reisebüro in Schaffhausen, schon seit zwanzig Jahren zum Glühweinumtrunk ein. «Das ist eine schöne Tradition», sagt Egg. Es sei überhaupt sehr angenehm mit den Nachbarn, auf beiden Seiten der Grenze. Die geografische Besonderheit falle dabei nicht ins Gewicht. Nur Touristen fänden das noch spannend. Manchmal sitzt Familie Egg bei warmen Temperaturen abends in ihrem Boot, das unterhalb der Strasse am Rheinufer vertäut ist. Zuweilen fahren dann deutsche Velo­gruppen vorbei. «Jetzt sind wir in Deutschland», ruft einer, und wie bei der Flüsterpost, nur um einige Dezibel lauter, wiederholt es der Nächste, bis auch der Letzte in der Reihe weiss, auf was für einem Grund er gerade fährt. «Das ist immer recht lustig», sagt Egg, «denn für uns ist das normal.»

Doch so schön die Familie es hier mit dem Rhein und der Wiese vor ihrem Haus hat, vom Administrativen her gesehen ist es doch nicht immer leicht auf deutscher Seite. «Es ist eigentlich ein ständiger Hürdenlauf. In Büsingen ist alles komplizierter», sagt Egg. Jeder habe da ein Beispiel: vom Ausländerzuschlag, der die Krankenkasse teurer mache, bis hin zu der Frage, wer die Kosten übernehme, wenn es um weiterführende Schulen in der Schweiz gehe. Den Deutschen, die neu in die Enklave zögen, würde es bald zu kompliziert. «Mann muss wirklich mit dem Herzen dort wohnen, sonst geht man wieder», sagt Egg. Politisch gesehen sind sie zwar Deutsche, aber eigentlich fühlen sie sich als Schweizer. «Wir haben schon oft darüber nachgedacht, wie es wäre, den Grenzstein zu versetzen», sagt Egg im Scherz.

«Wir haben schon oft darüber nachgedacht, wie es wäre, den Grenzstein zu versetzen.»

Hilde Egg, Anwohnerin Vögelingässchen

Nur zwei Gebäude

Wer in die Historie des Vögelingässchens etwas tiefer eintauchen möchte, klingelt bei Emma Meier, sie wohnt in einem der Terrassenhäuser – auf Schweizer Seite. Sie hat Besuch von ihrer grossen Schwester Elisabeth Mühlegg, die mit 83 Jahren ganze 17 Jahre älter ist. Beide sind geborene Waldvogel. Ein Name, der eng verbunden ist mit der Grenzstrasse. Auf dem Esstisch haben sie Schwarz-Weiss-Fotografien ausgebreitet, auf denen ein Bauernhaus mit Fachwerk zu sehen ist. «Darin sind wir fünf Geschwister aufgewachsen», sagt Mühlegg. Damals war das Gässchen noch ein reiner Landwirtschaftsweg. Gemeinsam mit dem Zollhaus, das auch heute noch vom Rhein her kommend ganz am Anfang der Strasse steht, die einzigen Gebäude weit und breit. Vor dem Zweiten Weltkrieg haben hier abwechselnd ledige Zöllner gewohnt. «Die mussten bei uns immer hinten durch den Garten, damit sie mit ihren Uniformen keinen deutschen Boden betreten haben», erinnert sich Mühlegg. So streng sei das damals noch gewesen. Heute fährt nur immer mal wieder ein Polizeiauto durch die Strasse. Nach dem Krieg sei der Zoll mit der Schranke recht schnell abgebaut worden. Und auch das Bauernhaus haben die Geschwister, als es nur noch leer stand und der Efeu sich in den verwaisten Zimmern breitmachte, 2003 abreissen lassen. Heute stehen auf dem einstigen Grund der Familie Waldvogel mehrere Terrassenhäuser und Bungalows. Von den fünf Geschwistern leben vier im Vögelingässchen oder in der Nähe.

 

Einer der Gründe, warum es sie nicht weiter weg verschlagen hat: «der Rhy». «Wenn man so aufgewachsen ist wie wir, braucht man das Wasser», sagt Emma Meier. Als Kinder hätten sie schon sehr früh schwimmen gelernt, noch mit einem Korkgürtel um die Taille. Das Vögelingässchen bedeute für die Geschwister heute noch in erste Linie «eine heile Welt», wie sie sagen. Der Verkehr ist überschaubar, schliesslich gilt hier Fahrverbot. Und so kann Emma Meier ohne Bedenken mit ihrer Katze, die ihr folgt wie ein Hund und darum in der ganzen Strasse bekannt ist, jeden Abend auf die Felder laufen.

Mit einem Bein in der Schweiz

Im obersten Terrassenhaus, dort, wo das Vögelingässchen in eine scharfe Kurve übergeht, wohnt Familie Gloor. «Er ist ein bekannter Künstler», heisst es bei den Nachbarn. Die Haustür öffnet aber seine Frau Izabella. Im Wohnzimmer serviert sie Kaffee und Muffins. Direkt über dem Sofa hängt ein Original von Emanuel Gloor. Mit seinen Bildern versucht er, Musik sichtbar zu machen. Dunkle Striche kombiniert mit Neonfarben transportieren eine ganz eigentümliche Spannung. «Ich sage immer, wir wohnen da, wo die einen Grüezi und die anderen Guten Tag sagen», erklärt Izabella Gloor und lacht. Zwei Enkelkinder sind oft zu Besuch. Ihren Schulkameraden in Zürich haben sie stolz erzählt: «Da kannst du mit einem Bein in der Schweiz und mit dem anderen in Deutschland stehen.» Die Klassenkollegen haben es nicht geglaubt. Gloor: «Bis wir Fotos von den Grenzsteinen gemacht haben.»

Sie weiss auch, warum das Vögelingässchen so heisst, wie es heisst. «Ich habe einmal gehört, dass es einen Herrn Vögelin gegeben haben soll, der in Buchthalen lebte», sagt sie, «er pflegte jeden Tag zum Rhein hinunterzulaufen.» Es könnte also sein, dass sich dieser Herr Vögelin dort zwischen Wiesen und Buschwerk einen Pfad gemacht hat, den später vielleicht auch andere verwendet haben. Später wurde die Strasse immer weiter ausgebaut. Ganz bewiesen ist die Geschichte allerdings nicht. Aber tatsächlich gibt es in den «Schaffhauser Nachrichten» aus dem Jahr 1890 eine Todesanzeige zu einem verdienten Herrn Oberlehrer Vögelin in Buchthalen, der bei «Wind und Regen, Sturm und Schneegestöber» jeden Tag nach Schaffhausen lief. Und wer weiss, womöglich war es ja tatsächlich jener Herr Vögelin, nach dem die Strasse benannt ist. Und vielleicht hat er sich – an so heissen Tagen, wie es sie derzeit auch gibt – immer mal wieder ein kühles Bad im Rhein gegönnt. So wie es mittlerweile schon Tradition ist.

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